Blattkritik: Stefan Schweiger, Chefredakteur Apotheken-Umschau.de, über "Psychologie bringt dich weiter".

Blattkritik_Stefan Schweiger über Psychologie bringt dich weiter
Stefan Schweiger, Chefredakteur der Online-Ausgabe der Apotheken Umschau, liest für turi2 Psychologie bringt dich weiter und unterzieht das Magazin einer psychologischen Persönlichkeitsprüfung. Er diagnostiziert den Machern u.a. einen lockeren Umgang mit dem Layout und viel Verständnis für die Sorgen und Nöte der Leserinnen. (Foto: W&B/Marcel Weber, Montage: turi2)

Als ich "Psychologie bringt dich weiter" spätabends am Bahnhofskiosk kaufe, gibt mir die Verkäuferin noch ein "Na dann, viel Erfolg!" mit auf den Weg. Tatsächlich kündigt der etwas sperrige Titel auf dem Cover reichlich Versprechen an: "Mehr Selbstvertrauen", Tests "für mehr Menschenkenntnis", "Tipps gegen Flugangst", "weniger Stress". "Einblick in sich und andere" möchte das Magazin geben. Versuchen wir’s, Selbstoptimierungs-Potenzial habe ich genügend.

Im April 2016 hat der Hamburger Verlag Inspiring Network Psychologie bringt dich weiter gelauncht. Nachdem sich der Schwerpunkt des hauseigenen Titels "Emotion" zuletzt von der Psychologie hin zum Karriere-Coaching verschoben hat, glaubt man offensichtlich nach wie vor an die Psychologie als ergiebiges Magazin-Thema.

Die Psychologie hat es nicht leicht. Als Wissenschaft kämpft sie um den Nimbus als empirisch fundierte, harte Wissenschaft. Populärwissenschaftlich umgesetzt, driftet das Thema häufig allzu schnell in "Simplify your life"-Selbstoptimierungs-Gebrabbel ab. "Psychologie bringt dich weiter" platziert sich zwischen diesen beiden Polen.

Die klinische Psychologie arbeitet viel mit Fragebögen. Auch in Frauenzeitschriften sind Psychotests ein beliebter Standard. Mit "Psychologie bringt dich weiter" analysiere ich mein Flirtverhalten genauso wie mein persönliches "Risiko-Thermostat" anhand von 30 Test-Fragen. Beides auf der Grundlage wissenschaftlich evaluierter Testverfahren. In Sachen Risikofreude bin ich demnach ziemlich dröger Durchschnitt mit Ausschlägen nach oben und unten: in finanziellen Dingen ein beinahe bemitleidenswerter Angsthase, im Freizeitverhalten dagegen ein Draufgänger. Gut, kann ich so bestätigen.

Unter Psychologen ist die Theorie der Big 5 sehr beliebt, ein Schema der fünf wesentlichen Persönlichkeitsmerkmale, nach denen man einen Menschen charakterisieren kann. Unterziehen wir "Psychologie bringt dich weiter" also einer Big 5-Laien-Analyse:

– Neurotizismus vs. emotionale Stabilität: Die Themenmischung ist vielfältig. Spannend zu lesen ist das Interview mit dem Schriftsteller und Schauspieler Joachim Meyerhoff, der sich als sentimentaler Mensch outet, der Probleme in größeren Gesellschaften hat. Genauso die Protokolle von Psychotherapeuten, Pflegern und Coaches, die erzählen, wie sie selbst eine seelische Krise durchlebt haben. Auch ein bisschen psychologische Freakshow ist dabei: Von Feedern, die Lustgewinn daraus erzielen, andere Menschen dick zu füttern, habe ich hier zum ersten Mal gelesen. Dennoch überraschen die Themen in "Psychologie bringt dich weiter" nicht wirklich. Ausgeglichenheit ja, Verblüffung eher nein.

– Introversion vs. Extraversion: Wer die Konkurrenzblätter wie den Platzhirschen Psychologie heute oder das forschungsorientierte Gehirn und Geist kennt, freut sich bei "Psychologie bringt dich weiter" über ein lockeres Layout mit viel Weißraum und eine moderne Bildsprache. Hier sind Blattmacher am Werk, die Lifestyle-Journalismus beherrschen. Im Vergleich zu anderen Psychologie-Titeln also ein Luftikus im positiven Sinne.

