Blattkritik: Jörg Jakob, Chefredakteur "Kicker", über "Bild der Wissenschaft".

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Jörg Jakob, Chefredakteur des Kicker, blättert im Auftrag von turi2 durch Bild der Wissenschaft und findet das Heft "grundsolide". Allerdings wandle die Redaktion gleich mehrfach auf einem schmalen Grat: Zwischen Fach- und Populärwissenschaft und zwischen Redaktion und Werbung.

Im Sommer 2014 stand kein Pferd, sondern gleich ein Elch auf dem Flur von Siemens in Dresden. Die reine Nachricht muss damals an mir vorbeigegangen sein, was an einer Weltmeisterschaft in Brasilien (oder deren Folgen) gelegen haben könnte. Umso überraschender die Story "Deutschland im Elch-Test" in Nr. 12/2015 von Bild der Wissenschaft. Aber dazu gleich mehr.

Vorweg erst noch der Hinweis, dass ich das Heft bereits vor Augen hatte, als mich über einen Newsletter Dr. Eckart von Hirschhausens fünf steile Thesen zum Wissenschaftsjournalismus erreichten. Der Mann legt den Finger grundsätzlich in die richtigen Wunden. Die Kollegen von "BDW" scheinen jedoch an nur wenigen Stellen verwundbar. Mit der Elch-Geschichte haben sie eine überzeugende Überraschung parat. Denn während alle Welt – bisweilen reißerisch irreführend – über die Rückkehr des vermeintlich bösen Wolfs berichtet, zeigt "BDW" auf, warum und wie der "Alces alces alces", also der europäische Elch, hierzulande wieder leben kann. Das wird mit einem doppelseitigen Blickfänger attraktiv aufgemacht, ist verständlich geschrieben und wird mit knappen Zusatzinfos sowie einer klaren Grafik auf der achtseitigen Strecke abgerundet. Zu dieser zählt eine informative Seite mit acht weiteren wilden Heimkehrern (inklusive Wolf).

Ausgerechnet dieses Thema, das auf relativ breites Interesse stoßen könnte, verschweigt "BDW" auf seiner Titelseite, die von der Illustration zweier "Quantenphysiker im Streit" geprägt ist. Dieses Titelthema nennt zustimmende wie skeptische Antworten auf die Frage, ob "die Wundermaschine" (Quantencomputer) nun kommt, oder nicht. Wieder was gelernt, kann man anschließend sagen und sich weiter wundern, wie schmal der Grat wohl ist, auf dem die Redaktion über Themen und deren Aufbereitung entscheidet: Wann fängt die Unterforderung entsprechend anspruchsvoller und fachlich gebildeter Leser an, wo die Überforderung der breiter und populär-wissenschaftlich Interessierten?

Die Spannweite jedenfalls ist riesig: Diesmal reicht sie schon auf dem Titel von der Quantenphysik über die Medizin ("Ausweg aus der Antibiotika-Krise") und über fremde Welten ("Im Reich der schwarzen Dünen") bis zum VW-Skandal ("Ist die Globalisierung schuld?"). Letzterem nähert man sich durch die interessanten Erklärungen des Umwelt- und Techniksoziologen Ortwin Renn. Verständliche Expertise. So wie dieses Magazin auch insgesamt einen fundierten, verlässlichen Eindruck hinterlässt.

Warum der Hinweis auf ein 36 Seiten starkes Extra im Heft so verschämt in recht kleiner Schriftgröße über dem Titelkopf steht, erschließt sich allerdings erst beim zweiten Blick auf "Bild der Wissenschaft plus". Denn "Wie Pharmaforscher Medikamente entwickeln" ist eine Sonderpublikation in Zusammenarbeit mit Boehringer Ingelheim. Noch so ein schmaler Grat. Chefredakteur Wolfgang Hess geht im Editorial der Beilage auf die Verwobenheit der Medikamententwicklung ein und deutet die Verwobenheit von Sonderpublikationen an: "Ich bin mir bewusst, dass viele unserer Leserinnen und Leser dieses 'Bild der Wissenschaft plus' kritisch in die Hand nehmen." Stimmt.

"Bild der Wissenschaft" ist ein Heft ohne Firlefanz. Der Einstieg – Editorial, Inhalt, doppelseitiger Eyecatcher – ist klassisch. Eine hilfreiche Struktur stellen die sehr gleichmäßig gestalteten Nachrichten-Seiten sicher, mit denen die großen Themenbereiche eröffnet werden: Leben + Umwelt, Erde + Weltall, Kultur + Gesellschaft, Technik + Kommunikation.

Alles zusammengenommen ist das grundsolide. Und zwar sowas von, dass es mindestens einen Elch auf dem Flur braucht, um für Spannung zu sorgen.

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In der Reihe Blattkritik erschienen bisher Beiträge über: 11 Freunde, art, auto motor und sport, B.Z., Bild der Wissenschaft, chrismon, Cicero, Clap, c’t, Donna, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Horizont, Kontext Wochenzeitung, Merian, National Geographic, People, Playboy, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, t3n, Tichys Einblick, Titanic, Vice, Walden, Women’s Health, Yps, Zeit-Magazin.

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