"Spiegel" veröffentlicht Abschlussbericht der Relotius-Aufklärungskommission.


Allgemeine Relotiutätstheorie: Der "Spiegel" hat sich von Claas Relotius einwickeln lassen, schreiben Geschäftsführer Thomas Hass und Chefredakteur Steffen Klusmann im Artikel zum Relotius-Abschlussbericht, und "in einem Ausmaß Fehler gemacht, das gemessen an den Maßstäben dieses Hauses unwürdig ist."

Die Aufklärungskommission hat nicht mit Relotius selbst gesprochen. Laut Bericht habe Relotius zur Vertuschung gezielt "Kollegen umgarnt, Dokumentare abgelenkt, den Abdruck von Leserbriefen verhindert, Übersetzungen und Making-Ofs abgelehnt". Als Zweifel an Relotius' Arbeit aufkamen, sei man denen zu langsam nachgegangen. Die Kommission beschreibt außerdem das Verhältnis zu den Vorgesetzten und zu den Kollegen des Ressorts, viele hätten Relotius "geradezu verehrt". Seine Beliebtheit habe "offenbar in Dokumentation und Redaktion zu mangelnder kritischer Distanz gegenüber seinen Texten" geführt.

Laut Bericht habe es mehrere kleine und drei "deutliche" Warnungen gegeben, von denen theoretisch jede hätte Relotius auffliegen lassen können. Auf die erste Warnung eines Lesers habe Matthias Geyer, damals Leiter des Gesellschaftsressorts, nicht reagiert. Ob und bei wem und wann die zweite ankam, sei nicht zu klären. Die dritte kam von Juan Moreno. Zwei Wochen später veröffentlichte der "Spiegel" dennoch eine Klima-Titelgeschichte, die gefälschte Passagen von Relotius enthielt. Geyer und Ullrich Fichtner hätten die damals amtierenden Chefredakteure Dirk Kurbjuweit und Susanne Beyer auch nicht über den Verdacht gegen Relotius informiert. Besonders schwer wiegt laut Kommission, dass Geyer keine eigenen Nachforschungen angestellt habe.

Der Bericht enthält eine detaillierte "Chronik der Aufdeckung", die zeigt, dass Fichtner und Geyer Moreno lange nicht glaubten. Fichtner sagte der Kommission, Moreno habe "diffuse Drohungen" ausgesprochen, Moreno widerspricht dem. Das Kommissionsteam kommt zu dem Schluss, dass die Stilform sowie die Fehlerkultur die Fälschungen ermöglicht haben. Problematisch sei auch die "besondere Konstruktion des Gesellschaftsressorts innerhalb des 'Spiegel'" – es schotte sich ab, kooperiere nicht mit anderen Ressorts und ignoriere deren Kritik.

Der zuständige Dokumentar hat den "Spiegel" inzwischen "auf eigenen Wunsch" verlassen, Relotius' Vorgesetzte Ullrich Fichtner und Matthias Geyer wurden wegen des Falls nicht Co-Chefredakteur und Blattmacher. Der Verlag kündigt eine unabhängige Ombudsstelle ein, drei Teams arbeiteten "an einem neuen journalistischen Regelwerk".
spiegel.de, spiegel.de (Abschlussbericht, 17 Seiten)