– Offenheit für neue Erfahrungen: Mit einem neuen Heft heute eine Nische auf dem Zeitschriftenmarkt besetzen zu wollen, spricht für den Mut, den Inspiring Network schon mit dem Philosophie-Magazin Hohe Luft bewiesen hat. Dabei aber weitestgehend auf ein Jahrzehnte altes Erfolgsmodell zu setzen, eher nicht. "Psychologie bringt dich weiter" ist aus den Niederlanden übernommen: Seit mehr als 30 Jahren hat der Verlag Weekbladpers Media mit dem Psychologie Magazine Erfolg – in Deutschland übrigens auch Lizenzgeber des esoterisch angehauchten "Happinez". Laut Eigenangabe sind 60 % der "Psychologie bringt dich weiter"-Geschichten von der niederländischen Mutter übernommen. Beim Durchblättern scheint dieser Prozentsatz eher höher. Die Autorennamen muss man im kleiner Gedruckten suchen, fast ausschließlich sind dies holländische Namen. Die Hamburger Paartherapeutin Sandra Konrad als eigene Kolumnistin reicht hier nicht aus.

– Verträglichkeit: Im Kapitel "Beratung" können Leser ihre Fragen stellen. Die niederländische Psychologin Jolet Plomb antwortet. Das geht von Erziehungsfragen über die Berufswahl bis zu Sexfantasien. Auf alles eine fundierte Antwort, das ist der Anspruch. Unter die Charaktereigenschaften Mitgefühl und Verständnis kann man einen Haken setzen.

– Gewissenhaftigkeit vs. Nachlässigkeit: Das Magazin weiß, wovon es schreibt. Am Ende der Artikel sind Quellenangaben zu den relevanten wissenschaftlichen Studien angegeben. Mehr Wissenschaft in die Populärwissenschaft, diese Rechnung geht gut auf.

Die Ausprägungen der Big 5 sind für die moderne Psychologie nicht in Stein gemeißelt: Das ganze Leben lang ist die Persönlichkeit veränderbar. Davon geht auch "Psychologie bringt dich weiter" aus. Man möchte den Lesern helfen, "das Beste aus sich herauszuholen". Für das Magazin selbst bleibt hier noch Luft nach oben.

Wo Gesundheitsjournalismus ansonsten häufig stark krankheits- und damit defizitfixiert ist (durch meinen Arbeitgeber, die "Apotheken Umschau", kenne ich mich damit aus), verortet sich "Psychologie bringt dich weiter" gar nicht erst in diesem Metier: nicht als psychotherapeutische Kassenleistung, sondern als Coach. Leider ist das häufig auch etwas banal. Zielgruppe sind Frauen zwischen 25 und 49 Jahren mit hohem Bildungsniveau und Willen zur Selbstoptimierung. Das hat das Heft mit seinen Lesern gemeinsam.

Hat mich die Lektüre weitergebracht? "Psychologie bringt dich weiter" will viel, lässt einen aber (noch) etwas ratlos zurück. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich nicht der Beste darin bin, Vorsätze auch tatsächlich umzusetzen.

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Die Blattkritik erscheint sonntags bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

Beim letzten Mal hat Christine Ritzenhoff, Redaktionsleiterin bei Psychologie bringt dich weiter, Springers wiederbelebte "Allegra" kritisiert.

Alle Blattkritiken: 11 Freunde, ADAC Motorwelt, Allegra, art, auto motor und sport, B.Z., Bento.de, Bild der Wissenschaft, Capital, chrismon, Cicero, Clap, c’t, Detektor.fm, Donna, Dummy, Edition F, Eltern, Emotion, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Hohe Luft, Horizont, Kicker, Kontext Wochenzeitung, Kreuzer, Landidee, L’Officiel Hommes, manager magazin, Merian, Morgen Europa, National Geographic, Neon, People, Playboy, Psychologie bringt dich weiter, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, SZ am Wochenende, t3n, taz.de, Tichys Einblick, Titanic, Vice, Walden, Women’s Health, Yps, Zeit-Magazin, Zitty.