turi2 edition5: Das soziale Studenten-Netzwerk "Jodel" im Porträt.


Holdrio: Waschbären jodeln nicht? Von wegen. Die App Jodel macht es möglich – und verdrahtet ihre Nutzer unkomplizierter als jede andere digitale Plattform. Die Mehrzahl der Jodler, die sich unter dem Logo des orangefarbenen Waschbären versammeln, sind junge Menschen bis 26 Jahre. Für die turi2 edition5 hat Tatjana Kerschbaumer mitgejodelt.

Procyon lotor ist eine coole Socke. Er ist flauschig, trägt Streifen im Gesicht, die an eine Gangster-Maske erinnern, und vor allem: Er findet immer einen Weg. Sagt zumindest Alessio Borgmeyer, der Procyon lotor – zu Deutsch: Waschbär – als sein App-Maskottchen auserkoren hat. Seit 2014 blitzt der Kleinräuber deshalb orange im App- und Google-Play-Store auf. Und er macht etwas, wofür Waschbären eher wenig bekannt sind: Er jodelt.

Na ja, zugegeben – der Waschbär jodelt nicht selbst. Dafür diejenigen, die ihn heruntergeladen und die App mit seinem niedlichen Gesicht installiert haben. Sie heißt Jodel und Erfinder Borgmeyer weiß, dass das eigentlich nicht zusammengeht: ein jodelnder Waschbär. Egal. Es funktioniert. Allein im Play-Store zählt Jodel mehr als 1 Mio Downloads.

Praxistest, München-Thalkirchen. Waschbär downloaden, einloggen, zack – schon ist man mittendrin. Denn Jodel funktioniert anonym, kein Nutzer muss ein aufwändiges Profil mit Namen und Bild anlegen. Erfinder Borgmeyer will nicht, "dass sich User damit aufhalten", vor dem ersten Post ihr Handy stundenlang nach dem besten Steckbrief Selfie zu durchsuchen. Dafür analysiert die App den GPS-Standort: Angezeigt werden nur Posts, die in einem Umkreis von zehn Kilometern erstellt wurden. Ein bisschen digitale Nachbarschaft sozusagen.

Erster Jodel: "Die MVV nennt es Fahrplan. Ich nenne es unverbindliche Abfahrtsempfehlung mit Gleisvorschlag." Zweiter Jodel: "Warum versteht der Kerl nicht, dass er nicht mein Typ ist?! Ich hab es ihm geschrieben und gesagt. Langsam gehen mir die Möglichkeiten aus." Dritter Jodel: "Arbeitet ein Jodler beim Kreisverwaltungsreferat und kann mich vorziehen? #wartenseitstunden."

Jodel ist, schlicht gesagt, der Glückskeks unter den Social-Media-Plattformen: Inhalt unberechenbar. Die "Jodler", wie sich die Nutzer nennen, sind überwiegend 18 bis 26 Jahre alt und posten so ziemlich alles, was ihnen gerade einfällt. Das kann eine Beobachtung sein, eine ernste Frage oder die Meldung, dass man gerade eine herrenlose EC-Karte gefunden hat. Andere User können die Posts mit "Pfeil nach oben" oder "Pfeil nach unten" bewerten. Bekommt ein Jodel-Post fünf schlechte Bewertungen, wird er automatisch gelöscht. Bekommt er viele gute, steigt das Karma-Konto seines Absenders. Der darf sich freuen – anonym. Antworten sind natürlich auch möglich. Der Besitzer der herrenlosen EC-Karte könnte sich beim findenden Jodler melden – falls er selbst Jodel installiert hat.

Lesen Sie den gesamten Text in der turi2 edition "The Digital Me".

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