Matthias Urbach, Leiter von taz.de, über den Web-Giganten Google, Suchmaschinen-Optimierung und die Zukunft der linken "taz" im Netz.
Herr Urbach, Sie haben sich schon häufig recht kritisch über Google geäußert. Haben Sie was gegen die Suchmaschine?
Urbach: Ich habe nichts gegen Suchmaschinen. Google aber ist inzwischen in erster Linie eine Maschine zur Vermarktung von Anzeigen. Fast alles, was Google anbietet, ob Google Maps, Suche, Gmail oder Onlinesoftware, dient dem Zweck, mehr über die Nutzer rauszukriegen, um am Ende effektiver Anzeigen plazieren zu können - egal ob auf google.com selbst oder auf Seiten von Google-Kunden.
Was ist denn Google für taz.de? Heils- weil Trafficbringer oder hinterlistiger Parasit?
Urbach: Natürlich bringt uns Google eine Menge Traffic, aber das tut der Perlentaucher auch. Hätte Google einen kleinen Marktanteil, würden mehr andere Dienste an seine Stelle treten - und der Traffic wäre unterm Strich eher besser für taz.de. Denn wenn es nur eine dominante Suchmaschine gibt, können große Player ihre Website leichter auf die, sagen wir mal, Vorlieben dieser Suchmaschine abstimmen. Das können wir aber nicht.
Investieren Sie in Suchmaschinen-Optimierung?
Urbach: Es gibt Newsportale, die beschäftigen etwa so viele Leute für Suchmaschinenoptimierung wie taz.de in seiner gesamten Online-Redaktion. Es ist doch so: Dieses Spiel können Sie nur spielen, wenn Sie viel Personal und Know-how haben. Sonst ändert Google seinen Suchalgorithmus, straft eine bestimmte Optimierung ab, auf die Sie gesetzt haben und Sie brauchen ein Jahr, bis Sie wieder bei Google sichtbar sind. Übrigens kann man auch ohne Tricks besser bei Google gelistet werden: Indem man dort nämlich Werbelinks kauft - etwa auf ein Dossier zur Fußball-EM. Das ist gängige Praxis der Konkurrenz. Den meisten Usern fällt gar nicht auf, dass die Links oben und rechts bei der Google-Suche gekaufte Werbelinks sind.
Auch Sie ärgern sich wie Hans-Jürgen Jacobs von sueddeutsche.de darüber, dass andere Nachrichten-Websites von Google News besser aufgenommen werden.
Urbach: Mein Ärger hält sich in Grenzen. Aber ja, wir werden etwas schlechter als der Durchschnitt aufgenommen. Weil wir nicht in Suchmaschinenoptimierung investieren - und weil Google News letztlich nur den Mainstream wiederspiegelt. Mit exklusiven Meldungen oder den taztypischen Geschichten kommen sie kaum auf die Startseite von Google News. Falls doch, schießen bei uns die Klicks für diesen Artikel sofort rasant in die Höhe. Insgesamt ist für taz.de aber der Trend des Social Bookmarkings interessanter.
Wie wichtig ist der Online-Ableger eigentlich für die genossenschaftlich organisierte, nicht gewinnorientierte "taz"?
Urbach: Die Genossenschaft ist ja keine Lebensversicherung. Wenn junge Leute lieber am Bildschirm, als in der Zeitung lesen - dann tangiert das auch unser Geschäftsmodell. Zunächst ist Online einfach ein weiterer Vertriebskanal, um neue Leser zu finden und alte zu binden. Wir waren zwar als erste überregionale Zeitung online, mit einer täglichen 1:1-Kopie unserer Zeitung. Dann haben wir uns aber vornehm zurückgehalten. Erst seit einem Jahr sammeln wir Erfahrungen mit einer taz.de-Website, die aktuell von einer Online-Redaktion gestaltet wird.
Sie haben taz.de gerade wieder überarbeitet, haben die Blogs aufgewertet und RSS-Feeds eingeführt. Muss taz.de zwonulliger werden?
Urbach: Nicht alles, wo 2.0 drauf steht, ist auch sinnvoll. Aber vieles, was zum Web 2.0 gezählt wird, ist ja "taz"-typisch: Der freie Diskurs, das gesellschaftliche Engagement. Das war ja schon die Gründungsidee der "taz" vor knapp 30 Jahren. Wir haben gegenüber anderen Zeitungen den Vorteil, dass wir Nutzer haben, die sich schon als Community, als Gemeinschaft verstehen. Und tatsächlich wollen wir denen im nächsten Schritt Angebote machen.
Print ist tot, sagen überzeugte Onliner. Was antwortet der Online-Chef einer linken Tageszeitung?
Urbach: Oh, noch ist Print quicklebendig. Und ohne Zeitungen gäbe es keine dpa - und ohne dpa hätten die reinen Online-Dienste nichts zu berichten. Auch bei uns kommt der Inhalt ja überwiegend von der Zeitungsredaktion. Ich bin allerdings überzeugt, dass die Zeitung nicht so glimpflich davonkommen wird, wie seinerzeit das Buch oder das Kino, als das Fernsehen erfunden wurde. Das Problem ist: Wie finanziere ich noch Druck und Vertrieb, wenn nur noch die Hälfte meiner Leser eine Zeitung kaufen möchten und die anderen lieber auf ihrem mobilen Reader lesen. Die "taz" funktioniert im Print, ich kann mir auch vorstellen, wie sie komplett online funktionieren könnte. Was mir Kopfzerbrechen macht, ist der Übergang von einem ins andere ohne haufenweise Leser zu verlieren.




















So ein Interview stimmt mich traurig. So wenig Know How existiert bei der taz gar nicht, nicht wahr JMI? Auf jedne Fall mehr, als aus diesem Interview zu uns spricht.