turi2 edition5: Die Zeit Akademie im Porträt.


Seminar in Serie: Mit der Zeit Akademie hat die Hamburger Wochenzeitung seit 2011 einen Fuß im Weiterbildungsgeschäft – und das ändert sich ständig. Die DVDs, auf denen der Verlag seine Seminare bisher vertreibt, bleiben immer häufiger im Lager. Die Akademie entwickelt sich stattdessen immer mehr zum Bildungs-Netflix, schreibt Jens Twiehaus in seinem Porträt in der turi2 edition5, die im Oktober 2017 erschienen ist.

Angela Broer eilt zum Termin. Die langen blonden Haare fliegen hinter ihr durch die Flure des backsteinernen "Zeit"-Verlagshauses; Broer ist bei der Teamverabschiedung aufgehalten worden. Bei einem Schönes-Wochenende-Handschlag bespricht die Leiterin der "Zeit Akademie", was in der Woche so los war. Und, viel wichtiger: was nächste Woche kommt. Die "Zeit Akademie" ist ein junges Gewächs des Verlags. Im Januar 2011 steigt die Wochenzeitung in das Geschäft mit der Weiterbildung ein. Zum Auftakt erläutern die Professoren Julian Nida Rümelin und Rüdiger Pohl politische Philosophie und Wirtschaft in DVD-Seminaren. Das ist gefühlt schon länger her als 2011. Denn die Digitalisierung wälzt die Akademie seitdem ganz unakademisch im Eiltempo um.

Vor allem Broer tritt aufs Gas. Im Sommer 2014 holt Verlagschef Rainer Esser die frühere Unternehmensberaterin ins Haus. Sie richtet die noch junge Akademie neu aus und macht sie zum spannendsten Digitalgeschäft des Hauses. Unter ihr steigt der Absatz rein digitaler Akademie-Produkte, der früher unbedeutend war. Inzwischen ist jedes dritte verkaufte Produkt virtuell, Tendenz: stark steigend. Die DVD bleibt immer häufiger im Lager.


Die Videos der Zeit Akademie folgen ihren Protagonisten in ihr Umfeld.

Broer bedauert das Ausklingen des alten Geschäftsmodells nicht. Ganz im Gegenteil – sie treibt die Digitalisierung konsequent voran. Broer ist diplomierte Kauffrau. Sie spricht knappe Sätze mit einem Bullshit-Anteil, der gegen Null geht, was im Digitalgeschäft ein seltenes Phänomen ist. Ihr kleines Team bezeichnet sie als "Startup innerhalb des 'Zeit'-Verlags". Und führt es entsprechend.

Die Truppe erwirtschaftet bereits einen Millionenumsatz. Mehr als 15.000 Seminare gehen im Jahr über die virtuelle Ladentheke – wobei die Zahl nur noch schwer zu ermitteln ist. Immer mehr Wissensdurstige streamen ihr Seminar, sie kaufen Abos statt DVD-Boxen. Broer entwickelt dafür pragmatische Angebote: Sie bietet "Zeit Akademie"-Lektionen zum Kauf auf Xing an. Auf der Streamingplattform von Amazon können Nutzer ein Dutzend Seminare für eine monatliche Flatrate von 8 Euro ansehen. Die "Zeit Akademie" wird ein bisschen zum YouTube für Profis. Oder auch: das Netflix für Bildungshungrige.

Doch die Netflixisierung der Online-Streaming-Welt birgt im Vertrieb ihre Tücken. Netflix definiert die Preise für Abos im Netz. Das Standard-Angebot liegt bei 9,99 Euro im Monat, die übliche Schmerzgrenze. Denselben Preis verlangt auch Spotify für sein werbefreies Musikangebot. Bei der "Zeit Akademie" verkaufen sie den vollen Online-Zugang immerhin ab 14,99 Euro aufwärts. Verglichen mit 129 Euro teuren DVD-Boxen ein Schnäppchen.

Lesen Sie den gesamten Text in der turi2 edition "The Digital Me".

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