Blattkritik: Christian Kallenberg, Chefredakteur "Yps", über "Titanic".

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Christian Kallenberg, Chefredakteur des Gimmick-Heftes "Yps", liest für turi2 Titanic. Er findet "großartige Ideen", wünscht sich aber eine Modernisierung des Heftes und eine mobiltaugliche Website, damit die "Titanic" auch in Zukunft nicht, nun ja, untergeht (Foto: Jens Kalaene/dpa).

Vorgeschichte:
Als ich ein Teenager war, ließ ich mir zu irgendeinem Anlass von meinem großen Bruder ein "Titanic"-Abo schenken. "Titanic" zu lesen, war für mich Ausdruck der Rebellion – gegen die Eltern und gegen alles andere, was mir sonst noch konservativ erschien. Die "Titanic" durfte alles – und tat es auch. Ich bewunderte die Macher für ihren Mut, ihr Gefühl für Sprache und ihren Humor. Allerdings passte die regelmäßige monatliche Erscheinung auf Dauer nicht zu den wechselhaften Interessen eines Teenagers und nach zwei Jahren lief das Abo aus. Seitdem nehme ich die "Titanic" noch wahr, wenn das Titelbild für besonders heftige Diskussionen sorgt, so wie der eingepinkelte Papst oder zuletzt die Zonen-Gaby.

Die aktuelle Ausgabe…
… hätte ich wegen des Titels nicht gekauft. Der Gag zündet diesmal bei mir nicht. Beim ersten Durchblättern der folgenden 67 Seiten bin ich wieder Teenager. Denn das Heft hat sich scheinbar seit damals nicht verändert: dasselbe Gefühl für Sprache, derselbe Humor, aber auch dieselben Rubriken, dasselbe Layout, dieselbe Rechtschreibung. Die längste Geschichte in der Novemberausgabe handelt davon, wie Mitarbeiter des Bundesamtes für Stadtabwicklung und –rückbau (kurz: BaSar) den Wolfsburgern erklären, dass ihr Heimatort wegen des VW-Skandals leider abgewickelt wird. Das amüsiert mich, weswegen ich auf titanic-magazin.de nach einem Video von der Aktion suche. Erfolglos. Denn auch die Webseite sieht so aus wie vor dem Jahrtausendwechsel. Bewegtbild? Höchstens als GIF. Fürs Handy optimiert? Leider nein.
Beim weiteren Stöbern durch Heft und Webseite verdichtet sich der Eindruck, dass die "Titanic"-Macher ihre immer noch meist großartigen Ideen in Rahmen und Formate zwängen, die bestenfalls als "retro", ehrlicherweise als "veraltet" zu bezeichnen sind.
Schade. Denn eigentlich hat "Titanic" all das, wovon jeder Transformation predigende Verlagsmanager träumt: eine Marke, die so bekannt, beliebt und klar positioniert ist, dass neben dem Kernprodukt "Zeitschrift" Raum für das sogenannte "360-Grad-Markenerlebnis" bleibt – wobei das woanders herbeigesehnte Veranstaltungsgeschäft hier schon schlicht als "Lesung" existiert.

In der Zukunft…
… werden wir weiterhin Satire als Teil der gesellschaftlichen Diskussion brauchen. Deswegen wünsche ich mir von der "Titanic" wieder mehr Mut. Nicht nur bei den Inhalten, sondern auch bei deren Umsetzung. Denn die "Titanic" darf noch immer alles. Nur nicht konservativ werden.

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In der Reihe Blattkritik erschienen bisher Beiträge über: 11 Freunde, art, auto motor und sport, B.Z., chrismon, Cicero, Clap, c’t, Donna, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Horizont, Kontext Wochenzeitung, Merian, National Geographic, People, Playboy, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, t3n, Tichys Einblick, Vice, Walden, Women’s Health, Zeit-Magazin.

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