Blattkritik: Katarzyna Mol-Wolf, Chefredakteurin "Emotion", über "Capital".

Blattkritik Capital Katarzyna Mol-Wolf 600
Katarzyna Mol-Wolf, Chefredakteurin und Herausgeberin des Frauen-Magazins Emotion, liest für turi2 das Wirtschafts-Magazin Capital – als Unternehmerin gehört sie eigentlich zur Zielgruppe. Pflichtlektüre ist das Heft für sie dennoch nicht, weil es "an der Bürotür" endet. (Foto: Brita Sönnichsen)

Ich muss zugeben, dass ich Capital seit längerem nicht mehr als mal geblättert hatte. So war ich insgesamt von der Tiefe des Inhalts, der Fülle an Informationen und der Meinungsstärke sehr positiv überrascht. Nach wie vor erschließt sich mir der Claim nicht. Zu verkopft. Eher ein Statement, das mir "Capital" aber auch nicht näher bringt. Provozierend möchte ich mit dem Claim "Wirtschaft ist weiblich" kontern, der in diesem Fall nicht passen würde. Denn wir Frauen finden zumindest in dieser Ausgabe nur an wenigen Stellen statt: Frau Merkel, im Rahmen der Flüchtlingskrise natürlich, und dann – wenig überraschend – einmal im Coaching-Bereich (S. 99). Die erfolgreiche Westwing-Gründerin hat es zumindest als Nespresso-Verkäuerin auf eine Anzeige geschafft und die Gründerin Jasmin Taylor von JT Touristik auf die Ausstiegsseite (sehr lesenswert!). Da geht noch mehr! Und hier wird eine große Chance verspielt.

Das gefällt mir:
Das Magazin ist nutzwertig und journalistisch gut gemacht. Die Titel-Zeile ist auf den Punkt. "Das Beste für Ihr Geld 2016" ist das, was der Leser braucht, um im Handel eine Entscheidung zu treffen.

Meine Lieblingsformate in dieser Ausgabe waren das emotionale und meinungsstarke Editorial, zum Schmunzeln "Hayek vs. Keynes", "Die Welt ist ein Kauf" – der willkommene positive Stimmungsmacher über den Aufwärtstrend der Menschheit sowie die Beiträge zum Elite-Panel "Was halten die Top-Entscheider vom Kurs der Kanzlerin der Flüchtlingsfrage?". Die letzten beiden hätte ich übrigens auch auf das Cover gesetzt, um die Meinungsstärke des Magazins zu bekräftigen.

Das Heft ist sehr konsequent gestaltet, ein paar Brüche würden der Heftdramaturgie allerdings für meinen Geschmack gut tun. Gefallen haben mir auch die vielen Infografiken, die eine willkommene Abwechslung bieten. Eine gute Hilfe für Gelegenheitsleser und auch für Profis nicht redundant. Die doppelseitigen bildstarken Aufmacher beim Schäuble-Interview und bei "Solo für Merkel" sind ein echter, stimmungsvoller Blickfang. Leider wird dieser starke Einstieg – insbesondere beim Schäuble-Interview – von einer Bleiwüste erschlagen, die mich trotz des starken Inhalts mit Augenflimmern zurück lässt. Schade.

Das gefällt mir gar nicht:
Ein Hochglanz-Cover mit einem Stier in Gold ist mir zu erwartbar, fast schon klischeehaft. Eine Bild-Text-Schere kann man dem "Capital"-Team sicher nicht vorwerfen. Aber auch das liebe Geld in 2016 hätte ein innovativeres "Aushängeschild" verdient.

Das würde ich mir wünschen:
"Capital" ist ein sehr männliches Heft (s.o.). Natürlich besteht die Leserschaft in der Mehrheit aus Männern und man kann niemandem vorwerfen, seine Zielgruppe zu bedienen. Doch würde ich mir auch einen Blick auf die potenziellen weiblichen Leserinnen wünschen. Und einen emotionaleren Zugang zu einigen Themen und etwas mehr Temperament in der Gestaltung.

Fazit:
Ich bin mit ganzem Herzen Blattmacherin und Unternehmerin. "Capital" gehört trotzdem bisher nicht zu meiner beruflichen Pflichtlektüre. Ich habe ein Heft gelesen, das hält, was es auf dem Cover verspricht. Journalistische Qualität, ein ausgewogener, guter Themenmix und ein magaziniger Ausstieg bei guter Heftausstattung: All das ist gewährleistet. Überraschend ist es nicht.

Ich würde mich über eine charmantere, leichtfüßigere Herangehensweise freuen. Die Lektüre des Hefts ist lohnend, dennoch strahlt es Arbeit und Mühe aus. Und ich frage mich auch, wie die erfolgreiche und vielbeschäftigte Zielgruppe jeden Monat soviel Inhalt bewältigen kann. (Ein Titel, der es so bisher nicht zu mir nach Hause schafft. Dabei bin ich überzeugt, dass die Themen nicht an der Bürotür enden müssen.) Gern gebe ich "Capital" in 2016 eine neue Chance und schließe mich den Worten meines Kollegen Horst von Buttlar in seinem sehr schönen, persönlichen Editorial an und wünsche allen, dass sie das lieben, was sie tun. So wie Herr von Buttlar. Und so wie ich.

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In der Reihe Blattkritik erschienen bisher Beiträge über: 11 Freunde, art, auto motor und sport, B.Z., Bild der Wissenschaft, Capital, chrismon, Cicero, Clap, c’t, Donna, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Horizont, Kicker, Kontext Wochenzeitung, L’Officiel Hommes, Merian, National Geographic, People, Playboy, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, t3n, Tichys Einblick, Titanic, Vice, Walden, Women’s Health, Yps, Zeit-Magazin.

Ein Gedanke zu „Blattkritik: Katarzyna Mol-Wolf, Chefredakteurin "Emotion", über "Capital".

  1. Dr.Ulrich Brötzmann

    Der Kommentar von Frau Mol-Wolf ist dürftig . Im wesentlichen wird das Heft an weiblichen und männlichen Themen oder Ausrichtungen gemessen. Insgesamt die üblichen Leerformeln (.."da geht mehr"). Wirtschaft und Gesellschaft gehen vom Ganzen aus und sollten nicht in Teile separiert werden. Weder in einen weiblichen und einen männlichen ,noch in alt oder jung. Capital lese ich seit vielen Jahren. Es ist kein uninteressantes Heft. Dazu gibt es Alternativen oder Ergänzungen :brand eins ,WiWo etc.

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