interview2: Xing-Chef Lars Hinrichs, spricht im turi2-Interview aus aktuellem Anlass über den Anti-Facebook-Pakt OpenSocial, die neue Offenheit seine Business-Networks und sein enges Verhältnis zu Google. Außerdem beanwortet er die Frage, ob er Xing nicht lieber gleich an Google verkaufen will. Im lexikon2 gibt es Basis-Infos zu Lars Hinrichs und Xing.

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Frage: Xing hieß mal OpenBC, gibt sich inzwischen aber ziemlich verschlossen. Sie verhindern jeden Datenaustausch mit anderen sozialen Netzwerken und halten Ihre Seiten klinisch rein von Drittprogrammen. Warum kämpfen Sie plötzlich an der Seite von Google beim Projekt OpenSocial für Offenheit?

Hinrichs: Xing ist und war nicht verschlossen. Das sieht man schon daran, dass wir als erstes Business-Netzwerk den Export von Kontakten ermöglicht haben. Wir haben uns einem Standard angeschlossen, der es uns – wie auch anderen Netzwerken ermöglicht – schneller zu entwickeln und den Nutzer weitaus mehr entscheiden zu lassen, wie er seine sozialen und beruflichen Netzwerke in Zukunft nutzen möchte.

Beobachter gehen davon aus, dass es sich bei OpenSocial um eine Anti-Facebook-Koalition handelt. Sind Sie der "Google-Gang" beigetreten, um den Höhenflug von Facebook zu stoppen?

Hinrichs: Letztes Jahr war es der Hype um MySpace, dieses Jahr gehört PR-technisch gesehen Facebook. Dabei darf man nicht aus den Augen verlieren, dass es überschaubar wenig Geschäftsmodelle bislang im Social Networking Markt gibt, die überhaupt nachhaltig Geld verdienen und schlussendlich auch profitabel sind. Bei Facebook geht es um das "soziale" Netzwerken, bei Xing steht das "professionelle" Networking im Vordergrund.

Lars Hinrichs sehr hochkantGlauben Sie, dass auch Facebook bei OpenSocial noch dazustoßen wird?

Hinrichs: Das ist eher unrealistisch, da Facebook eine Politik des "Walled Garden" verfolgt - also das Prinzip Gartenzaun, ähnlich wie AOL es jahrelang getan hat. Alle Daten und Applikationen müssen zu Facebook gehen, das entspricht nicht der Philosophie des Internet. Wir brauchen keine neue Ebene, das Web ist die Plattform.

Wie weit geht Ihre neue Offenheit denn? Wird es einen Austausch von Nutzerdaten mit StudiVZ und Lokalisten geben?

Hinrichs: Bei OpenSocial geht es nicht um den Austausch von Nutzerdaten, sondern um Applikationen, die auf verschiedensten Netzwerken laufen können.

Aber gerade der Austausch von Nutzerdaten wäre für die Mitglieder interessant, denn wer will schon mehrere Profile parallel pflegen. Kann wenigstens der Medienmacher seine Daten bei kressköpfe und Xing künftig abgleichen?

Hinrichs: Medienmacher können heute schon abgleichen, welche ihrer Köpfe auch bei Xing sind – nur halt noch nicht automatisiert. Abgleichen ist eine von vielen Anwendungsmöglichkeiten, manche Xing-Mitglieder wollen vielleicht von Medienmachern produzierte Inhalte auf ihre Xing-Seiten importieren.

Die Meldungen von spiegel.de oder kress.de sind dann nur kleine Fensterchen im großen Xing?

Hinrichs: Das sind praktische und einfach einzubindende Anwendungen. Viel interessanter wäre es zu sehen, ob zum Beispiel über meine Kontakte etwas in den Nachrichten steht oder ich die Möglichkeit habe, meine Kontakte auf interessante Dinge schnell aufmerksam zu machen.

Glauben Sie eigentlich an die Vision, dass die persönlichen Sites der Social Networks für viele Menschen zur Startseite im Web werden?

Hinrichs: Auf jeden Fall. Das ist der große Trend, der sich abzeichnet. Es ist für den Menschen offensichtlich wichtiger in erster Linie zu wissen, was seine Kontakte machen, als die neuesten redaktionellen Nachrichten zu verfolgen. Das Internet ist mit dem Web2.0 wieder beim Menschen angelangt. Das war im Web-1.0-Zeitalter nicht immer der Fall – da fehlte zum Teil völlig der Gedanke an den Mehrwert für den Nutzer.

Was würde das konkret bedeuten? Ich fange meinen Arbeitstag nicht mehr auf iGoogle mit News, Mails und Feeds oder bei spiegel.de an, sondern bei Xing?

Hinrichs: Das entscheidet der Nutzer schon heute so.

Halten Sie das nicht für reichlich größenwahnsinnig? Facebook als soziales Betriebssystem – das ist doch nur ein Marketing-Gag oder das Hirngespinst eines überspannten 23-Jährigen, oder?

