Blattkritik: Alex Steudel, Chefredakteur "Fit for Fun", über das "Zeit-Magazin".

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Alex Steudel, Chefredakteur der Fit for Fun, lobt die strukturierte Themenvielfalt des Zeit Magazins. Der FC Barcelona unter den Magazinen lässt ihn auch bei eigentlich uninteressanten Themen lächeln.

Eines vorweg: Ich bin kleinlich. Das Untenstehende könnte deshalb den Eindruck erwecken, dass ich das "Zeit-Magazin" nicht besonders mag. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Ich finde es toll. Ich finde, die trauen sich was und machen alles irgendwie besonderer-er als andere. So wie vielleicht nur noch die Kollegen vom "SZ-Magazin". Die können das auch. Das "Zeit-Magazin" und das "SZ-Magazin" sind für mich der FC Barcelona und Real Madrid. Mal hat der eine die Nase vorn, mal der andere. Deswegen gewinnen die beiden ja auch immer so viele Preise. (Ich gehöre übrigens nicht zu denen, die ihrem Sitznachbarn bei der Verleihung zuflüstern: "Solche Cover könnte ich auch, wenn sie am Kiosk nicht verkaufen müssten." – Nee, könnte ich nämlich nicht.)

Was nicht 100% gefällt
Jetzt wird’s also kleinlich: Eigentlich mag ich keine Geschichten, die an Fragen aufgehängt sind, bei denen ich schon vorher weiß, wie’s ausgeht. Und das gilt für die Titelgeschichte, die fragt, ob es Außerirdische gibt. Ich weiß, dass das niemand weiß, dafür brauche ich nix lesen. Selbst Ken Moore, der angepriesene Theoretische (!) Physiker, der auch "Tanzmusik veröffentlicht" (zu viel Information!), kann mir die Frage nicht schlüssig beantworten; er behauptet einfach, dass es sie gibt, und führt ein paar Indizien auf, die mich nicht überzeugen. Aber das Interview ist sehr lustig, manchmal komisch, schön bebildert und lohnt sich dann also doch. Ich erfahre etwas über Bärtierchen im Weltraum, torkelnde Sterne, Tintenfische im All. Mit großer Skepsis nehme ich die Information auf, dass wir womöglich von Außerirdischen abstammen und es 10 Millionen Erden gibt.
Mein Lieblingssatz im ganzen Heft steht aber auf Seite 17, wo Moore über seinen Vater sagt: "Als ich 14 war, haben wir zusammen den Doppelspaltversuch aufgebaut, mit dem man zeigen kann, dass Elementarteilchen Materie und Wille zugleich sind." Mein Papa hatte das nicht drauf, denke ich in diesem Moment, bin aber nicht wirklich traurig drüber.

Ob Kinder nackt spielen sollen oder nicht (und das auf 4 Seiten), scheint zwar aktuelle Relevanz zu haben ("Brigitte"!), ich find’s aber unspannend. Es gehört für mich zur Rubrik "Interessant klingende Themen, die 98 Prozent der Weltbevölkerung trotzdem total uninteressant finden". Dass ein paar Seiten später unter "STIL" eine "Göttliche Kleiderordnung" beschrieben und dabei ein "im Kloster abgegucktes" Hermès-Kleid präsentiert wird, finde ich wiederum großartig. Nackte Kinder vs. 2.300-Euro-Hermès-Klamotte – für solche Brüche liebe ich das Zeit-Magazin.

Ich persönlich hole mir das Heft nicht, um Rezepte nachzukochen oder Rätsel zu lösen, Kokosnüsse aufzuklopfen oder Autokauftipps zu kriegen. Da all das in dieser Ausgabe unterhaltsam geschrieben und schön bebildert/illustriert ist, durchblättere ich auch diese Seiten mit für mich eher uninteressanten Themen zufrieden lächelnd. Nur dass Peter Dausend im Autotest den Namen seines "Geheimtipp-Sees in Brandenburg" nicht verraten will aus Angst, dass dann ja womöglich eine Menge ZEIT-Leser hinfahren und ihm den Spaß verderben könnten, gefällt mir weniger.

Was 100 % gefällt
Grundsätzlich: Das Heft als ganzes. Ich mag die Mischung aus Geschichten, die mal inhaltlich, mal optisch spannend und überraschend und toll sind – eines von allem immer, oft sogar alles auf einmal! Und das ist dann für mich: Barca. Oder Real.

Martenstein: In dieser Ausgabe geht’s um den Trend, dass man seine Mails mit Hinweisen aufs Wetter abschließt ("sonnige Grüße"). Ich überprüfe mich selbst und bin beruhigt: Mach ich nicht. Solche Beobachtungen gefallen mir. Außerdem geht’s um "Tampons rauchen" und um das sich selbst Einführen "alkoholgetränker Tampons", Slimming genannt. Wieder was gelernt, und witzig geschrieben ist es dazu. Harald Martenstein ist (Verzeihung!) der Axel Hacke des Zeit-Magazins. Das wiederkehrende Element, auf das man sich freut. Um im Bild zu bleiben: Die beiden sind wie Messi und Ronaldo. Nur für ihren Auftritt lohnt es sich schon, die Hefte zu lesen.

