Focus Online kapert den regionalen Medienmarkt.

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Lokaler Lockstoff: Focus Online bereitet einen umfassenden Angriff auf den regionalen Medienmarkt vor. Chefredakteur Daniel Steil (links) hat in den vergangenen Monaten eine 23-köpfige Lokalredaktion aufgebaut. Das Team unter Leitung von Oliver Markert (rechts) soll das Burda-Portal zur wichtigsten Seite für lokale Nachrichten pushen. Hierzu setzt Focus Online auf kostenlose Amateur-Artikel, Kooperationen mit Verlagen und eine Flut aus Polizei-Pressemitteilungen.

Amateur-Artikel: Mehrere Mitarbeiter bearbeiten Artikel von Leserreportern – intern heißen die unbezahlten Ergüsse "friends content". Über ein Formular laden Nutzer Bilder, Headlines und bis zu 20.000 Zeichen Text hoch. "Der Artikel landet direkt im Redaktionssystem, die Journalisten in unserer Lokalredaktion prüfen sie und veröffentlichen sie", sagt Steil im turi2-Gespräch. Die "junge Truppe" bestehe aus professionellen Journalisten – mit Studium, Volontariat und Erfahrung in anderen Redaktionen.

Kooperationen: Steil gräbt regionalen Verlagen einerseits das Wasser ab, sucht aber auf der anderen Seite Partner, um an noch mehr Inhalte zu kommen. Burda kooperiert für Themen aus Köln bereits mit dem "Express" von DuMont. Einige "Express"-Artikel erscheinen schon jetzt auf Focus Online. Die Facebook-Seite Mein Köln mischt bereits Focus-Online-Material, Agenturmeldungen und "Express"-Artikel zu einem Angebot. Weitere Partnerschaften bereitet Steil derzeit vor.

Polizei-PR: Im großen Stil schiebt Focus Online Polizeimeldungen über seine Seite. Mehrere hundert Pressemitteilung erscheinen pro Tag und kurbeln den Traffic an. Selbst gebaute Tools verwandeln Mitteilungen, die in der Redaktion per E-Mail ankommen, in Artikel. Chefredakteur Steil sieht journalistisch kein Problem darin, die Mitteilungen 1:1 zu veröffentlichen: Die Polizei sei eine "vertrauenswürdige Quelle".
turi2 – eigene Infos, focus.de

9 Gedanken zu „Focus Online kapert den regionalen Medienmarkt.

  1. Pingback: Das Lokale als Zukunft – die Zukunft des Lokalen | Europäisches Journalismus-Observatorium (EJO) |

  2. Dominique Wollust-Geilhorn

    Für Presseargenturen ein gute Sacghe, um PR Texte und Werbung los zu werden, die etablierte regionale Medien aus Arrgoganz nicht berücksichtigen.
    Dann ist es eine Win-Win-Situation.

    Ob es Privatleute geben wird, die ihren News-Müll oder vielleicht sogar eine richtige große Story für lau abegeben, muss man abwarten.
    Man darf Dummheit und Selbstdarstellungsdrang auch nicht unterschätzen

  3. Peter

    Freiwillig bezahltes Geld – > gute Inhalte. Alles andere ist vergeudete Lebenszeit für den Leser und macht früher oder später mißlaunig. Weder die "Teilen"-Branche (Abgriff persönlicher Daten und Werbeeinnahmen) noch das Zwangsgeld-Fernsehen erweitern den Horizont.

  4. Frank Martini

    Ich denke, dass das Posting Steffen Ranges und die Antwort Staigers genau die Sorte Dilemmata aufzeigt, vor denen sich Medienunternehmen winden können, wie sie wollen – einen Tod werden sie doch sterben müssen!
    Wenn Regionalzeitungen mit rigiden Paywallmodellen Platz für Wettbewerb schaffen, und der – zur Vermeidung von Bezahlansprüchen der Veranstalter ans Publikum – eben mit "hohlem Traffic erzeugen", Clickbaiting oder sonstwas gekontert wird, haben wir eben den Salat.

    Arbeit – und seien ihre Ergebnisse noch so flach! – muss entweder unterbleiben oder irgendwie bezahlt werden, Punkt! Mit möglichst billig erzeugtem Scheiß beiden Hörnern des Dilemma entkommen zu wollen, wird dauerhaft wohl nicht gelingen können. Da wird momentan sicher einfach auch immernoch viel herumgetestet werden. Statt vllt. einfach erst mal gründlich zu überlegen, eine Strategie zu finden – und mit der dann auch Mut zu einer klaren Entscheidung zu zeigen.

    Vergessen wird, dass solche "Testereien" mit derart "hochwertigen Ergebnissen" auch rufbildend – und in anspruchsvolleren Leserkreisen auch schädigend sein können. Aber vllt. hat man davor in München keine Angst? "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s weiter ungeniert…"

    Mit diesen Wischiwaschi-Haltungen, je nach Eigendefinition "hochwertige Inhalte" dem Publikum dauerhaft gratis (ist Blinki-Werbevermüllung, Content Marketing, Datenabgreife etc. indes kein – vllt. gar ein sehr hoher Preis?) präsentieren zu können, verderben sich die Veranstalter ihr Publikum letztlich aber selbst rsp. haben es bereits.

