Blattkritik: Stefan Bergmann, Chefredakteur "Emder Zeitung", über die "Elbe-Jeetzel-Zeitung".

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Stefan Bergmann, Chefredakteur der Emder Zeitung, liest für turi2 die Elbe-Jeetzel-Zeitung aus dem Wendland, Deutschlands beliebteste Lokalzeitung. Er lobt das Design und die Sorgfalt der Macher, vermisst aber größere Bilder im Lokalen – und hätte sich den eher mittelspannenden Mittwoch im Lokalteil knackiger aufbereitet gewünscht.

Was macht man in der Lokalredaktion, wenn Mittwoch ist, und nichts passiert? Außer, dass die monatlichen Arbeitslosenzahlen kommen. Und außer, dass am Vorabend drei Ratssitzungen waren. Leider alle nur konstituierende Sitzungen. Viele Namen, viele Eitelkeiten – aber keine ordentlichen Sachthemen.

Entweder man holt vorbereitete bunte Geschichten aus dem Stehsatzordner, oder man arbeitet mit dem, was vorliegt.
Die "Elbe-Jeetzel-Zeitung", sie erscheint in Lüchow-Dannenberg im Osten Niedersachsens, ist den zweiten Weg gegangen. Aber mal von Anfang an.

Das Blatt sieht auf den ersten Blick schick aus. Moderne Typo, klares Layout, die Überschriften nicht vollgepackt, sondern mit kräftig Weißraum. Edel. Die Hausfarbe Blau unterstreicht den seriösen Auftritt. Der nahezu rechtschreibfehlerfreie Lokalteil zeigt, wie sorgfältig gearbeitet wird. Der Mantel kommt von der Lüneburger Landeszeitung.

Schade, dass das klare Layout des Mantels – Aufmacherbilder groß – nicht im Lokalteil fortgesetzt wird, wo alles irgendwie gleich groß ist. Die "EJZ" hat einen tollen, klaren Druck. Größere Bilder kämen brillant zur Geltung! Der hohe lokale Anteil auf der Titelseite zeigt, dass dieses Blatt das Lokale ernst nimmt. Vorbildlich!

Ebenfalls gut: Leser können ihre Termine selbst im System der "EJZ" eintragen. Das spart natürlich auch redaktionell Zeit und Mühe, aber es ist eben auch ein toller Service, den nur wenige Zeitungen bieten.

Inhaltlich hätte ich mir mehr gewünscht. Mehr als nur Gruppenbilder (die dazu technisch nicht perfekt sind), mehr als nur Fließtext über die Ratssitzungen mit den vielen Namen und Abstimmungsergebnissen, mehr Unterhaltung an einem Tag, der geprägt ist von dröger Politik (wofür die "EJZ" nichts kann).

Da habe ich mich dann gefreut auf die Rezension eines Kirchenkonzertes, weil auch lokale Feuilletonisten, wenn sie ihren Job gut machen, sehr amüsant sein können. Doch dann lese ich Wörter wie "Affektgestalten", "pointierte Koloraturen" und "subtile farbliche Schattierungen", das ganze gekrönt von einem – Gruppenbild. Schade. Da hat sich jemand selbst verwirklicht, leider am normalen Leser vorbei. Dagegen ein Highlight in dieser Ausgabe: Der "Mensch Lüchow-Dannenbergs". Wunderbar einfühlsam geschrieben, mit Extra-Themenkästchen daneben, mit freiem Layout.

Wegweisend klar
ist der Umgang mit Werbetexten von örtlichen Unternehmen. Sie werden zusammengefasst auf einer Seite, die mit "Anzeige" überschrieben ist. Soviel Mut sollten andere Zeitungen mal aufbringen. Sie wären dann auch raus aus der Bredouille, PR-Texte im normalen redaktionellen Teil unterbringen zu müssen – womit sie sich ja automatisch angreifbar machen, Stichwort Trennungsgebot.

Fazit: Eine solide Zeitung, inhaltlich sauber – aber der Unterhaltungsfaktor und die Aha-Effekte fehlen.

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Die Blattkritik erscheint sonntags bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

Beim letzten Mal hat Benjamin Piel, Chefredakteur der "Elbe-Jeetzel-Zeitung", über Warum! geschrieben.

Alle Blattkritiken: 11 Freunde, ADAC Motorwelt, Allegra, Apotheken Umschau, art, auto motor und sport, B.Z., Bento.de, Bild der Wissenschaft, Capital, chrismon, Cicero, Clap, c’t, Detektor.fm, Donna, Dummy, Edition F, Elbe-Jeetzel-Zeitung, Eltern, Emotion, Enorm, Euro am Sonntag, Flow, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Hohe Luft, Horizont, Kicker, Kontext Wochenzeitung, Kreuzer, Landidee, Laura, L’Officiel Hommes, manager magazin, Merian, Morgen Europa, National Geographic, Neon, People, Playboy, Psychologie bringt dich weiter, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, St. Georg, SZ am Wochenende, t3n, taz.de, Tichys Einblick, Titanic, Vice, Walden, Warum, Women’s Health, Yps, Zeit-Magazin, Zeit Magazin Mann, Zitty.

2 Gedanken zu „Blattkritik: Stefan Bergmann, Chefredakteur "Emder Zeitung", über die "Elbe-Jeetzel-Zeitung".

  1. P. H. Anser

    Guten Tag Herr Bergmann,

    angenehm analysiert und Appetit gemacht: Ich werde mir demnächst dieses Blatt mit Interesse anschauen!
    Dass allerdings das Druckfehler-Teufelchen ausgerechnet im Satz (Zitat: "Die nahezu rechtschreibfehlerfreie Lokalteil zeigt, wie sorgfältig gearbeitet wird") zuschlug, ließ mich – ohne jegliche Hintergedanken – ein wenig schmunzeln.

    1. Markus Trantow

      Lieber Herr Anser,

      Danke für denm Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert.

      Beste Grüße, Markus Trantow

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