einestages-mit-schatten
Kann ein Medium, dass seine Leser 60 Jahre lang von oben herab bedient hat, dessen Redakteure von der Vorstellung durchdrungen sind waren, vieles, wenn nicht alles, besser zu wissen als seine Leser - kann ein solches Medium eine Community aufbauen und darin seine Leser gleichberechtigt zu Wort kommen lassen?

Puh, schwere Frage, der "Spiegel" hat lange darüber nachgedacht und glaubt jetzt mit der Zeitgeschichte-Community einestages.de eine Antwort gefunden zu haben (das Projekt lief ein paar Monate unter dem Decknamen "Hund", angedachte Namens-Alternativen wie "Speicherstadt" wurden verworfen). Denn wenn die Leser goutieren, was am Montag mit knapp zwei Monaten Verspätung offiziell online geht und für neugierige Medienmacher unter der Adresse http://einestages.spiegel.de als reifes Beta jetzt schon zu besichtigen ist, dann hat der "Spiegel" so etwas geschafft wie die Quadratur des Kreises: User Generated Content mit Anspruch, eine Community, wie sie zu einem Nachrichtenmagazin passt, eine Art Magammunity sozusagen. Das, was bisher so selten war wie ein Eisbär in der Wüste: Web 2.0 mit Niveau.

zeitzeugen-mit-schattenDie Chance stehen nicht schlecht, denn einestages.de, das ab Montag wie ein eigenes Ressort in die vielbesuchte SpOn-Homepage integriert wird, sein sehr eigenes Look and Feel aber behält, sieht gut aus. Und ist verdammt gut durchdacht. "Spiegel Online" hat seine Hausaufgaben gemacht, die Zeitgeschichte-Community mit reichlich Inhalt gefüllt: Zwei Dutzend Kooperationspartner vom Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz bis zum Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr (mehr Infos hier) haben ihre Archive geöffnet und digital zur Verfügung gestellt. Hunderte von Artikeln, die Hälfte davon aus dem SpOn-Archiv, die andere Hälfte extra für einestages.de geschrieben, markieren den inhaltlichen Anspruch.

ElvisJetzt können die Nutzer sich registrieren und als "Zeitzeugen" ihre Infos, Fotos und später auch Videos beitragen. Die Themen reichen dabei von der großen Politik über das persönliche Schicksal ("Auswandern") bis zum Populären ("Geliebter Fußballclub FC St. Pauli"). In der Rubrik "Fundbüro" wird der Leser sogar ausdrücklich befragt: Wer sind diese Elvis-Fans? Wer hat ein Bild von der "Kristallnacht" in Hamburg? Alles wird von SpOn-Mitarbeitern geprüft, das "Spiegel"-Niveau soll erhalten bleiben.

Die betreuenden Redakteure Florian Harms, Hans Michael Kloth und Solveig Grothe (ex-"Netzeitung") werden bisher nur von einige Aushilfskräften unterstützt, bei Erfolg soll die Redaktion (eigentlich: das Ressort) aber deutlich ausgebaut werden. Werbebuchung sind ab Mitte Oktober möglich, und zwar die SpOn-typischen Formate wie Wallpaper und Skyscraper, auch Werbung in einem der beiden Beine "Zeitzeugen" oder "Themen" werden möglich sein. Die einestages.de soll in echtem Teamwork entstanden sein, SpOn-Cheffe Mathias Müller von Blumencron und sein Vize Wolfgang Büchner haben das Team um Harms, Kloth und Solveig einerseits kräftig angetrieben, andererseits machen lassen.