Hinrichs: Das ist Marketing und kein Gag. Aber wenn man es etwas genauer betrachtet, gibt es sogar eine erstaunliche Ähnlichkeit. Wie bei einem Betriebssystem machen die populärsten Applikationen fast 90 Prozent des gesamten Traffics aus. Bei den heutigen Betriebssystemen werden auch bei weitem nicht mehr alle zur Verfügung stehenden Funktionen genutzt. Das beste und effektivste Betriebssystem ist Linux – sehr offen und sehr sicher. Das ist bei Facebook nicht der Fall.

Sprechen wir mal über die Perspektiven von Xing. Die Dynamik beim Aktienkurs und auch im Dienst selbst ist nicht allzu beeindrucken. Was wollen Sie gegen die Stagnation tun?

Hinrichs: Welche Stagnation? Der Umsatz steigt stetig und nachhaltig, es gibt kein Social Netzwerk, das mehr Zahler hat als Xing. Die Nutzerzahlen allein haben sich von April bis September 2007 verdoppelt und der Zuwachs an neuen Funktionen allein in diesem Jahr sind ein eindeutiger Beleg für unsere Freude an Innovation und Umsetzung. Stand heute gibt es weltweit kein Businessnetzwerk, dass aktiver ist als Xing und kein Web2.0 Unternehmen, dass es außer uns an die Börse geschafft hat.

Ihr Modell eines bezahlten Premium-Accounts kommt mehr und mehr unter Druck. Bei Ihrer spanischen Neuerwerbung zahlt kaum jemand Gebühren. Und der große Konkurrent Facebook ist auch kostenlos. Wo sollen künftig die Erlöse herkommen?

Hinrichs: Wir gewinnen täglich mehr an neuen zahlenden Mitglieder dazu. In Spanien ist der Markt noch nicht so fortgeschritten, wie zum Beispiel der deutsche Markt, zumal es bislang in Spanien nicht üblich war, für qualitativ hochwertige Services zu zahlen. Wir sehen, dass Nutzer mehr und mehr bereit sind, in gesonderte Funktionen und Angebote zu investieren. Dabei wird es sicherlich zu einer Verschiebung der Leistungen kommen: Was heute etwas kostet, kann morgen vielleicht den Nutzern kostenlos zur Verfügung stehen, während im gleichen Schritt die Premium-Services weiter aufgewertet und ausgeweitet werden. Wir sehen zudem weitere potenzielle Erlösquellen für Xing, die wir in nächsten Monaten weiter ausbauen werden, zum Beispiel den Marketplace.

Das Werbegeschäft eines Social Networks ist extrem schwierig. Bei Holtzbrinck sind die hochfliegenden Pläne mit StudiVZ zerplatzt. Sehen Sie dennoch ein Erlöspotential bei Anzeigen für Xing?

Hinrichs: Ich kann als Außenstehender kaum die Lage von StudiVZ bewerten. Werbung kann eine Erlösquelle sein, aber nicht zum jetzigen Zeitpunkt.

Microsoft hat für 1,6 Prozent an Facebook 240 Millionen Dollar bezahlt. Ihr Börsengang hat ganze 35,7 Mio Euro erlöst – neidisch?

Hinrichs: Wir haben bei unserem Börsengang einen Erlös von knapp 78 Mio. Euro gesamt erzielt, von denen 37,5 Mio. Euro dem Unternehmen zugeflossen sind. Neid? Ganz sicher nicht. Es ist eher eine Bestätigung für uns, dass Social Networking mehr als nur ein Hype ist. Ein hoher Preis ergibt sich immer in einer Wettbewerbssituation. Es gab mehr als einen, der für Facebook geboten hat. Einige sicher auch, um den Preis nach oben zu treiben.

Haben Sie Ihre neue Freundschaft mit Google schon begossen? Es sind ja nur ein paar Schritte vom Gänsemarkt in die ABC-Straße in Hamburg, wo die Google Deutschland-Zentrale sitzt.

Hinrichs: Nachdem wir im September den NetSoccer Beach Clash im Finale gegen Google gewonnen hatten, haben sie uns zur Revanche in eine Bar eingeladen. Auch dieses "Match" haben wir gewonnen. Mit Google Deutschland verbinden uns viele Geschäftsbeziehungen und Freundschaften. Die Einladung, uns als Launchpartner für OpenSocial mit an Board zu nehmen, kam jedoch direkt aus dem Google Headquarter in Kalifornien.

Wäre es nicht das Beste, Sie würden Xing rechtzeitig an Google zu verkaufen? Als Solitär haben Sie im Sumo-Ringen der Giganten doch ohnehin keine Chance.

Hinrichs: Wir gewinnen täglich viele neue Nutzer hinzu, sind marktführend für Business Networking in Europa. Wir haben ein profitables Geschäftsmodell, dass nun mit Marketplace um eine weitere Ertragssäule ergänzt wurde. Wir sehen, dass ausländische Netzwerke es weiter schwer haben, im europäischen Markt Fuß zu fassen – und wir glauben an unser Produkt und unsere Geschäftsidee.