Blattkritik: Benjamin Piel, Chefredakteur "Elbe-Jeetzel-Zeitung", über "Warum".

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Benjamin Piel, 32, Vater von drei Kindern und Chefredakteur der Elbe-Jeetzel-Zeitung im Wendland, liest für turi2 das Familienmagazin Warum. Er formuliert ein klares "Deshalb", obwohl er vor lauter Fragen streckenweise die Antworten nicht mehr sieht.

"Warum?" Das ist die Frage aller Fragen. Es ist die Frage, die den Menschen vom Tier und den Schlichten vom Geistreichen unterscheidet. Nicht auf alle Fragen gibt es Antworten, aber dem Fragenden öffnet sich die Welt. Wenn der Weg das Ziel ist, dann ist das Warum der Kompass. "Warum!" Das ist eine Lebenseinstellung. Es macht die Frage der Frage zur Aussage der Aussagen. Das Ausrufezeichen gibt das Ziel vor, hinein in die Welt, auf ins Unbekannte. Das Magazin "Warum!" hat sich das Ausrufezeichen nicht ohne Grund hinter den Titel gestellt, es will Kindern und Eltern die Welt erklären. Untertitel: "Gemeinsam entdecken, erleben, erfinden".

Das 100-Seiten-Heft gliedert sich in die Rubriken "Denken und Wissen", "Sehen und Entdecken" sowie "Kochen und Erfinden". Auf den ersten 40 Seiten reiht sich Frage an Frage. Darunter solche, die sich kein Kind je gestellt hat ("Warum haben Stürme Namen?" / "Können Bäume sprechen?" ) und solche, die Eltern ständig nicht beantworten können ("Warum gibt es Blasen auf den Pfützen, wenn es regnet?" / "Warum haben Giraffen so einen langen Hals?" / "Warum müssen wir die Zähne putzen?"). Jede Seite beantwortet eine Frage und so sieht man nach einer Weile vor lauter Fragen kaum noch die Antworten. Da steht so viel Wahres, dass es einem nach einer Weile beinahe falsch vorkommt. Dieser Heftteil ist deshalb nur wohldosiert konsumierbar. Trotzdem: Von Zeit zu Zeit zu blättern und zu lernen, bringt Freude.

Was ganz und gar stimmt, sind Haptik und Optik. Die festen Seiten fassen sich gut an, das Layout ist luftig-klar, die Grafiken sind erhellend, die Fotos sitzen, die Farbmischung ist ausgewogen. Was fehlt, ist ein guter Stilmix. Es gibt kein einziges Interview im Heft und nur eine Reportage ("Auf Streife mit der Wasserschutzpolizei"). Mehr davon und ein paar weniger Fragen täten gut.

Schön sind die "Frühstücksrezepte aus aller Welt", vom syrischen Kichererbsenmus bis zur japanischen Miso-Suppe mit Tofu. Meinen Kindern würde vermutlich beides nicht schmecken, aber vielleicht habe ich die falschen Kinder. Das Experiment "Wie funktioniert Elektromagnetismus?" liest sich so kompliziert, dass ich es lieber dem Physiklehrer überlasse. Aber vielleicht bin ich einfach der falsche Vater. Dass das Magazin mitunter wirkt wie eine Unterrichtsempfehlung für Grundschullehrer oder ein Vorschulleitfaden für Erzieher, liegt in der Natur des edutainenden Ansatzes.

Die Naturthemen sind überrepräsentiert. Wenn ich als Dorfbewohner in einem Editorial Sätze lese wie "Ziehen Sie Ihren Kindern die Gummistiefel an, sie lieben Pfützen! Gehen Sie in den Wald und enträtseln gemeinsam die Sprache der Bäume, oder lösen Sie unser Blätter-Quiz", dann kommt mir das so vor, als wollte jemand einem Städter die U-Bahn erklären. Macht nichts, Spaß macht das Heft trotzdem. Warum? Warum!

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Die Blattkritik erscheint sonntags bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

Beim letzten Mal hat Alexandra Werdes, Chefredakteurin "Warum!", über Flow geschrieben.

Alle Blattkritiken: 11 Freunde, ADAC Motorwelt, Allegra, Apotheken Umschau, art, auto motor und sport, B.Z., Bento.de, Bild der Wissenschaft, Capital, chrismon, Cicero, Clap, c’t, Detektor.fm, Donna, Dummy, Edition F, Eltern, Emotion, Enorm, Euro am Sonntag, Flow, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Hohe Luft, Horizont, Kicker, Kontext Wochenzeitung, Kreuzer, Landidee, Laura, L’Officiel Hommes, manager magazin, Merian, Morgen Europa, National Geographic, Neon, People, Playboy, Psychologie bringt dich weiter, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, St. Georg, SZ am Wochenende, t3n, taz.de, Tichys Einblick, Titanic, Vice, Walden, Warum, Women’s Health, Yps, Zeit-Magazin, Zeit Magazin Mann, Zitty.