Blattkritik: Tatjana Kerschbaumer über "Zeit Verbrechen".


Tatjana Kerschbaumer, Chefredakteurin der turi2 edition, liest Zeit Verbrechen und lässt sich von den schaurigen Reportagen ins Heft ziehen. Bei Layout, Bildstrecken und Interviews könnten die Magazin-Macher aber noch eine Schippe drauflegen, sollte der One Shot in Serie gehen, findet Kerschbaumer. Ihre Blattkritik können Sie hier lesen und bei turi2.tv als kompaktes 2-Min-Video anschauen.

Es ist ein offenes Geheimnis: Hätte mich Peter Turi nicht für seine turi2 edition eingespannt, würde ich heute alle Redaktionen Deutschlands mit Themenvorschlägen zu vermissten Menschen und Mord-und-Totschlag-vom-Bauernhof nerven. Leider habe ich meistens keine Zeit – und kann mein kriminalistisches Dreiviertelwissen deshalb nur kurz vor der Wirtshaus-Sperrstunde herumraunen. Die Redaktionen sind vermutlich ganz froh darüber, nicht von mir behelligt zu werden. Und ich habe mich mit meinem mordlosen Autoren-Dasein fast abgefunden und beschränke mich bei True Crime auf schlichten Konsum. Aber richtig: Ich habe ein "stern Crime"-Abo, "Aktenzeichen XY" ist Pflicht – und sollte ich lange wach sein, dann weil "Autopsie – Mysteriöse Todesfälle" auf RTL2 läuft.

Klar, dass auch das One-Shot-Magazin Zeit Verbrechen ganz oben auf meiner Leseliste steht. Am Kiosk zahle ich schlanke 5,95 Euro dafür, während mir die Verkäuferin erklärt, sie habe das Heft "an einem Abend verschlungen". Natürlich vergisst sie nicht, mich auf "stern Crime" aufmerksam zu machen, eine der jüngeren Erfolgsstories von Gruner + Jahr, die der Verlag aufgrund der hohen Käuferzahl vehement gegen Nachahmer verteidigt. "Hab' ich im Abo", sage ich, die Verkäuferin lächelt. Gegen "Zeit Verbrechen" hat Gruner + Jahr offensichtlich nichts unternommen. Vielleicht, weil das Magazin vorerst nur einmal herauskommt; vielleicht, weil viele der dort veröffentlichten Texte damit zweitverwertet werden. Die großen Reportagen darin standen alle bereits in der "Zeit".

Das Titelbild: Klassisch. Ein einsames Haus im Nebel, dessen beleuchtete Fenster bedrohlich in die grün-graue Umgebung starren. Logisch, Verbrechen finden auch im Sonnenschein statt, aber davon will zumindest auf dem Cover niemand etwas wissen. Wirkt nicht. Weiter versprechen mir diverse Anreißer einen "Blick in den Abgrund", das "Grauen in den Wäldern Lüneburgs" und eine Ehefrau, die ihren Mann mittels Auftragskiller beseitigen ließ. Interessant: "Zeit Verbrechen" will sich auf Kriminalfälle aus Deutschland konzentrieren – eine Strategie, die sich deutlich von "stern Crime" unterscheidet. Die Gruner + Jahr-Kollegen sind nicht so ortsgebunden und heben gerne die spektakulärsten Kriminalfälle rund um den Globus auf den Titel. Jüngst musste Killer-Clown John Wayne Gacy herhalten, das "Wirken" des russischen "Schachbrettmörders" Alexander Pitschuschkin wurde ebenso behandelt wie die mysteriösen Morde von Lake Bodom. "Zeit Verbrechen" will zeigen: Auch in Deutschland gibt’s Horror genug.

Zwischen den großen Reportagen finde ich Interviews, etwa mit Krimi-Autor Friedrich Ani, Schauspieler Charly Hübner, der auf der Bühne gerade Serienmörder Fritz Honka spielt, dem forensischen Psychiater Hans-Ludwig Kröber. Alles gut zu lesen, mehr als eine Doppelseite (von der eine ein großes Bild ist) hat man den Interviewten kaum einmal gegönnt. Zum ersten Mal enttäuscht bin ich von der Bildstrecke "Berufstätige Hunde", in der gerade einmal fünf Polizeihunde von Fotograf Andreas Mühe porträtiert werden. Entweder es fehlte der Mut, die Strecke ansprechend und konsequent groß zu ziehen – immerhin wird sie auf dem Titel angepriesen – oder der Platz ist schlicht ausgegangen. Es ist zwar im Rahmen eines True-Crime-Magazins recht entspannend, zur Abwechslung süße Hundebilder zu zeigen. Aber Infos wie "Zora spielt mit Gummibällen" und "Miss Ellie frisst gerne Burger" lassen mich dann doch nicht so begeistert zurück, wie ich es gerne hätte.

