Blattkritik: Florian Gless, Chefredakteur “National Geographic”, über “Fit for Fun”.

gless-fff-blattkritik600Florian Gless, Chefredakteur von National Geographic, fragt sich nach der Lektüre von Fit for Fun: Warum lächeln die schönen, sportelnden Menschen in diesem Heft nur dauernd? Und warum schwitzen sie nicht? (Foto: Thomas Rusch)

Ich bin 1,93 Meter groß und habe heute morgen 93,6 Kilo gewogen. Laut Body-Mass-Index bin ich damit minimal übergewichtig, was mir allerdings nur hin und wieder ein klitzekleines Problem bereitet.

Wenn ich "Fit for Fun" richtig verstehe, müsste es genau mein Magazin sein. Es richtet sich offensichtlich an Menschen, die sich nicht regelmäßig bewegen, sich dafür aber mit dem Heft das Gefühl kaufen, etwas für ihre Fitness zu tun. Denn wer wirklich sportlich ist, kann mit dem Angebot (jedenfalls in dieser Ausgabe) nicht zufrieden sein: zu viel Lifestyle, zu oberflächlich, zu wenig echte Information. Und tatsächlich: Eine Mini-Mafo unter sportlichen Kollegen (u.a. Marathon-Radler, Power-Yoga, Liga-Volleyball) ergab: "Fit for Fun" liest in diesen Kreisen niemand mehr. Aus genau diesen Gründen.

Ich werde mit einem sportlichen "Du" angesprochen und immer wieder motiviert, in die Puschen zu kommen: "Raus mit dir!" oder "Raus mit euch" – und das gleich auf einer Doppelseite (S. 22/23). Bei solchen Sportlehrer-Sprüchen bleibe ich lieber drinnen. Das Heft will von Ermutigung und Ermunterung leben – aber trotzdem lässt es mich erstaunlich kalt. Und das liegt nicht an der Größe meines inneren Schweinehundes, sondern an der Ziellosigkeit, mit der das Ganze gemacht ist.

Das Titelbild zeigt eine hübsche junge Frau, tiptop gestylt, die mir "100 deutsche Abenteuer" verkaufen soll. Dass mir da der Zusammenhang fehlt, ist kein Zufall. Im Inhaltsverzeichnis erfahre ich, dass es ein weiteres Cover für "ausgesuchte Regionen" gibt: ein hübscher junger Mann in leichter Klettermontur. Das wäre deutlich treffender gewesen. Warum dieser Titelsplit?

Das Editorial beginnt mit dem Satz "Die schlechte Nachricht zum Start", was nicht so richtig zum Weiterlesen motiviert. Die Reportage über Fitness-Kreuzfahrten startet mit einem Zitat: "Ich hasse Kreuzfahrten. Leute, die ich nicht kenne, machen dort Sachen, die ich nicht mag." Ich mag da nicht weiterlesen (auch wenn es im Edi heißt "Kreuzfahrten liegen immer mehr im Trend, das ist nichts Neues").

Was will dieses Heft? Es fragt Menschen auf der Straße "Was zählt in einer Partnerschaft für dich am meisten?". Es entlastet, weil "72 % der Frauen" keinen Wert auf Sixpacks legen (mit der mäßig originellen Pointe "Da schau her!"), und 40 Seiten später zeigt es die acht besten Übungen für das "Functional Sixpack". Es fragt die Leser, ob man den Labello des Partners benutzen soll, wenn er Herpes hat. Antwort: besser nicht. Da schau her.

Selbst bei den härtesten Übungen lächeln die Athleten im Heft stets entspannt. Die Praktikantin hat vier Wochen Schwitz-Yoga hinter sich – das Härteste überhaupt – und war "am Ende happy". Aber statt einer glücklich transpirierenden Kollegin sehe ich auf dem Bild eine junge Frau, die wie aus dem Ei gepellt den "Stehenden Bogen" zeigt. Nicht ein Schweißtropfen! Warum so unehrlich? Warum so glatt? Warum so langweilig?
Die Optik ist ein buntes Sammelsurium, dem starken Bild wird nicht getraut, lieber noch zwei, drei, vier Bilder mehr auf die Doppelseite, gern auch Produkte, das könnte ja Anzeigen bringen (aber Leser kosten?).

Was ich gut fand? Die Geschichte über das Skateboard-Lernen! Nett geschrieben, und auf drei (leider kleinen) Bildern sehe ich den Sturz der Reporterin. Der muss wirklich weh getan haben – aber so ist es doch mit dem Sport! Der schmerzt, der ist Arbeit und Überwindung. Ich weiß, "Fit for Fun" war in den Neunzigern die Bibel des Hedonismus, sensationell erfolgreich, Hunderttausende wollten so aussehen wie die Helden im Heft, aber ist das nicht ganz schön lange her? Sind wir nicht darüber hinaus? Darf, ja, muss man heute nicht zeigen, dass Schwitz-Yoga anstrengend ist? Das würde Glaubwürdigkeit bringen und Tiefe. Einem solchen Heft würde ich vertrauen.

Gut gefallen hat mir auch der Grillkäse-Test, den ich eher in "Beef" erwartet hätte, aber gut. Den von Rewe haue ich heute Abend auf den Rost. Er hat leider am meisten Fett. Morgen früh sind es dann 94,6 Kilo. Fett for Fun.

Im Blattkritik-Reigen schrieb in der vergangenen Woche Alex Steudel, Chefredakteur der "Fit for Fun" über das "Zeit-Magazin".

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Ein Gedanke zu „Blattkritik: Florian Gless, Chefredakteur “National Geographic”, über “Fit for Fun”.

  1. André Dreilich

    Das Fit-for-Fun-Syndrom findet sich in unterschiedlich ausgeprägter Form auch bei vielen anderen Titeln wieder, die das Thema Sport mit etwas Lifestyle kombinieren. Wer sich z.B. die deutsche Ausgabe der "Runner’s World" zu Gemüte führt, sieht dort kaum schwitzende LäuferInnen; und auch die durchaus ausgemergelten Ultra-Figuren sind unterrepräsentiert. Statt dessen gibt es jede Menge marktnaher Berichte, Tests usw. Nervig bei allen Titeln ist die relativ kurze "Playlist" – Themen wiederholen sich zumeist im Jahres- bzw. Zweijahresrhythmus. Als da wären "Fit für den Frühjahrsmarathon", "Gut durch den Winter kommen", "Richtig essen/trinken/…" und natürlich "Die neuesten Laufschuhe/Laufjacken …". Die Redaktionen setzen vor allem auf gutes Anzeigenumfeld; Leser-Blatt-Bindung wird allenfalls durch den einen oder anderen Erlebnisbericht oder wiederkehrende Kolumnen vorgetäuscht. Fazit: Wer nicht hirntot ist, kauft eine solche Zeitschrift als Anfänger, bezieht sie vielleicht sogar im Abo … aber nach zwei, spätestens drei Jahren war’s das dann.

    Beste Grüße
    André Dreilich

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