Blattkritik: Marc Winkelmann, Chefredakteur “Enorm”, über “Euro am Sonntag”.

Blattkritik-Enorm-EuramS-600Marc Winkelmann hat keine Lust auf eigene Aktien – auch nach der Lektüre von Euro am Sonntag nicht. Dem Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins Enorm ist der Relaunch des Anleger-Wochenblatts nicht radikal genug.

Ich besitze keine Aktien. Zumindest keine, die ich – womöglich täglich – selbst verwalten müsste. Das übernimmt meine Lebensversicherung für mich. Euro am Sonntag zählt für mich also nicht zur Pflichtlektüre. Auch beruflich nicht.

Andererseits haben sich die Wirtschaftsredaktionen in den letzten Jahren geöffnet. Seit dem Beginn der Finanzkrise geht es häufiger um gesellschaftliche Fragen und alternative Modelle – also um Themen, die wir für so relevant halten, dass wir enorm gegründet haben. Finden sich die nun nach dem Relaunch auch in "Euro am Sonntag" wieder? Mal sehen.

Was gefällt
Die Auffrischung ist gelungen. Kleineres Format, dafür mehr Seiten, festeres Papier. Das Layout ist sicher kein Alleinstellungsmerkmal, das hat man woanders auch schon gesehen, ist aber modern und aufgeräumt. Dass man sich im Aktuell-Ressort wegen der Leitfarbe Orange im "Handelsblatt" wähnt – geschenkt. Den Service über die Reisepolicen hab ich mir zurückgelegt, in der Serie "Börse für Einsteiger" geht es um den richtigen Zeitpunkt des Kaufens und Verkaufens. Dazu kommt der Mönch Anselm Grün zu Wort ("Sanftmütig an der Börse"). Weiter hinten fordert ein Gastautor "Kohle raus aus dem Depot" und erklärt, dass Unternehmen der fossilen Energien zusehends ins Abseits geraten, weil sie zur Erderwärmung beitragen. Ein wichtiges, von deutschen Anlegern noch zu wenig beachtetes Thema.

Was nicht gefällt
Allerdings greifen zu wenige andere Geschichten diese Impulse auf. Angesprochen wird der Selbstentscheider, der beim Geldvermehren außer Fakten keine Beratung oder Einordnung mehr nötig hat. Wer dazu nicht zählt und womöglich über die Anfänger-Serie eingestiegen ist, findet kaum Hinweise, ob eine vorgestellte Anlage für ihn geeignet ist. Dabei wäre Nachhilfe ja durchaus nötig: Nur wenige Deutsche trauen sich an die Börse und vergeben damit die Chance, Unternehmen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Gerade nach der Krise.

In diesem Zusammenhang ist auch das Interview mit Anselm Grün zu kurz und vage und deshalb verschenkt. Hier hätte ich doch gerne gewusst, nach welchen Kriterien er spekuliert und wie man verantwortungsbewusst anlegt. Stattdessen wird er als Exot behandelt und vorgestellt. Ratlos zurück lässt mich die Kolumne von Ex-"Bild"-Chef Hans-Hermann Tiedje, der – warum nur? – über Klaus Wowereits Outing vor 14 (!) Jahren schreibt. Auf der launigen letzten Seite geht es um "Liebesschlösser" auf einer Pariser Brücke und Kirimichan, "ein freundlich lächelndes Lachssteak" in Japan. Dieser Bruch zum Rest des Hefts ist mir zu groß.

Was ich lerne
Und dann ist da noch der Kursteil. 48 Seiten Kleingedrucktes (ich mag mich aber auch verzählt haben). Chefredakteur Joachim Spiering schreibt, dass der Umfang der Tabellen mit dem Relaunch schon heruntergefahren wurde – was erboste Leserbriefe zur Folge hatte. Also wird wieder aufgestockt. Ich lerne, dass es auch im Jahr 2015 kein schlagkräftiges Argument sein muss, dass die Kurse bei Veröffentlichung veraltet sind und dass sie jeder Leser übers Smartphone abrufen kann. Gedruckt müssen die Zahlenkolonnen vorliegen. Immerhin sind sie nicht so klein wie im "Handelsblatt". Dort muss die Redaktion Schriftgröße 1,5 Punkt gewählt haben. Ich mag mich aber auch täuschen. So genau konnte ich es nicht erkennen.

Im Reigen der Blattkritiken erschienen bisher folgende Beiträge:
– Joachim Spiering am 7.6.2015 über "Gala"
– Anne Meyer-Minnemann am 31.5.2015 über "Donna"
– Katja Hertin am 24.5.2015 über "Séparée".
– Janina Gatzky und Ute Gliwa am 17.5.2015 über den "Playboy"
– Florian Boitin am 10.5.2015 über "Clap"
– Peter Böhling am 2.5.2015 über "Cicero"
– Christoph Schwennicke am 26.4.2015 über "Kontext".
– Josef-Otto Freudenreich am 19.4.2015 über die "B.Z.".
– Peter Huth am 11.4.2015 über "Geo Wissen Gesundheit".
– Michael Schaper am 4.4.2015 über die deutsche "People"

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