Blattkritik: Jens Katemann, Chefredakteur von "auto motor und sport" über "Spektrum der Wissenschaft".

blattkritik-katemannJens Katemann, Chefredakteur der auto motor und sport, ist von Spektrum der Wissenschaft positiv überrascht – er wünscht sich allerdings, dass die vorbildlich verständlichen nackten Fakten auf der Titelseite sexier präsentiert werden.

Erste beruhigende Erkenntnis nach der Lektüre der August-Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft": Ein Roboter mit Ego muss kein Terminator sein. Denn anders als der im gleichnamigen Film von Arnold Schwarzenegger verkörperte T-800 scheint iCub mit seinen 53 Gelenken ein nettes Kerlchen zu sein. Weiterer Unterschied zum Science-Fiction-Klassiker von James Cameron: Autor Tony Prescott, Professor für kognitive Neurowissenschaften, schafft es tatsächlich, den Leser von der absurd klingenden Idee zu überzeugen, ein Roboter könne ein eigenes Ich erlangen.

Chefredakteur Carsten Könneker formuliert im Editorial den Anspruch, auch Normalsterblichen solle Wissenschaft zugänglich gemacht werden. Schon zum Hefteinstieg erfährt der Leser in kurzen, verständlichen Texten, dass auf dem Mars früher reichlich Schnee lag, junge Flughunde von erwachsenen Tieren ihre "Sprache" lernen und 90 % des seit 2006 beschlagnahmten afrikanischen Elfenbeins aus nur zwei Regionen dieses Kontinents stammt. Hervorragender Stoff, um bei Freunden mit scheinbar sinnlosem Detailwissen zu glänzen: "Ist das heiß heute. Hätte ich doch auch nur diese silbrig schimmernden Härchen der afrikanischen Silberrückenameise, die mit dem dreieckigen Querschnitt. Die sichtbaren und die nahinfraroten Anteile des Sonnenlichts erfahren dort nämlich eine sogenannte Mie-Streuung, und dann könnte ich durch 70 Grad heißen Wüstensand schlendern. Cool, was?" Manche Formulierungen erschrecken allerdings durch ihre nüchterne Klarheit: "Nicht nur die Gene, auch Kräfte wie Druck oder Zug bestimmen darüber, ob eine Zelle Teil eines Knochens, des Gehirns oder eines tödlichen Tumors wird."

"Spektrum der Wissenschaft" steckt voll mit spannendem Wissen, in weiten Teilen wirklich so geschrieben, dass es auch Normalsterbliche verstehen können. Nur hätte ich das vermutlich ohne die Aufforderung zu dieser Heftkritik nie herausgefunden. Auf dem Cover schaut mich iCub nämlich keineswegs so niedlich an, wie er es auf den Bildern im Heft tut. Die Titelzeile "Künstliches Bewusstsein – Forscher konstruieren den ersten Roboter mit Persönlichkeit" klingt zudem nicht annähernd so spannend, wie sich die Geschichte im Heft liest.

Auch die weiteren Titelzeilen animieren wenig zum Kauf. Hinter "Wissenschaftler durchleuchten undurchsichtige Materialien" steckt nichts weniger als eine Entdeckung, dank derer wohl bald Details unter der Haut sehr präzise sichtbar gemacht werden können – mit revolutionären Folgen für die Medizintechnik.

In der August-Ausgabe finden sich sogar Themen, die über die Faszination von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen hinaus eine gesellschaftlich hohe Aufmerksamkeit genießen und deshalb eine Kommentierung und einen Platz auf dem Titel verdient gehabt hätten. Die Antwort auf die Frage, wie eine Milliarde Chinesen auf ökologisch nachhaltigem Weg zu frischem Fisch kommen, interessiert in meinen Augen vermutlich ein breiteres Publikum als die nach dem Weltbild der Hethiter. Auch das Bienensterben scheint mir ein aktuell dringlicheres Problem zu sein als Asteroideneinschläge. Aber ich denke bei Roboter mit Ego ja auch gleich an Arnold Schwarzenegger.

Bisher wurden folgende Titel einer Blattkritik unterzogen: 11 Freunde, B.Z., Cicero, Clap, c’t, Donna, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Kontext, National Geographic, People, Playboy, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, Women’s Health, Zeit-Magazin.

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