Turi am Sonntag: Die Kunden zwingen die Verlage ins Web 2.0. Dort wartet mit gewetzten Messern eine frustrierte Avantgarde.
Kurz vor der großen Feier zum 40. Jubiläum kam es beim altehrwürdigen Branchendienst Kress-Report zu einem Einbruch: Alphablogger Felix Schwenzel stahl sich, bewaffnet mit einer gehörigen Portion Chuzpe und soliden Programmierkenntnissen, im Schutz der Dunkelheit ins ungesicherte Redaktionssystem von kress.de und änderte an einem kleinen, aber entscheidenden Punkt den Inhalt der Branchenseite „täglich kress“: Dort hatte die Redaktion das Entführungsopfer Natascha Kampusch in dem grenzinfantilen Abstimmungsspiel „Liebling des Monats“ genannt. Dies missfiel Schwenzel, er griff beherzt zur Selbsthilfe und ersetzte die Kandidatin durch „die Alte von Günther Kress“. Bis die kress-Redaktion ausgeschlafen hatte, war die Nachricht vom erfolgreichen Hack der Kress-Seite über Schwenzels gut besuchte Seite www.wirres.net bereits in der Blogger-Szene durch, mit Screenshot und der branchenüblichen Häme.
Zum Schaden wurde Kress-Verleger Thomas Wengenroth zwar nur der Spott, der Doktor der Jurisprudenz reagierte dennoch betont humorlos und schickte Schwenzel eine Abmahnung samt Kostennote. Die Seitenmanipulation sei eine Art digitaler Hausfriedensbruch und künftig ebenso zu unterlassen wie die zugefügten Beleidigungen („Praktikantenjournalismus“, „Arschlöcher“). Der Blogger zog’s Schwenzel ein, entschuldigte sich telefonisch bei Wengenroth und löschte kommentarlos die Seite – eigentlich eine Todsünde in der Bloggerszene, wo bereits die heimliche Korrektur eines Fehlers als Manipulation gilt.
Über die ganze Sache schien Gras gewachsen, da kommt am Freitag dieser Woche ein Wiederkäuer und frisst es weg: Auftritt Don Alphonso, selbsternannter Rächer der Entbehrten, Beschützer von Web-Witwen und Waisenknaben. Heißt im wahren Leben Rainer Meyer, lebt von dem Glauben, dass ohne ihn die Blogosphäre unter die „Johurnaille, PR-Nutten und Blog-Versager“ fällt. Der gefühlte Blog-Pate – Typ: untersetzte Statur, überdünktes Selbstbewusstsein – nimmt die Eröffnung des eher harmlosen www.kressblog.de zum Anlass, auf seiner gut besuchten und alles andere als harmlosen Seite www.blogbar.de eine Kriegserklärung an Kress abzusetzen: „Ihr seid in meinen Augen die Aussätzigen hier draußen. Und ich hoffe, dass ihr auch genauso behandelt werdet.“
Die Kausa Kress versus Schwenzel/Meyer erhellt schlaglichtartig einen Konflikt, der die Medienszene noch einige Jahren beschäftigen wird:
Das Aufeinandertreffen von Verlagen, die sich dem Web 2.0 des Jeder-kann-mitmachen öffnen müssen, und den Alpha-Tieren der Blogszene, die gern die Herrschaft über die wachsende Blogosphäre behalten würden. Dass Kress über vier Jahrzehnte das Zentralorgan der deutschen Verlage geblieben ist, macht den Verlag zum bevorzugten Hassobjekt von Schwenzel und Rainer Meyer/Don Alphonso, dem Laut-Sprecher der Alt-Blogger.
Kunsthistoriker Meyer inszeniert seine Kampagnen stets als Virtuose der Erregungs-Erregung: Wortgewaltige Suaden animieren seine Leser zu hämisch-krachledernen Kommentaren, die Meyer wiederum zu immer weiteren Ausfällen Anlass geben. Das Schema ist stets das Gleiche: Meyer sucht sich ein prominentes Opfer, an dessen Bekanntheit er wachsen kann, bedient sich vulgärmartialischen Vokabulars, inszeniert ein Kesseltreiben in mehreren Akten, behält "immer eine Kugel im Lauf“, wie er selbst schreibt, und macht, wenn sein Opfer zu Fall gebracht ist, in den virtuellen Gewehrschaft "eine Kerbe“.
Wie jeder Journalist kann Meyer nur Erfolg haben, wenn unterm Rauch auch Feuer ist: der StudiVZ-Gründer und Vorzeige-Entrepreneur Ehssan Dariani musste im März 2007 nicht zuletzt deshalb bei der Studenten-Community gehen, weil seine Verfehlungen – indezente Videos, eine verunglückte Nazi-Satire, insgesamt eine manische Selbstbezogenheit – durch Meyers Kampagne ein öffentliches Thema wurde.
Doch Blog-Protagonist Meyer segelt bei seinen Attacken auf die etablierten Medien unter falscher Flagge: Er behauptet, die "Blogkultur“ retten zu wollen – in Wahrheit geht es ihm, wie fast jedem Medienmacher, nicht zuletzt um die eigene, ganz persönliche Meinungsmacht. Das Phänomen Meyer zu unterschätzen, hieße, das Phänomen Web 2.0 – die mediale Herrschaft der Massen – zu unterschätzen. Wer wissen will, wie Agenda-Setting und Kampagnen-Journalismus im Info-Gewirr des neuen Internet funktioniert – bei Meyer kann er’s lernen.
Woher der Hass? Und was treibt die sogenannten Alt-Medien in das verminte Gelände der Blogs? Fachtitel wie Kress haben erkannt, dass im Zeitalter der digitalen Rückkopplung ein Branchen-Dienst auch ein Gespräch sein muss – und nicht nur ein Vortrag. Also Blogs, in denen die Beiträge der Leser, aber auch die Vernetzung mit anderen Blogs eine Art orts- und zeitunabhängiges Fachgespräch ermöglicht. Über Querverweise, Links und Rücklinks entsteht ein komplexes Kommunikations-Gebilde, das dem traditionellen Publizieren in seiner Dynamik und Offenheit so weit überlegen ist wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia dem Großen Brockhaus.
Aus dieser Kenntnis speist sich auch die Selbstgewissheit der Alphablogger. So müssen sich in den 20er-Jahren Automobil-Bauer und in den 50ern Atom-Ingenieure gefühlt haben: Wir sind die Zukunft – über eure Gräber wird der Wind wehen. Ein Gefühl, das jedem Generationenkonflikt zugrunde liegt. Indem das Establishment die digital befähigten Underdogs abblockt, wiederholt sich das Drama des hochbegabten Kindes – die Rebellion der jungen Wilden gegen die Altvorderen und das Medien-Establishment verschafft sich auf vielerlei Weise Luft: in den beispiellosen Pöbeleien von Meyer, in den endlosen Nörgeleien von www.stefan-niggemeier.de und in den vielen Beckmessereien ungezählter Weblogs.
Dabei sind sich die beiden Generationen von Medienmachern viel ähnlicher als sie denken: Wer nach oben will, braucht hier wie dort loyale Leser und Zuträger, sowie die Fähigkeit, sein eigenes Machtstreben mit Hinweis auf höhere, ideelle Ziele zu kamouflieren.




















Tja, Herr Turi. Sie behaupten fröhlich, der Streit Ix vs. Kress sei alt und begraben. Recherche hätte sich gelohnt - fragen Sie Herrn Ix mal, ob die Sache nicht lebendiger ist als je zuvor...