Blattkritik: Roland Tichy, Herausgeber “TichysEinblick”, über “Horizont”.

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Roland Tichy, früher Chefredakteur der "Wirtschaftswoche", heute als Online-Verleger mit Tichys Einblick und als Herausgeber des Xing-Debattenmagazins Klartext ein unabhängiger, konservativer Querkopf, nimmt für turi2 Horizont in die Hand und schließt die Marketing-Fachzeitung in sein Herz. Allein im Medienteil könnte das Blatt mehr wagen, findet Tichy.

Gibt es eine publizistische Magie des Erscheinungsortes? Früher, als "Focus" noch da war, "Neon" noch nicht in Hamburg erfrieren musste und die "Süddeutsche" noch nicht nur der Anzeiger von Prantlhausen war, da war München die leichtlebige Südkurve des deutschen Journalismus und Hamburg der investigative Hot-Spot; neuerdings hat sich Berlin als regierungsnaher Ursprungsort des Mainstreams etabliert.

Und Frankfurt? Einen Zeitungs-Chor gibt es da noch, die machtvolle Stimme der Klugheit und Vernunft in der Mitte und "Börsenzeitung" sowie "FR" als zweite Stimmen. Ach ja, und noch eine Stimme, die daherkommt wie eine richtige Zeitung: Horizont. Kein schlechtes Format für eine wöchentliche Fachzeitschrift; damit erhebt sie Anspruch auf Autorität und Bedeutung. Gleich vorweg: Für Marketing und Werbung löst sie diesen Anspruch ein, zum Thema Medien bitte gerne noch mehr zu dem, was in der Werbebranche unbewusst abwertend "Content" heißt und so klingt, als könne man es gleich Containerweise irgendwo bestellen.

Schnell und aktuell, da hilft das Format, und umfassend ist ja die Zeitung. Vom Ausdünnen kann da keine Rede sein; eine große Redaktion schreibt und es gibt kaum einen Ort des aufgeregten, selbstbezogenen Medien-Geschehens, an dem die Reporter nicht auftauchen. Manche von denen wissen deutlich mehr, als man später lesen kann. Woran liegt diese seltsame Selbstbescheidung?

Die Verlagsmutter wirkt stilbildend; nichts darf in der Branche passieren, das nicht in "Horizont" passt. Die umfangreichen Report-Strecken sind kleine Enzyklopädien des aktuellen Branchenwissens und sind Anschlagtafeln der Anzeigenfriedhöfe. Nun ist die Branche ja kleiner als das Format, und da wird dann schnell das Bemühen des Art Directos Club um eine Art Kreativinnen-Quote der Aufmacher. Schon erstaunlich, wie die Zeitung der Zeitgeistbranche oft den Spiegel vorhält, aber auch selbst zum Opfer wird: Da wünscht man sich mehr kritische Distanz zum durchschaubaren Selbstmarketing der Beteiligten, auch wenn es Frauen sind.

Immer sichtbarer haben die nüchternen Frankfurter den Mut, die Akteure wirklich groß zu inszenieren, um die Macht des Formats zur Wirkung zu bringen. Manchmal spürt man noch den Anspruch der Schreiber, die auf keine Zeile verzichten wollen, weil sie doch so viel mehr zu sagen haben als Bilder zeigen. Da geht noch was, Kollegen. Längst greifen diese Kollegen auch in den Medienbereich aus, seine Inhalte und Macher. Da wünscht man sich noch mehr, viel mehr. Diese Zeitung kann sich da angesichts der bedrückenden Contentkrise Ruhm erschreiben, wenn auch keine Anzeigen. Buchstäblich verdientermaßen; schließlich ist die Medienberichterstattung über Inhalte und Inhaltemacher des Journalismus so sauschwer: Machen es große Verlage, sind sie immer in zu enger Berührung mit Konkurrenzverlagen; machen es zu kleine, ist die Abhängigkeit von Sponsoren schnell spürbar. Da kann "Horizont" mehr wagen; die Autoren sind ja bereits da und anerkannte Haudegen. Da gilt allerdings das strikte Abstandsgebot zum beschriebenen Gegenstand – sonst wiederholt sich die Panne, dass man mit dem "Tagesspiegel" auf einer gemeinsamen Veranstaltung dessen selbstbeanspruchte Meinungsführerschaft just in der Woche bejubelt, in der die Journalistenverbände über das "Kettensägenmassaker" an Autoren und Anspruch dieser einst auch großen Zeitung klagen. Unabhängigkeit ist King, das wissen wir doch, und manchmal macht es einsam, was soll’s.

Klug und ein guter Ausgangspunkt ist die Meinungsseite. Die Trennung von Bericht und Meinung, das spürt man da, ist ja nicht nur eine Selbstbescheidung, sie bietet auch Möglichkeiten: Meinung hat das Vorrecht, rückblickend auch mal daneben liegen zu dürfen, wenn sich die Fakten ändern: Hat sich der "Spiegel" wirklich ins Abseits gedribbelt? Ich denke schon, aber eine neue Ausgabe verändert das Spiel. Da wünsche ich mir mehr. Meinung regt zum Mehrwissenwollen unbedingt an – die Magie des Verlagsortes Frankfurt.

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Bisher wurden folgende Titel einer Blattkritik unterzogen: 11 Freunde, art, auto motor und sport, B.Z., chrismon, Cicero, Clap, c’t, Donna, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Horizont, Kontext, Merian, National Geographic, People, ramp, Playboy, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, t3n, Vice, Walden, Women’s Health, Zeit-Magazin.

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Ein Gedanke zu „Blattkritik: Roland Tichy, Herausgeber “TichysEinblick”, über “Horizont”.

  1. Kurt Otto

    eine zutreffende Zustandsbeschreibung von Roland Tichy: aber die Berichterstattung über Medien war schon für alle Fachmedien zu allen Zeiten ein schweres Brot. Zumal man ja davon zu großen Teilen im Werbegeschäft lebt. Damals und heute.

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