Blattkritik: J.O. Freudenreich, Chefredakteur "Kontext" über die "B.Z.".

Josef-Otto Freudenreich über BZ 600
Josef-Otto Freudenreich, Chefredakteur der linksalternativen Kontext-Wochenzeitung, war tapfer und hat die B.Z. gelesen.

 
Das gefällt:
Es tut gut zu wissen, dass es in der Hauptstadt noch ein Organ gibt, das Kurs hält. Die "B.Z.", in den 60ern gegen Dutschke und die roten Horden, heute gegen die "linksextreme Mafia". Bei den anderen wird man den Verdacht nicht los, dass dort der Geist der Rudi-Dutschke-Straße weht: Ex-taz-PR-Agent Sebastian Turner (Tagesspiegel), Ex-tazlerin Brigitte Fehrle (Berliner Zeitung), taz-Genosse Kai Diekmann (Bild). Nicht so die "B.Z.": Da schreiben Bettina Röhl, Georg Gafron und Michel Friedman stramm gegen das libertäre Allerlei.

 
Das missfällt:
"Das erloschene Genie". So der Titel am 14. April 2015 über Günter Grass. Ein Mann zündet sich eine Pfeife an, ganzseitig. Danach nochmals zwei Seiten. Michel Friedmann ist "furchtbar traurig", Klaus Staeck des Dichters Freund. Der SPD-Grafiker erinnert an den Sack Nüsse und die neuen Zähne, mit denen Grass begraben sein will. Damit sein Knacken immer zu hören ist. De mortius nil nisi bene, nur Gutes über Tote, okay. Aber haben die heutigen "B.Z."-Macher vergessen, dass Grass und Staeck die schlimmsten Springer-Verunglimpfer waren? Kein Wort dazu, kein Foto aus jenen Tagen, in denen die Demokratie in der Berliner Kochstraße verteidigt wurde.

 
Das können wir lernen:
Einknicken ist nicht gut. Haltung bewahren ist besser. Rudolf Augstein ("Sagen, was ist") und Mathias Döpfner ("Wissen, wie es wirklich war") folgen und für seine Sache kämpfen. Wenn es stimmt, dass die "B.Z." die "Seele der Stadt" (Eigenwerbung) ist, dann muss sie weiter gepflegt werden. Weiter mit Ratschlägen zur Gesundheit, zur Tierpflege, Geldanlage und zu "Liebe, Sex & Partnerschaft". Mit der Nachricht, dass selbst notorische Fremdgeher an die große Liebe glauben, und im Kiez Perleberg der Bär tanzt ("Pornos im Rathaus?") der Bär tanzt. Das ist aufregend genug, da braucht es die restlichen Turbulenzen auf dem Globus nicht. Und das tut dem Seelenheil der Menschen gut – wenn sie noch nicht gestorben sind.
 
In der Vorwoche schrieb "B.Z."-Chefredakteur Peter Huth eine Blattkritik über "Geo Wissen Gesundheit". Der Reigen geht am nächsten Sonntag weiter.
 
Übersicht:
Peter Huth über "Geo Wissen Gesundheit" von Michael Schaper
Michael Schaper über die deutsche "People"