Deutschlandkarte: Klassiker, liebe ich! Diesmal besonders schön illustriert: Es geht um Vereine mit dem von den Ärzten abgeguckten Zusatz "… ohne Grenzen" im Namen. Es sind ganz schön viele. Wedeln ohne Grenzen. Qi Gong ohne Grenzen.

Gesellschaftskritik/Über das Fluchen: Sehr witzig!

Die Traum-Serie ist auch ein Highlight, optisch sowieso, weil quergebaut.
(Nur die angeblich auf www.zeit.de/audio abhörbare Version des Viggo-Mortensen-Textes finde ich dort nicht. Ich müsste dazu erst irgendwas runterladen.)

Beim Lesen für diese Blattkritik erst jetzt richtig entdeckt: Die Kontaktanzeigen-Seite "Kennenlernen". Auch toll. Hier sucht die "Lustige Kinderärztin" jemanden fürs Leben. Die Verlockung ist groß, der Frau, die einen Mann möchte, "der viel nicken" kann, den "Unternehmenssprecher, 63 J." zuzuschustern.

Die Tennis-Geschichte: Deutschlands größte Tennisanlage, halb bis ganz zerfallen, aber noch in Betrieb, und das auf 11 Seiten, zeitlich passend, im Jahr 30 n. Boris:
spannend, überraschend, toll! Die Geschichte heißt "Großes Tennis" und ist es auch (kleinliche Kleinigkeit am Rande: Sie steht auf Seite 26, aber es steht unten groß: "46").

Das können wir daraus lernen
Themenvielfalt muss nicht Chaos und "Was will das Heft eigentlich?" bedeuten. Ich halte das "Zeit-Magazin" für eine tolle Komposition. Mit viel Mut, Ironie und Witz gemacht und mit vielen kleinen Hintergedanken zusammengebaut, die man gar nicht alle beim ersten Lesen fassen kann.
Ich messe die Qualität eines Heftes an Kopfschütteln oder Lächeln, die es bei mir erzeugt. Beim Zeit-Magazin lächle ich dauernd.

Übrigens: Über die "Elektriker ohne Grenzen" aus Karlsruhe will ich demnächst was lesen!

Im Blattkritik-Reigen schrieb in der vergangenen Woche Christoph Amend, Chefredakteur des "Zeit Magazins" über "Women’s Health".

Eine Übersicht aller bisheriger Beiträge finden Sie hier.

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Ein Gedanke zu „Blattkritik: Alex Steudel, Chefredakteur "Fit for Fun", über das "Zeit-Magazin".

  1. Mathias Faust

    Lieber Herr Steudel,

    durch Ihre blumigen Schilderungen entlarven Sie sich als Liebhaber der Geografie. Oder ist es doch eher die Kartografie?
    Jedenfalls haben Sie bei der Betrachtung der Deutschlandkarte und der Vereine gut hingesehen.
    Und um Ihrem Wunsch zu entsprechen: nun können Sie etwas von UNS lesen.
    Wer ist "UNS"? Das sind die von Ihnen gewünschten "Elektriker ohne Grenzen".
    Ja, auch wir haben den Zusatz "…ohne Grenzen" adoptiert – oder vielmehr adaptiert.
    Und das aus gutem Grund. Denn kaum etwas verbindet Menschen, verbindet Länder und Kontinente mehr als die Elektrizität. Elektrische Impulse jagen in jedem Bruchteil einer Sekunde durch jede Zelle unseres Körpers. Die weltumspannende Kommunikation wäre ohne Strom nicht denkbar. Das von dem Partner liebevoll gekochte Sonntagsessen bliebe kalt. Die stimmungsvolle Weihnachtsbeleuchtung in diesen Tagen bliebe ohne Spannungsquellen dunkel. Und selbst die Kunst sähe anders aus – man denke nur an den "göttlichen Funken" in Michelangelos berühmtem Fresko in der sixtinischen Kapelle.
    Und trotz der Bedeutung des Stroms für uns alle haben immer noch 1,5 Mrd. Menschen weltweit keinen oder nur einen ungenügenden Zugang zu Energie.

    Aus diesem Grund sind wir als reine Ehrenamtler bei den "Elektrikern ohne Grenzen" aktiv. Mit dem Aufbau einer nachhaltigen Stromversorgung an unseren Wirkungsstätten wollen wir erreichen, dass dort wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung leichter möglich ist.
    Nach einem erfolgreich umgesetzten Projekt in Südindien (Kinder- und Frauenzentrum) sind wir jetzt bei der Planung eines weiteren Vorhabens in Vietnam. Dabei geht es um die Versorgung eines Bergdorfes mit Solarstrom – denn die nächste freie Steckdose ist hier 60 Kilometer entfernt.

    Wenn Sie Lust bekommen haben, mehr über uns, unsere Arbeit und Projekte zu erfahren, dann besuchen Sie uns gerne auf unserer Internetseite:

    http://www.elektriker-ohne-grenzen.de

    Und vielleicht interessiert es auch das Zeit-Magazin. Dann können wir zu noch mehr Menschen auf der Welt den "elektrischen Funken der Hoffnung" tragen.
    Denn bei unseren Projekten ist Spannung garantiert!

    Ihre
    Elektriker ohne Grenzen

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