turi2 edition: Wo die dpa ihre Zukunft sieht.

(Beiträge aus dem Dezember 2015)

Live, bewegt und mobil ist die Zukunft der Nachricht – und auf dem alten Tanker Deutsche Presse-Agentur müssen sie in rauer Medien-See nicht nur die Bordwand streichen. Chefredakteur Sven Gösmann und sein Team bauen ganze Decks neu und ein paar andere ab. Jens Twiehaus beobachtet für die turi2 edition den Wandel im Berliner Newsroom der dpa – und verfolgt die Frage "Was ist die Nachricht noch wert?" bis in die Köpfe ihrer führenden Macher.

Print ist in den Augen von Gösmann immer noch stark, die Print-Verlage sind das Rückgrat der 680 Mitarbeiter starken Agentur. Längst aber suchen erfahrene Journalisten nach neuen Geschäftsmodellen und journalistischen Formaten. Vize-Chefredakteur Roland Freund zog sich in die kleine Denkfabrik dpa next lab zurück. Infocom-Geschäftsführer Christoph Dernbach glaubt an den Siegeszug multimedialer Liveticker.
 

interview2: Sven Gösmann.


Konzentration, bitte! Die Deutsche Presse-Agentur steht als Lieferant der Verlage im Gewitter des Medienwandels und muss sich erneuern. dpa-Chefredakteur Sven Gösmann, 49, werkelt deshalb an allen Fronten – und muss manches niederreißen. "Wir versuchen allen Kunden alles zu geben, aber wir müssen uns auch konzentrieren", sagt Gösmann im Video-Interview für die turi2 edition. dpa probiert neue Textformate wie Listicles, wird in Korrespondenten-Berichten persönlicher, reduziert aber die Zahl der arbeitsintensiven Zusammenfassungen.

Nebenbei macht Gösmann so manchem Kunden Beine. Nicht dpa ist stets das trägste Teilchen im atomisierten Medienmarkt – manchmal sind auch die Verlage lahm. Er müsse "in die Köpfe der Kunden reinbringen, sich zu öffnen für die Möglichkeiten, die wir heute schon anbieten", sagt Gösmann in vornehm diplomatischer Zurückhaltung. Was alle wollen, egal ob Print oder Online: mehr Bild, mehr Grafik, was zum Gucken. "Ein Wort ist eine ganze Menge wert", sagt Gösmann, "aber daneben tritt immer stärker die Visualisierung."
 

interview2: Christoph Dernbach.


Deutsche Puls-Agentur: Liveticker sind ein wichtiges Wachstumsfeld für die dpa, denn Live-Formate am Puls der Zeit "entsprechen der DNA einer Nachrichtenagentur", sagt dpa-infocom-Chef Christoph Dernbach. "Wir waren immer daran interessiert, Sachen auf den Punkt zu bringen, zu zeigen, dass wir vor Ort sind." Im Liveticker finde alles zusammen, was die dpa leistet, sagt Dernbach im Video-Interview für die turi2 edition.

Heute bietet die dpa meistens einzeln Text-Formate, Fotos, Grafiken und technisches Know-how. "Die Zauberformel wird sein, alle Komponenten vernünftig zusammen zu bringen – daraus spannende journalistische Produkte zu machen, die sich finanziell rechnen." Dernbach arbeitet daran, die vielen Innovationen mit der Grundeigenschaft der dpa zu fusionieren: eine sauber recherchierte Nachricht zu liefern. Für Dernbach ist es die spannendste Zeit seiner Laufbahn, die 1989 bei dpa begann. In der gedruckten turi2 edition führt er seine Ideen aus.
 

interview2: Katharina Klink.


