Blattkritik: Martin Kunz, Chefredakteur der "ADAC Motorwelt", über Detektor.fm.

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Martin Kunz, Chefredakteur der "ADAC Motorwelt", braucht ein bisschen, um mit Detektor.fm warm zu werden, als er sich für turi2 durch das Programm des Webradios hört und klickt. Schnell begeistert ist er von der Musik-Kompetenz der Leipziger, das Wortprogramm findet er stellenweise "komisch statt kompetent".

Och, ein Webradio. Brauche ich das in der permanenten Medienüberflutung? Weil die turi2-Redaktion es will, fummelt sich der Autor auf dem Mobile zur Website von Detektor.fm und schaut sich erst einmal die Macher und ihre Motivation an. Okay: sympathische Leipziger und ihr ambitioniertes Radioprojekt. Hintergründiger Journalismus soll es sein und handverlesene Popmusik, ein bereits mehrfach ausgezeichnetes Programm.

Die Rubrik Album der Woche erinnert mich an schönste Bayern3-Zeiten mit Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Fritz Egner. Bei Detektor.fm wird das Album der Woche mit einer überraschenden Titelzeile beworben: Aus dem Erniedrigungssumpf geschlüpft, steht da. Das erzeugt beim Leser-Hörer-User nullkommanull Lust auf Musikgenuss, aber die Zeile ist so schräg, dass man die Hintergründe im Teasertext erfahren will:

Die Band Isolation Berlin stemme sich mit lakonischen Depri-Songs gegen den Gute-Laune-Brei der deutschen Poplandschaft. Der Autor teilt diese Ansicht, denn es sind 30 Jahre seit den Bayern3-Radio-Heros rund um Gottschalk & Co vergangen und die Vermüllung der Medien mit Trivial-Content hat auch den Rundfunk nicht verschont. Der düstere Song Alles Grau aus Berlin kommt gut, dazu ein Interview mit den Musikern als diese anscheinend das Studio von Detektor.fm besucht haben. Darunter gibt’s das Album mit dem schönen Titel Und aus den Wolken tropft die Zeit zum Herunterladen/Kaufen/Streamen und die Tourdaten der Band.

Auch wenn die Usability des Portals noch nicht optimal ist – wie wechsele ich vom Musik-Stream zum Wort-Stream und zurück? – versinke ich in alternativen Popsongs, die manchmal gar nicht so anders sind, denn Yael Naim oder Sade laufen natürlich auch auf Mainstream-Sendern.

Was die privaten Formatradios meistens nicht machen, denn es gilt als sicherer Zielgruppenkiller, sind Musiksendungen mit längeren Textbeiträgen. Man darf über alles sprechen, lautet das Hit-Radio-Mantra, nur nicht über Einsdreißig! Für Detektor.fm ist Musik mit ausschweifendem Talk die gängige Formel, wenn man den Wort-Stream einstellt. Diese Mischung verleiht dem Sender auch ein sehr eigenes Profil.

Ich lausche einem längeren Gespräch mit dem Krautreporter Christian Fahrenbach über den Umgang des türkischen Präsidenten mit der Pressefreiheit – komisch statt kompetent wirkt das, weil der Krautreporter aus den USA zugeschaltet wird und über den Atlantik hinweg die deutsch-türkischen Beziehungen analysiert. Könnte ich nicht auch von München aus die US-Einwanderungspolitik kommentieren – für Radio Vatikan?

Wenig servicefreundlich hört sich ein knapp siebenminütiges Interview über die Garantie- und Gewährleistungsansprüche bei Autoersatzteilen an. Freunde! Es gibt Themen, die sind definitiv im Stiftung-Warentest-Heft besser aufgehoben. Oder gar bei der "ADAC Motorwelt"? Und dass Interviews durch Kürzen meistens spannender werden, gilt übrigens im Print wie im Radio.

Sehr interessant ist hingegen ein Beitrag über die Zerstörung historischer Kulturgüter durch den Islamischen Staat in Syrien – hier liefert eine Expertin des Deutschen Archäologischen Instituts spannendes Edutainment. So schafft das Webradio authentische, intellektuelle Hörerlebnisse.

Der Autor findet letztlich wieder den Musik-Stream und macht es sich gemütlich auf einem immer wieder überraschenden und völlig unformatierten Indie-Pop-R&B-Musikteppich. Gut so, weiter so! Detektor.fm hat einen neuen Fan gefunden.

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Die Blattkritik erscheint jeden Sonntag bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

Am 20. März hat Christian Bollert, Geschäftsführer von Detektor.fm, das Leipziger Stadtmagazin "Kreuzer" kritisiert.

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