Blattkritik: Jan Tönjes, Chefredakteur "St. Georg", über die "Apotheken Umschau".

Blattkritik-Apotheken Umschau Jan Tönjes 600
Jan Tönjes, Chefredakteur des Pferdesport-Magazins St. Georg, liest im Auftrag von turi2 die Apotheken Umschau und findet – wie erwartet – Stützstrümpfe und Treppenlifte. Überrascht ist der frühere Schlagerradio-Mann von coolen Bild-Montagen und sammelt neue Erkenntnisse über Nudelsalat.

Am Anfang ist das Misstrauen. "Apotheken Umschau"? Das ist doch Werbung für Treppenlifte und Stützstrümpfe. Bevor ich im Special Interest und dort bei den Pferden gelandet bin, habe ich Radio gemacht. Zielgruppe deutscher Schlager. Die Zielgruppe Stützstrümpfe kenne ich. Der Untertitel auf dem Cover, "bezahlt von ihrer Apotheke" verstärkt das Vorurteil. Andererseits ist das ja auch ehrlich in Zeiten, in denen im gefühlten 20-Minuten-Takt immer neue Begriffe für Schleichwerbung durchs mediale Dorf getrieben werden und in denen Content wichtig, Inhalt aber nebensächlich sein soll.
Nach der Lektüre, das sei schon mal vorangestellt, bin ich einiges schlauer. Ich habe den "Indiana Jones der Düfte" kennengelernt und weiß, dass ich den Oxytocin-Spiegel von Ratten erhöhe, wenn ich ihnen den Bauch kraule. Wieder was gelernt.

Eine Leseempfehlung als Editorial, ein paar Fakten zu Sternschnuppen, dann bin ich in der guten Stube angekommen, dem Inhaltsverzeichnis. Gut aufgearbeitete, aufschlussreiche Themen werden mit Weißraum zwischen den Spalten klar strukturiert präsentiert. Der Leser weiß, was er bei den einzelnen Artikeln zu erwarten hat. Kritikpunkt hier: Die auf dem Titel angekündigten Themen werden nicht stringent im Inhalt wiedergebeben. Aus "Schwindel" wird "Aus dem Gleichgewicht", Hinter "Achtung. Viren!" verbirgt sich im Inhalt die "Sommergrippe" – und das, obwohl es einen Zika-Virus-Artikel gibt – "Haustiere" bleiben vom Wort her das, was sie sind. Inhaltlich verspricht der Titel "Medikamente für kranke Vierbeiner", die es aber im Text, der den Fokus hat, dass Tiere Menschen gut tun, es nur in einen Infokasten geschafft haben. Und aus "Typsache" zum Thema UV-Schutz macht das Inhaltsverzeichnis "Strahlend schön". Meldungen laufen unter verschiedenen Rubriken, Aktuelles, Naturgefühl und Ratgeber.

Der Themenmix ist variantenreich, das Layout der großen Geschichten klar und unaufdringlich. Klare Headlines, kurze knackige Vorspänne. Dazu szenische Einstiege in die Texte, die mal eher nüchtern (Sodbrennen: "Unlängst haben Studien wieder einmal Zweifel …") mal nahezu poetisch (Gerüche: "Nach einem Tag sengender Sonne glüht der Staub auf der Straße …") daherkommen, sprechen eine große Bandbreite an Lesern an. Die Bildsprache korrespondiert dazu, hier das Sodbrennen mit einem rot-weißen Flatterband, dort der Duft mit einer kunterbunten Blumenwiese.

Meine Lieblingsmontage: Ein Monsterbaby hockt in seiner Windel neben einer nicht mal halb so großen Frau, vermutlich der Mutter, Überschrift: "Tierisch gewachsen". Cool, zumal das tierische Produkt Milch für das in einer Tabelle dokumentierte Größenwachstum verantwortlich sein soll. Und ich dachte, es sei die Erfindung der Glühbirne, das Streben nach dem Licht, das alle immer größer werden lässt.

Gut aufgemacht: der Artikel zum Zika-Virus, eigentlich eine Medienschelte, da es ja noch zig andere eklige Erreger gibt. Aber das Bild vermummter Brasilianer in quietschgelben Schutzanzügen plus Bruce Willis (Wie war das? "Die Hard" – "Stirb Langsam"? Schluck!) im ersten Satz machen neugierig. Wird da aus einer Mücke ein Elefant gemacht? Aktuelles Thema, Olympia ante portas. Passt!

Nutzwertige Geschichten, Sonnenschutz, Pflaster, Krankenkassenleistungen, erschließen sich schnell, vier Esslöffel Sonnencreme braucht der gesamte Körper – verstanden! Experten erscheinen mit ihren Gesichtern. Kompakt und gut.

Rund um die größeren Geschichten sind Meldungsseiten gruppiert. Hier allerdings gerät das Layout etwas aus dem Ruder. Vier Meldungen auf einer Doppelseite, eine Meldungs-Überschrift in gefühlt 32 Punkt und damit keinesfalls kleiner als die Headlines der längeren Strecken, das verwirrt. Auch das Spiel mit Spaltenbreiten und -positionen, der Satzspiegel wird ja so etwas von überbewertet, ist gewagt, nicht immer gelungen. Weißraum? Ja, aber dann doch lieber noch zwei Meldungen mehr. Zumal man gerne mehr von den gut formulierten Erkenntnissen internationaler Studien lesen möchte.

Stichwort Nutzwert: TV-Programm bis zum Abwinken, auch das wird der Leser goutieren. Und: Kalte Nudeln machen weniger dick (Pasta-Rezepte), ich hoffe das inständig, vermute aber, dass Paracelsus Recht hatte, dosis facit venenum.

Stützstrümpfe und Treppenlifte, die gab es auch.

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Die Blattkritik erscheint sonntags bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

Beim letzten Mal hat Stefan Schweiger, Chefredakteur Apotheken-Umschau.de, "Psychologie bringt dich weiter" kritisiert.

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