Ähnlich zusammenhanglos erscheint die zweite Bildstrecke "Tote liegen still", die mich etwa in der Mitte des Hefts überfällt und mir historische Tatort-Fotos aus Rotterdam präsentiert, auf denen zu Tode gekommene Menschen hinter Sesseln und in Hausfluren liegen. Moment mal: Rotterdam? Wollte sich "Zeit Verbrechen" nicht vor allem auf Deutschland konzentrieren? Warum gerade Fotos aus den Niederlanden zur Illustration des Schreckens herangezogen werden – es müsste auch hierzulande historische Aufnahmen von Verbrechen geben, wenn man sie denn zeigen will – bleibt ungeklärt. Eine weitere Strecke arbeitet mit Illustrationen von "Orten des Geschehens", allein: Mir ist das alles irgendwie zu kurz, zu routiniert "abgefrühstückt", so, als hätte jemand in der Redaktionskonferenz gesagt: "Ach, wir brauchen auch noch…", alle hätten genickt, und dann kam das wortwörtliche Totschlag-Argument: "Aber mehr als sieben Seiten sind nicht drin!"

Ein anderes Kaliber sind da schon die Reportagen, die, Zweit-Druck hin oder her, wirklich das halten, was das Cover verspricht: einen Blick in den Abgrund. Sabine Rückert hat mit ihrem Text über eine Ehefrau, die einen Killer für ihren Mann anheuerte, nicht umsonst den Kisch-Preis gewonnen; "Todfreunde" (auch von Rückert) erzählt die Geschichte eines Polizisten, der sich mit einem geständigen Mörder anfreundet – und lässt einen fasziniert-befremdet zurück. So viel Text muss natürlich irgendwo hin, deshalb gibt es Doppelseiten, die nicht von einem einzigen Bild, von keinem Einblocker und keinem anderen Layout-Element aufgebrochen werden. Böse Zungen würden sagen: Bleiwüste, und leider stimmt das auch ein bisschen. Aber zumindest ich sauge die Geschichten dermaßen schnell auf, dass mir dieses optische Manko erst später auffällt. Wer bei Sätzen wie "Es ist die Hoffnung, die den Menschen fertigmacht, und je hoffnungsloser seine Lage, desto ekstatischer hofft er" unbedingt zugunsten des Layouts kürzen will, ist selber Schuld. "Zeit Verbrechen" hat das – zum Glück – nicht gemacht.

Was mir besonders positiv auffällt: Die "So ging es weiter"-Rubriken am Ende aller großen Reportagen. Die Texte, teils schon vor Jahren erschienen, stehen nicht für sich, sie wurden aber auch nicht auf Biegen und Brechen aktualisiert. Stattdessen gibt es die journalistisch schicke Lösung, einen kleinen Zusatztext zu veröffentlichen, der die aktuelle Situation – des Mörders, der Entlassenen, des Polizeibeamten – wiedergibt. Das interessiert nicht nur Leser meines Schlags brennend, sondern ist auch eine beeindruckende Leistung: Hätte ja sein können, dass es einem Mörder oder einem Verurteilten nach einer großen Reportage auch mal reicht und er keine Lust auf weitere Gespräche hat. "Zeit Verbrechen" hat die mittel- und unmittelbar betroffenen Personen in allen Fällen noch einmal zum Sprechen gebracht.

Würde ich das Heft wieder lesen, sollte es ein zweites geben? Na klar. Ein bisschen liebevoller produziert dürfte es für meinen Geschmack noch sein. Obwohl das bei einem Heft über Verbrechen irgendwie seltsam klingt.
turi2.tv (Video-Blattkritik bei YouTube), shop.zeit.de ("Zeit Verbrechen" online bestellen)

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