turi2 edition6: Medienbischof Gebhard Fürst im Interview.


Frohe digitale Botschaft: Jahrhundertelang war die katholische Kirche das wichtigste Netzwerk in Politik, Kultur und Medien. Jetzt braucht sie neue Kanäle für ihre Botschaft, glaubt Bischof Gebhard Fürst im Interview von Peter Turi. In der turi2 edition6 spricht der Medienbischof über den Stand der Digitalisierung in der Kirche und die Schwierigkeit, die frohe Botschaft auf Tweet-Länge zu bringen. (Fotos: Sebastian Berger)

Herr Bischof, die katholischen Kirche lebt seit 2000 Jahren davon, eine frohe Botschaft zu teilen. Wie lautet Ihre Botschaft im Jahr 2018 nach Christus?

Wir haben eine Botschaft, die zeitlos ist und den Menschen in seiner konkreten Situation so anspricht, dass sie ihm hilft, ihn tröstet, ihm Hoffnung und Perspektive gibt. Die Botschaft lautet: Das Heil ist durch Jesus Christus in die Welt gekommen.

War es früher einfacher, mit dieser Botschaft durchzudringen?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wenn wir mal zu den Wurzeln des Christentums gehen, circa 50 nach Christi Geburt: Da gab es nur wenige Christen im Römischen Reich, vielleicht ein paar Tausend. Die haben die christliche Botschaft durch ihr christliches Leben verbreitet, durch ihre Handlungen. Durch ihre Taten, sich besonders den Menschen zuzuwenden, die im Imperium Romanum nicht die großen Heroes waren, nicht im Rampenlicht standen, sondern eher die Schwachen, die Ausgegrenzten waren.

Die Botschaft der Nächstenliebe. Vielleicht die größte Idee von allen.

Das hat sich herumgesprochen, denn die Menschen haben sich gewundert. Das wissen wir aus der säkularen Literatur der damaligen Zeit. Sie haben sich gefragt: Warum gehen Christen mit den Menschen so anders um? Die Antwort war wieder die Praxis: Christen sehen und schätzen jeden Menschen unabhängig von seiner Leistung und seiner Produktivität und wollen ihm beistehen. Darin verkünden wir unser Gottesbild.

Das heißt: Die Botschaft ist noch aktuell nach 2000 Jahren – aber müssen die Kanäle wechseln?

Nur zum Teil. Am Anfang der Botschaft steht die Tat. Der große Apostel Paulus war unentwegt unterwegs…

Und hat auch Medien genutzt – wir kennen ja die Paulus-Briefe.

Das erste Medium war er selbst, sein Leben, seine Taten. Aber auch die Predigt, die gesprochene Sprache. Und dann hat er sehr viele Briefe geschrieben. Und es waren keine Tweets, sondern lange Briefe mit einer breiten und durchaus spekulativen Sprache. Aber die Leute haben die Briefe gern gelesen, weil sie wussten, dahinter steht die Person des Paulus.

Also ohne das Medium Brief, die beschriebenen Papyri, kein Christentum?

Ohne die Briefe und ohne Paulus als Briefschreiber wäre das Christentum im Römischen Reich nicht verbreitet worden. Paulus war eine große Autorität, von der alle wussten, dass er Zeugnis von Christus ablegen will, damit die Menschen das Heil finden. Dass sie Trost, Segen und eine Perspektive über das Leben hinaus haben.

Also hat die Kirche von Anfang an neue Medien genutzt, um ihre Botschaft zu verbreiten.

Absolut. Paulus hat einen ganz neuen Briefstil genutzt, ebenso die Evangelisten, also die Verfasser der Evangelien, die uns vom Wirken Jesu erzählen. Sie haben eine ganz neue Literaturgattung entwickelt, eine neue Art der medialen Vermittlung. Es sind Berichte über das Leben eines Menschen in seinen Abgründen, in seinem segensreichen Wirken, auch Nacherzählungen seiner Geschichten und Gleichnisse. Also das, was wir heute Narrative nennen.

Oder Storytelling…

Unsere europäische Gesellschaft wäre nicht zu denken ohne das Medium des Buches und die große Präzision der mittelalterlichen Mönche, die Schriften so abzuschreiben, wie sie im Ursprünglichen verfasst sind. Wir haben von keinen frühen, auch weltlichen Schriften – ob das jetzt Platon ist oder Sokrates – eine so präzise und genaue Überlieferung wie von den Mönchen. Das kommt vom Respekt gegenüber der schriftlichen Botschaft.

Die Experten sagen, dass das Zeitalter des Buches zu Ende geht und die Herrschaft des Digitalen beginnt.

Für die Kirche ist es nur eine neue Art, wie die Botschaft zu den Menschen gebracht wird. Ich formuliere es mal ganz einfach: Was nicht im Netz ist, ist nicht in der Wirklichkeit. Deshalb müssen wir unsere Botschaft – und das dürfen dann keine ganzen Bücher sein, die man einfach digitalisiert – in die heutige Zeit übersetzen und auch mit den entsprechenden Bebilderungsmedien, also Bewegtbild, so arrangieren, dass die Menschen darauf aufmerksam werden. Und vielleicht den Aha-Effekt erleben: Das ist etwas, das für mich neu ist, hilfreich und sich lohnt, da mal hinzuschauen.

Würden Sie sagen, dass die Kirche alle Medien nutzen muss, die es gibt?

Ja. Die Botschaft muss auf allen Kanälen zu den Menschen kommen. Wenn ich die Urbotschaft anschaue, war die immer auch dialogisch. Jesus spricht mit seinen Jüngern, er erzählt, beantwortet Fragen. Er spricht übrigens sehr bildhaft: Das Reich Gottes ist ein Schatz im Acker, sagt er. Das ist ein Bild.

Dialogisch, visuell – da sind wir fast automatisch bei Social Media und Video. Hat die Kirche da Nachholbedarf?

Sicher ist die Kirche noch nicht dort, wo wir sein müssten. Aber es gibt große Bemühungen, eine große Bereitschaft, es wird in den einzelnen Diözesen viel investiert an Manpower, Equipment und Kreativität. Was mir noch etwas fehlt, ist, dass wir das nicht nur in einzelnen Ortskirchen machen, sondern als Katholische Kirche in Deutschland insgesamt über die verschiedenen Kanäle crossmedial auftreten. An zentraler Stelle müssen wir noch weiter vorankommen.

Sie sind Medienbeauftragter der Bischofssynode und damit zentral zuständig. Sie sind aber auch Bischof in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Was machen Sie hier vor Ort?

Wir haben seit vielen Jahren eine Pressestelle und haben auch schon früher Videos auf unsere Homepage gestellt. Aber jetzt setzen wir konsequent auf eine crossmediale Medienarbeit. Neben den Text treten Bilder und vor allem Video – das macht Kirche lebendiger. Dank meiner Mitarbeiter bin ich jetzt auch auf Twitter unterwegs. Es ist eine besondere Herausforderung, die Botschaften in den wenigen Zeilen so prägnant zu fassen, dass es gut rüberkommt und nicht missverstanden wird.

Twittern Sie selbst?

Aus zeitlichen Gründen komme ich nicht dazu, aber mir ist dieses Medium inzwischen vertraut. Wir besprechen den Inhalt eines Tweets vorab, meine Mitarbeiter setzen ihn auf und von mir wird er dann – in Anführungszeichen – abgesegnet.

Das ganze Interview lesen Sie in der "turi2 edition Netze", S. 182-188.

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