Blattkritik: Stefan Tillmann, Chefredakteur "Zitty", über "Landidee".

Blattkritik LandIdee Stefan Tillmann 600
Stefan Tillmann, Chefredakteur der Berliner Stadtmagazine Zitty und Tip, liest für turi2 Landidee, lässt sich von den 170 Seiten "gut gemachter Landverklärung" aber nicht vor die Tore der Großstadt locken. Denn der Stadtmensch weiß aus eigenen Versuchen, dass das Landleben kein Ponyhof ist. (Foto: Lena Ganssmann)

Es ist ja nicht so, dass man als Berliner nichts mit dem Landleben zu tun hätte. Die heile Welt, die da draußen vor der Stadt angeblich wartet, lebt immer mit, als Sehnsucht oder als schlechtes Gewissen. Meine Frau und ich hatten zwei Saisons lang mal eine Ackerparzelle am Stadtrand angemietet, dort bauten wir Gemüse an – bis wir merkten, dass das ganz schön Arbeit ist. Und die haben wir in der Stadt eigentlich genug.

In der Zeitschrift "Landidee" liest man natürlich nicht, dass das Landleben mühsam oder gar öde sein kann. Sie bietet 170 Seiten gut gemachte Landverklärung, das volle Wohlfühlprogramm, das Stadtmenschen vermutlich genauso lesen. Das Heft erscheint zweimonatlich und kann sich auf dem Cover mit saisonalen und sehr losen Themenandeutungen begnügen. Es verkauft ein Gefühl statt konkreter Themen. Wenn ein Magazin das schafft, kann man erst einmal gratulieren, denn das heißt ja auch, dass es ein Lebensgefühl trifft.

Bei der Sehnsucht nach der heilen Landwelt ist das offensichtlich. Die Cover-Zeile lautet deshalb schlicht "Alles blüht auf – Zeit für Gefühle", in der Ecke steht "125 Kreativ-Ideen für Ihren Frühling", auf dem Booklet wiederum "Kreative Frühlings-Ideen". Dennoch ist es mehr als ein Gefühl oder ein Trend, von dem die Zeitschrift lebt. Sie vermittelt durch und durch Seriosität, sie nimmt das Thema und die Leser ernst.

Das heißt: Ich erwarte von ihr mehr als schöne und harmlose Naturbilder, sondern auch konkrete Tipps, für den Garten, für den Balkon und für die Küche. Ich finde, dass der Spagat nicht immer gelingt. Das erste Ressort LandSaison ist fast ausschließlich eine Wohlfühlstrecke, bei LandKüche, LandHaus usw. wird es immer konkreter. Und ich finde: je konkreter der Service, desto besser. Wie zum Beispiel beim Thema Balkonbepflanzung, wo die Redaktion auf Zeichnungen statt auf Bilder setzt.

Ich bin sicher nicht die Zielgruppe. Auch wenn mich manche Themen interessieren könnten, die Tonalität, die Bildsprache und auch die Produktauswahl sind mir zu betulich. Aber das heißt ja nichts. Man merkt, dass das Magazin in sich und für eine bestimmte Leserschaft funktioniert. Und vor allem: dass es den Machern großen Spaß bereitet. Eines noch: Wenn die "Landidee" den Anspruch hat, sich auf großformatigen 170 Seiten schön und ernsthaft diesem Thema zu widmen und sich von der Konkurrenz abzusetzen, könnte sie mehr verlangen als 3,80 Euro. Ich würde 4,80 Euro zahlen – aber nur so ein Gefühl.

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Die Blattkritik erscheint jeden Sonntag bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

In der Vorwoche hat Katrin Tempel, Chefredakteurin "Landidee", die Zeitschrift "Eltern" kritisiert.

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