Blattkritik: Tim Sommer, Chefredakteur von "art", über "Merian".

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Tim Sommer, Chefredakteur von art, liest im Auftrag von turi2 den aktuellen Merian über Leipzig – und ist nicht überzeugt. Das Heft ist ihm "zu routiniert, zu werblich-heiter".

Man kennt ja diverse Strategien, sich gegen den Zeitenwandel in den Medien zu stemmen. Kollege Andreas Hallaschka hat die wahrscheinlich effektivste gefunden: Er wechselt einfach sein Editorialbild nicht aus! Und so strahlt er im aktuellen Merian-Heft zu Leipzig genauso fesch und faltenarm wie schon im letzten, erschienen 2004. Ich bin eigentlich kein großer "Merian"-Leser und –Sammler, aber ich habe ein sentimentales Verhältnis zur Stadt meiner Jugend. Deshalb besitze ich alle Leipzig-Ausgaben von "Merian", auch die von 1977 und 1996. Und so viel vorab: Besser ist das Magazin nicht geworden.

Als "Merian" noch das Heft mit dem Leinenrücken war (eine Riesendummheit, dieses Alleinstellungsmerkmal einzusparen), stand es für exzellente Fotografie, ausgefeilte Layouts mit edler Typografie und schlaue, witzige, neugierige Texte von gelegentlich literarischer Qualität. Das Heft von 1977 ist eine DDR-Erkundung, die heute noch steht wie eine Eins. Das aktuelle Heft ist – man muss es leider so drastisch sagen – eine Schwundstufe des Markenkerns als charmanter und geistreicher Cicerone: ein solides und nutzwertiges monothematisches Reisemagazin von mittlerem Tiefgang.

Mir persönlich ist das alles zu routiniert, zu werblich-heiter – was stark mit der Grafik zusammenhängt. Dass man das Bild des Chefredakteurs nicht auswechselt, mag eine Marotte sein, aber beim Layout kommt das Prinzip der Zeitvergessenheit doch an seine Grenzen. Es hat fast exakt den Look von 2004 und wirkt in seinem unfreiwilligen Millennium-Retro verstaubter als der Siebzigerjahre-Schmöker.

Gleich sechs der zwölf Geschichten hat Peter Hirth fotografiert, zwei Isabela Pacini, zwei die Zielske-Brüder. Das sind allesamt solide Bildarbeiter, aber keine großen Stilisten – was übertragen ähnlich auch für die Autoren gilt. Deshalb fließt das Heft bunt und nett, aber eben höhepunktarm und reibungsfrei dahin. Im "Merian"-Leipzig herrscht ein endloser Sommer-Sonntag-Nachmittag und alle haben beste Laune.

Zwölf fast gleichwertige Geschichten auf 83 Seiten zwischen Hefteinstieg und Serviceteil sind nach meinem Geschmack auch vier zu viel. Zumal man den Eindruck hat, dass nach drei Leipzig-"Merians" auch alle Hauptsehenswürdigkeiten verbraten und ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung soviel Neues über den Sympathieträger im Osten auch nicht zu erzählen ist. Zumindest wenn man sich partout entschlossen hat, die rosarote Brille aufzusetzen, durch die man "Pegida/Legida" und das ganze rechte Elend nicht sieht, mit dem die Klugen vor Ort bis in die Hausgemeinschaft ringen. Das wäre früher eine Steilvorlage gewesen, eine Tiefenbohrung an die sächsischen Volksseele zu setzen.

Ansonsten kommt das spezifische Leipziger Lebensgefühl zwischen Komplettsanierung und Freiraum in Industrieruinen gut rüber, dass auch dem Touristen so gut gefällt: ein Besuch in der Kunstfabrik Baumwollspinnerei, ein Rundgang durch den heißen Leipziger Westen, eine Reportage über das wunderbare Grassi-Museum, ein Ausflug in den Zoo, ein Interview mit dem Wiedererfinder des Panoramabildes Yadegar Asisi – und klar, auch noch Thomaskirche, Messe und Deutsche Bücherei. Die Themenwahl ist völlig in Ordnung, das Heft krankt an mangelnder Vielfalt von Bildsprachen und Tonfällen.

Nur halbgut finde ich auch den neu entwickelten Serviceteil am Heftende, dessen Titelillustration aussieht wie eine Speisekarte aus dem DDR-Interhotel. Sicher ist es schwer, eine Print-Antwort auf Orientierungs-Apps zu finden, aber dieses 155-Tipps-Potpourri von Rundgängen, Hotelempfehlungen und Einkaufsratschlägen von 1 ("Der erste Blick") bis 14 ("Der zweite Blick") kann es eigentlich nicht sein. Zumal man auch noch den Klapp-Stadtplan zum Herausnehmen weggespart hat. Und das ist fast so schlimm wie Cost Cutting am Leinenfälzel!

Bisher wurden folgende Titel einer Blattkritik unterzogen: 11 Freunde, auto motor und sport, B.Z., Cicero, Clap, c’t, Donna, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Kontext, National Geographic, People, Playboy, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, Women’s Health, Zeit-Magazin.

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2 Gedanken zu „Blattkritik: Tim Sommer, Chefredakteur von "art", über "Merian".

  1. Jens Kassner

    Die Kritik am Merian-Heft mag ja völlig berechtigt sein (ich hatte es noch nicht in der Hand). Doch der Chefredakeur der ART, aus Leipzig kommend, widmet dieser Stadt in seiner eigenen Zeitschrift kaum noch Aufmerksamkeit, auch wenn sie international zunehmend als wichtiger Kulturstandort wahrgenommen wird. Das zehnjährige Bestehen der Spinnerei als Hotspot war ebenso wenig ein Thema in ART wie das zehnjährige Jubiläum des MdbK-Neubaus. Die quirlige Szene rundherum erst recht nicht.

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