Blattkritik: Rieke Havertz, Leiterin taz.de, über "Emotion".

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Rieke Havertz, Leiterin von taz.de, macht für turi2 eine Ausnahme und schlägt Emotion auf. An der Frauenzeitschrift gefällt ihr wenig – zu klischeehaft, zu unkritisch, lautet ihr Urteil. Allein die letzte Seite erregt ihr Interesse. (Foto: Karsten Thielker)

"Ich bin doch kein Klischee. Oder doch?" Frauenzeitschriften müssen sich genau dieser Frage in jeder Ausgabe stellen. Und die Antwort darauf ist oft genug: Ja doch, es ist ein Klischee. Alles. Die Selbstoptimierungstexte, die Psychotests, die Einrichtungstipps, das Horoskop. Weshalb die Magazine für mich schon lange nicht mehr Teil meiner Standardlektüre sind.

Nun also die aktuelle Ausgabe der "Emotion", für mich eine Premiere. Das Lesen folgt einem jahrelang eingeübten Ritual: einmal aufblättern für den ersten Eindruck und dann systematisch von hinten lesen. Die erste Seite der Emotion, die ich so lese, titelt unter der Rubrik "Versteh einer die Frauen": "Ich bin doch kein Klischee. Oder doch?" Doch. Doch! Es geht um einen Mann in der Mitte seines Lebens und die Anschaffung eines Porsches. Nun ja. Da bleibe ich nicht eine Sekunde hängen, es vereint alles Negative, was ich über Frauenzeitschriften im Kopf habe.

Die letzte Seite stimmt etwas gnädiger, dem Magazintitel gerecht werdend geht es um die Gefühle des Lebens, Prominente wählen aus 99 Emotionen die fünf aus, die sie ausmachen und erzählen persönliche Erinnerungen. Ein hübscher Ansatz, das liest sich nett weg. Ich vermisse einen Hinweis auf den Onlineauftritt, auf dem ich andere Geschichten und alle 99 Gefühle nachlesen kann.

Das Netzwerk: So nennt das Magazin Seiten, auf denen Frauen gecoacht und miteinander verbunden werden sollen. Finde ich erst mal keine schlechte Idee, aber hinter der Ankündigung "Emotion ist mehr als ein Magazin" verbirgt sich dann vor allem Eigenwerbung für den emotion.award 2016. LeserInnen können darüber hinaus ein Treffen mit einer Mentorin gewinnen, warum nicht. Das reicht ein wenig über die üblichen "Fünf Schritte zu mehr Power im Berufsleben"-Texte hinaus.

Die Standards, die jedes Frauenmagazin hat, erfüllt auch "Emotion": Kulturtipps von Film über Bühne bis zu Büchern, eine Reisegeschichte, Einrichtungstipps, die Beautyecke und Rezepte – in dieser Ausgabe klassisch weihnachtlich. Hier überrascht nichts, gefühlt könnte ich jedes x-beliebige Magazin lesen. Das ist einfach nur langweilig. Inklusive dem Jahreshoroskop, das mir 2016 so einige Klischees verspricht, darunter "neue Denkanstöße". Warum noch mal "Emotion"?

Das Emotionale kommt eher im vorderen Magazinteil, da beantwortet eine Psychologin Fragen zum Leben, es werden alternative Therapiemethoden getestet und Bärbel Schäfer ist "unsere Expertin für spannende Männer", die Männer zum Reden bringt. Die hohe Kunst, völlig klischeefrei. Wie sich Bärbel Schäfer diese Expertise angeeignet hat, bleibt ihr Geheimnis.

Auch die "15 Wünsche für 2016", das große Dossier der Ausgabe, scheint sich die Frage "Ich bin doch kein Klischee. Oder doch?" zum Vorbild genommen zu haben: Träume und Talente leben, sich selbst schön finden, Verrücktes wagen. Wirklich? Hier wird nichts gewagt.

Katrin Bauerfeind "sprudelt wie ein Wasserfall" in einem wenig konfrontativen Interview, das gefällig mit der Frage nach dem aktuellen Buch der Journalistin einsteigt, am Ende aber interessanteres zu bieten hat. Zu meinem Leseabschluss, der für den Normalleser nach den Rubriken der Hefteinstieg ist, noch der obligatorische Sex- und Partnerschaftskomplex, aufgefangen über ein Interview mit einem Sexualwissenschaftler und einen Text über einen Mann ohne Karriere, dafür aber mit Vaterpotenzial. Da fehlt am Ende nur noch: "Wenn Sie Tobias kennenlernen wollen, schreiben Sie uns – wir arrangieren da was."

Das alles – Inhalte, Layout, Leserführung – ist für ein Frauenmagazin solide gemacht. Mehr aber auch nicht, und damit viel zu wenig. Solide, das ist Höchststrafe. An keiner Stelle ist das Heft überraschend, neu oder kontrovers, ich kann mich nur über den Durchschnitt ärgern. Warum ich zur "Emotion" und nicht zu einer anderen Frauenzeitschrift greifen sollte, weiß ich nach dieser Lektüre nicht.

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In der Reihe Blattkritik erschienen bisher Beiträge über: 11 Freunde, art, auto motor und sport, B.Z., Bild der Wissenschaft, Capital, chrismon, Cicero, Clap, c’t, Donna, Emotion, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Horizont, Kicker, Kontext Wochenzeitung, L’Officiel Hommes, Merian, National Geographic, People, Playboy, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, t3n, Tichys Einblick, Titanic, Vice, Walden, Women’s Health, Yps, Zeit-Magazin.