interview2: Arnd Festerling zieht bei der "Frankfurter Rundschau" neue lokale Seiten auf.

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Großbaustelle in Frankfurt: Die Frankfurter Rundschau erscheint ab Samstag mit einer neuen Regionalstruktur. Chefredakteur Arnd Festerling trennt sich vom Lokalzeitungszuschnitt und produziert mit seinem Team künftig ein Blatt für die ganze Region. Die "FR" kommt nun pro Woche mit 36 lokalen und regionalen Seiten mehr als bisher. An welchen Schrauben er dafür dreht, sagt Festerling im Interview mit turi2.de.

Herr Festerling, womit schreiben Sie die vielen neuen, lokalen Seiten der "FR" voll?
Mit interessanten Texten natürlich! Im Ernst: Bisher hatten wir fünf Regionalausgaben, geografisch recht eng gefasst. Offenbacher lasen über Offenbach, Hofheimer über Hofheim – und den Sexskandal aus dem Landratsamt in Beispieldorf lasen die Beispieldörfler. Künftig lesen die Offenbacher auch das. Und die Hofheimer das interessanteste aus Darmstadt. Da müssen die Geschichten natürlich anders angepackt werden, anders geschrieben, anders vorbereitet – es ist ja nicht mehr nur das lokale Publikum, das sie liest.

Bisher produzieren Sie fünf unterschiedliche Regionalausgaben. Was ändert sich daran?
Wir produzieren eine Ausgabe für die gesamte Region und Frankfurt, die sich nur noch auf drei Seiten unterscheiden. Auf diesen drei Seiten stehen in Frankfurt die Stadtteile, das Sublokale also. Und in den jeweiligen Regionen steht hier das Lokale: die Sperrung der Hauptstraße, der Einbruch beim Bäcker. Das, was lokal interessiert, aber keine Riesengeschichte braucht. Der Rücktritt des Bürgermeisters nach Korruptionsskandal, der Experimentalkindergarten, das neue Gewerbegebiet für Großinvestoren aus Fernost, das steht künftig auf den Seiten für die ganze Region. Und die ganze Region bekommt mehr Frankfurt. Im Rhein-Main-Gebiet, der Metropolregion also, pendeln täglich rund 600.000 Menschen. 200.000 pendeln nach Frankfurt – und 400.000 daran vorbei. Dem tragen wir Rechnung.

Die "Frankfurter Rundschau" als eine Art "Pendlerzeitung"?
Pendlerzeitung klingt nach Zeitung lesen in Bussen und Bahnen. Wenn wir darauf setzen würden, müssten Sie uns für das Interview in einem Medienmuseum besuchen. Pendler informieren sich im Auto übers Radio und überall sonst digital. Die "FR" ist – in ihrem Regionalteil – eine Zeitung für Menschen, die in diesem Gebiet leben. Hier wohnen, dort arbeiten und woanders wieder ihre Freizeit verbringen. Die Pendler sind da nur ein Beispiel. Aber sollte es jemals eine Retro-Mode hin zur gedruckten Pendlerzeitung geben, würden wir natürlich nicht Nein sagen.

Das Konzept klingt zumindest in Teilen nach "One Size fits all". Funktioniert sowas noch in Zeiten personalisierter Newsstreams?
Ja, eine Größe, die allen passt. Mit, in diesem Fall, speziellen Applikationen: drei sehr lokalen Seiten. Klar funktioniert das. Es ist ja eben kein personalisierter Newsstream, es ist eine gedruckte Zeitung. Mit allem was die gedruckte Zeitung ausmacht: Etwas in der Hand zu halten, Haptik, wie man so schön sagt. Mit dem Überraschungsmoment, auch etwas zu bekommen, was man nicht bestellt hat, Dinge zu erfahren, von denen Leserinnen und Leser bisher nichts wussten, nicht einmal wussten, dass man es wissen könnte. Auch deswegen kaufen immer noch sehr viele Menschen eine analoge Zeitung. Personalisierte Newsstreams sind nach unseren Erkenntnissen für die lokale und regionale Berichterstattung nicht so der Kracher beim Publikum.

Was passiert mit den überregionalen Seiten? Bleibt hier alles, wie es ist?
Nichts bleibt, wie es ist. Das, was wir in der Region jetzt machen, ist nur ein Teil der Erneuerung der "Frankfurter Rundschau". Die umfasst die ganze Zeitung, die gedruckte wie die digitale. Die Regionalreform ist da nur ein weiterer Schritt nach dem Launch unserer Smartphone-App. Aber sie ist ein eigenständiges Projekt. Dafür wird nichts im Mantel gekürzt, nicht der Platz, nicht die Mittel und schon gar nicht das Personal. Im Gegenteil, im Zuge der Regionalreform haben wir sogar Personal aufgebaut.

Früher war die "FR" eine wichtige links-liberale Stimme, die bundesweit gehört wurde. Seit der Insolvenz und dem Neustart klingen sie leiser. Wollen Sie künftig wieder lauter werden?
Ja, die Insolvenz hat uns da nicht wirklich weiter geholfen. Aber wir sind schon recht laut für eine kleine Zeitung. Schön wäre es natürlich, wenn wir noch mehr gehört würden!

(Foto: Andreas Arnold, Montage: turi2)