Blattkritik: Nicole Zepter, Chefredakteurin "Neon", über "ADAC Motorwelt".

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Nicole Zepter hat als Chefredakteurin vor lauter Aufräumen bei "Neon" die private Autopflege vernachlässigt. Im Angesicht der "Frühjahrsputz"-Ausgabe von Auflagenkrösus ADAC Motorwelt, die sie für turi2 liest, entwickelt sie prompt ein schlechtes Gewissen.

Wer ADAC Mitglied ist, bekommt das Magazin per Post nach Hause geliefert, so auch ich. Wir sind sogar zwei Mitglieder im Haus und haben demnach zwei Hefte, das erste Mal so richtig gelesen habe ich es erst jetzt. Ich hätte es früher tun müssen.

Die "ADAC Motorwelt" erinnert mich an die Begegnung mit dem Mann meiner Mutter – weit über sechzig, stets ein fahrtüchtiges, frisch poliertes Auto, scheckheftgepflegt. Der große Berner Sennenhund sitzt hinten im großen, geräumigen Kofferraum. Das alles ist mein Auto nicht, meine Winterreifen schaffen es immer ein paar Monate länger als erlaubt, mein Kofferraum ist voller Dinge, die ich in meiner Wohnung seit Wochen vermisse, das Licht vorne rechts: ausgefallen. Wenn nun also auf dem Cover der aktuellen "ADAC Motorwelt" nicht nur vom Waschen und Polieren die Rede ist, sondern sogar "Die beste Zeit für den Frühjahrsputz" angeteasert wird, verliere ich mich bereits vor der ersten Seite zu Recht tief im schlechten Gewissen.

Die Themen lesen sich wie die Unterhaltung, die ich führe, wenn der Mann mich auf dem Beifahrersitz durch den Straßenverkehr lenkt: Dürfen 100-Jährige noch Auto fahren? Nur noch mit Fahrprüfung. Helfen Wattestäbchen bei der Felgenpolitur? Vielleicht. Wer hat Vorfahrt im neuen Kreisverkehr an der Ortsausfahrt (Der Idiot blinkt nicht!).

Selbst die Anzeigen – Kreuzfahrten, E-Bikes – sind eins zu eins Alltagsgespräch. Es ist unheimlich, so nah dran ist die "ADAC Motorwelt" an der Lebenswelt dieses Mannes. Wenn dann in der Kolumne noch darüber gemault wird, dass manche Hotels Extrageld für die WLAN Nutzung verlangen, kann ich die Lebenswelt meines besten Freundes, zwanzig Jahre jünger, dazu addieren. Nicht wirklich originell dagegen, wenn sich eine Headline wie die Werbeanzeige einer Tankstelle liest: Waschen, wachsen, polieren bitte.

Dennoch: Die "ADAC Motorwelt" ist so nah an der deutschen Lebenswirklichkeit, dass man sie wirklich jedes Mal lesen sollte. Ob man es nun mag oder nicht. Oder man fährt Samstags zur Tankstelle und beobachtet still und leise entspannte Mittsechziger beim Autowaschen.

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Die Blattkritik erscheint jeden Sonntag bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

Am vergangenen Sonntag hat Martin Kunz, Chefredakteur der "ADAC Motorwelt", das Webradio Detektor.fm kritisiert.

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