Bitte bunt und bildhaft: Das Storytelling der dpa wandelt sich – und Grafik ist oft besser geeignet als Text, sagt die scheidende Infografik-Chefin Katharina Klink, 38. "Hintergründe erklären, Komplexes beherrschbarer machen, neue Leseanreize setzen, neue Möglichkeiten in ein Thema zu finden, das kann man mit Grafik besonders gut." Klink und ihr Team arbeiten an der Visualisierung von News, denn gute Grafik bringe viele Nachrichten auf einen Blick. Ein Blick in die dpa der Zukunft? "Ich lebe schon in einer dpa, in der das Textelement ein Teil von vielen ist", sagt sie im Video-Interview für die turi2 edition.

Im Digitalen stoßen die dpa-Grafiker noch auf die größten Probleme. Viele Grafiken lassen sich nicht responsiv den unterschiedlichen Bildschirmgrößen anpassen. "Die Größenverhältnisse in einer Grafik kann ich nicht verändern, ohne den Inhalt zu verfälschen", erläutert Klink. Das Problem wird dpa und alle Publisher noch lange beschäftigen, Klink allerdings nicht mehr in ihrer aktuellen Position: Sie wird Consultant bei der Unternehmensberatung Dr. Kraus und Partner.
 

interview2: Peer Grimm.


Bewegte Bilderflut: Die dpa steht bei der effizienten Produktion von Videos noch am Anfang, räumt Fotochef Peer Grimm im Video-Interview der turi2 edition ein. Viele seiner Fotografen können Bewegtbild, aber nicht bei allen lasse sich ein "Schalter umlegen". Die simple und meist zuverlässige Technik helfe aber gestandenen Fotografen zu Filmern zu werden. "Diejenigen, die für Fotografie einen besonderen Blick haben, haben den auch bei der Produktion von Bewegtbildern", sagt Grimm.

Im gedruckten Text über die Zukunft der Nachricht und der dpa bestätigt Grimm: "Die Medien brauchen mehr Bilder als früher." Online-Portale verlangen ständig frische Ware von den 40 festen und 40 freien Fotojournalisten der Agentur. Und Print-Medien werden auch in der Tagesaktualität magaziniger, weshalb das Standardbild von der Pressekonferenz nicht mehr reicht.
 

interview2: Roland Freund.


News-Neustart: Die dpa begann im September ein Projekt zur inneren Einkehr und schickte drei Redakteure ins "dpa next lab". Dort wollen sie drei Monate lang abseits des Alltags Arbeitsweisen überdenken, neue Produkte entwickeln und "agile Prozesse" in die Redaktion bringen, sagt Lab-Leiter Roland Freund dem Branchenfernsehen turi2.tv. "Das Lab liefert eine Initialzündung, die wir schnell in den Alltag übertragen wollen." dpa-Journalisten sollen Themen visueller denken und "multimediale Pakete" schnüren.
 
Die neuen Schreibtische im Berliner Coworking-Space Betahaus stehen nur 1,5 Kilometer vom Newsroom entfernt, aber abseits des täglichen Ticker-Terrors. Freund will "raus aus den Alltäglichkeiten, raus aus den Routinen. Ich kann keine Acht-Stunden-Schicht absolvieren und nebenbei die Agentur neu erfinden." Laufend sollen Gäste hinzukommen, etwa aus dem Vertrieb. Auch dpa-Kunden werden im Betahaus vorbeischauen. Freund bereitete das Lab mit Besuchen bei Süddeutsche.de, t-online.de und regionalen Zeitungsredaktionen vor.
turi2.de (Background)

Die komplette Geschichte finden Sie in der turi2 edition, Ausgabe 1: Print)

Text und Videos: Jens Twiehaus. Fotos: Holger Talinski.

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Ein Gedanke zu „turi2 edition: Wo die dpa ihre Zukunft sieht.

  1. Frank Sanders

    In Zeiten des sukzessiven Schwunds der Bedeutung klassischen Journalistentums sind die Maßnahmen der dpa sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Aus meiner Sicht ändern sie aber nichts an der Tatsache, dass das Geschäftsmodell Nachrichtenagentur überholt und nicht zukunftsfähig ist. Da sollte man sich schnell nach neuen Geschäftsfeldern umsehen…

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