    Eine Lösung sehe ich indes auch nicht oder nur schemenhaft. Bei Objekten aus der Printwelt vllt. noch am ehesten im Kombi aus Print-Online-Kombinationen und Blogs rsp. Foren. Guten (teuer produzierten) Inhalt gibt’s im Heft – und im Netz, für das die Hefte mit bezahlt werden müssen. Allerdings will ich als Abonnent des Printtitels auf dessen Inhalte dann online auch OHNE Zusatzkosten zugreifen können.
    Und was "billig genug" zu verklappen ist, landet dann – gern zur Diskussion durchs Publikum – im Blog/Forum, das sich ansurfen lässt, ohne eine Kunden-, Abo- oder Sonstwasnummer zum Nachweis bereits geleisteter Zahlung vor Zugrgriff einzugeben.
    Klar, den "Strom- vs. Holz"-Köpfen/Apologeten wird das nicht schmecken! Aber vllt. steckt man ja auch deswegen in den Problemen, weil man sich von denen schon viel zu lange hat schwindlig quatschen lassen???

    1. Staiger

      Hallo Herr Martini,

      Ihre Zusammenfassung trifft meinen Nerv. Und Sie haben Recht, turi2 für die Berichterstattung zu kritisieren. So kommen wir nicht weiter.
      Es gilt im Zeitalter der digitalen Revolution zwei Bewegungen in den Medien intelligent aufeinander Abzustimmen: Die durch Algorithmen und Klickhäufigkeiten zu bestimmenden Lesergruppen einerseits mit dem zu "füttern", was sie scheinbar interessiert (wobei man hier in der Analyse nicht an der Oberfläche bleiben darf) und das nachhaltige Überleben neuer Themen, die scheinbar nicht mit Lesergruppenspezifischen Interessen vereinbar sind, die aber den Horizont erweitern und mitunter auch von öffentlichem Informationsinteresse sind. Genau Letzteres dürfen wir nicht den Google+ – Tools überlassen. Hier ist von Verlagen, Redakteuren und Journalisten einfach Hirnschmalz gefragt.

  5. Sandra Müller

    Im August wirkte dieses regional-lokale Angebot bei Focus noch reichlich flach:

    http://uebermedien.de/7412/pampe-aus-der-pampa/

    Und die Beschreibung der Arbeitsweise oben liest sich nicht, als habe sich daran viel geändert.

    Schade, dass turi sich nicht eine klare Einordnung erlaubt, sondern die – wie mir scheint – PR-Mär vom "umfassenden Angriff auf den regionalen Medienmarkt" verbreitet.

    1. Jens Twiehaus Artikelautor

      Liebe Sandra Müller,

      mein Anliegen war es, das klar nachrichtlich darzustellen. Ob das eine Chance ist fürs Lokale oder das Ende der Welt, kann jede/r Leser/in selbst entscheiden.

      Der umfassende Angriff auf den regionalen Medienmarkt ist keine Formulierung des Burda-Verlags, sondern meine Kreation. 23 Leute zu beschäftigen (17 davon Journalisten, dazu SEO-Spezialist etc.) und gleich in drei Dimensionen lokale Inhalte aufzubauen, halte ich für einen Angriff auf bestehende Strukturen. Viele regionale Medienhäuser haben keine 23 Mitarbeiter für ihre Digitalangebote.

      Im Telefonat mit Daniel Steil habe ich auch angemerkt, dass das Weiterverbreiten von Polizei-Pressemitteilungen für mich nichts mit Journalismus zu tun hat. Mein Eindruck ist aber, dass das Argument Reichweite bei Focus Online wie auch beim Schwesterangebot Huffington Post viele Mittel heiligt. Nach dem Motto: Der Nutzer klickts, also wird es gebraucht.

      Viele Grüße
      Jens Twiehaus

  6. Steffen Range

    Die Idee, den lokalen Medienmarkt zu bearbeiten, ist gut. Wundere mich schon lange, warum Google und Facebook dort nicht aktiver sind. Viele Regionalzeitungen bieten Angriffsflächen durch rigide Paywalls und unterentwickelte Datenanalyse. Polizeimeldungen werden stark geklickt, nur reicht es mit dem Markteintritt des Focus nicht mehr, unredigierte ots-Polizeiberichte reinzukippen. Kooperieren würde ich als Regionalzeitung nicht mit Focus Online. Sondern in Wettbewerb treten. Gegen gute Lokalredaktionen, die viel Bildmaterial liefern, kommt auch Focus vermutlich nicht an.

    1. Staiger

      Toll, das ist also Focus' Konzept, den Lokajournalismus zu verflachen. Ich meine geistig. Die gesellschaftliche Rolle, die er vor Ort spielt, hat nichts mit hohlem Traffic erzeugen zu tun. Aber das ist es wohl, was jetzt nur noch zählt. Traffic. Ich habe eine Idee: Sollen sie doch ihre grenzdebilen "friends"-Reporter Kätzchen fotografieren lassen (nach Bildrechten und Fotohonoraren fragen die sicher nicht). Wer will denn schon wissen, wer wieder neulich auf der Autobahn gegen die Leitplanke gekracht ist oder welche Oma in der Innenstadt beklaut wurde? Lokale Kätzchen, am besten noch nackte Frauen von nebenan, das zieht – und das Ganze betitelt mit tumben Keywords – wer braucht schon echte Überschriften? Und wer will schon wirklich informiert werden, was in seiner eigenen Stadt – vor der eigenen Haustür, politisch beschlossen wird? Is doch eh egal. Hauptsache Traffic. Ich kann das Wort nicht mehr sehen, echt. Aber wahrscheinlich wird es sich wohl nicht als Unwort des Jahres 2017 durchsetzen. Es wird von den Algorythmen auf Google+ wahrscheinlich zu hoch gepusht. Zu wertvoll, um sich drüber lustig zu machen.

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