Blattkritik: Mareen Linnartz, Redaktionsleiterin "Allegra", über Edition F.

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Mareen Linnartz liest das Onlinemagazin Edition F und lobt Klarheit, Traute und Themensetzung. Die Redaktionsleiterin bei Springers wiederauferstandener Allegra zeigt sich von der Abwesenheit der Begriffe "Mädelsabend" und "Kerl" entzückt.

Mit Magazinen ist es ja oft wie mit Menschen: Man sieht recht schnell, welche Charaktere sich dahinter verstecken, ob sie lustig sind oder eher nicht, schlau oder eher schlicht, ob sie einen immer wieder überraschen oder mit der Zeit einfach nur furchtbar langweilen. Edition F ist kein klassisches Print-Magazin, sondern ein Online-Magazin, oder wie sie sich selbst beschreibt ein "digitales Zuhause für starke Frauen", aber eben doch auch ein Magazin mit einer eigenen Redaktion. Und mit Edition F ist es so: Sie ist für mich wie eine nicht so enge Freundin, von der ich nicht mehr so genau weiß, wo ich sie eigentlich kennengelernt habe (war es der Pilates-Kurs? Bei einem Abendessen? Oder gar bei der Rückbildungsgymnastik?), mit der es aber immer sehr leicht ist, ins Gespräch zu kommen, sich über alles Mögliche zu unterhalten, Gehaltsverhandlungen im Beruf, der anstehende Besuch der Schwiegermutter, absurde Auftritte von The Trump. Ich finde sie gut, nicht nur, aber allein schon deswegen: Weil sie eine selbstbewusste Frau ist, die zwar einigermaßen fest im Leben steht, aber gleichzeitig trotzdem nicht schon feste Antworten für alle Lebenslagen parat hat, weil sie selbstironisch sein kann (super wichtig!) und ehrlich ist und auch mal über den Tellerrand schaut und überhaupt eine klare Meinung hat.

Wenn man sich also die Themen der Texte auf Edition F anschaut ("Wie man mit Menschen zusammenarbeitet, die man nicht ausstehen kann", "Wie geht es Monica Lewinsky heute?", "Warum Plus-Size-Models uns kein besseres Gefühl geben"), so ist das deswegen nur auf den ersten Blick ein wilder Mix und auf den zweiten Blick ein ziemlich schlüssiges Format. Ich mag die ehrliche Aufregung ("Waxing für 12jährige – geht’s noch?"), den politischen Ansatz ("Sexuelle Belästigung in Frankreichs Politikbetrieb: 17 Spitzenpolitikerinnen brechen ihr Schweigen"), das Anliegen, Frauen nicht klein zu machen, sondern sie zu stärken ("Jetzt nominieren: 25 Frauen, die unsere Welt besser machen"); Ich freue mich aber natürlich auch immer über ein wenig guten Gossip (den Beate Wedekind in dem mit ihr geführten Interview natürlich liefert – sie hat mal den jungen Osama Bin Laden in Indien kennengelernt!) und bin als Mutter sehr empfänglich für Texte wie "Warum ich Konsequenz in den allermeisten Fällen für überschätzt halte" oder "An alle Mütter: Wir dürfen Fehler machen und wir dürfen erschöpft sein". Und ach ja, soweit ich mich jedenfalls erinnern kann, ist auf Edition F nie kichernd über "Mädelsabende" die Rede und sind dort Männer keine dumpfen "Kerle" von einem anderen Planeten, die man halt so nehmen muss, wie sie sind. Modernes Rollenverständnis kann manchmal so einfach sein.

Wie immer, wenn man sich dann etwas besser kennenlernt, fallen einem dann aber doch ein paar Verhaltensweisen und Marotten auf, die auf keinen Fall die Freundschaft gefährden, aber je nach Stimmungslage schon nerven können. Manchmal ist es mir dann doch zu viel Befindlichkeit und zu wenig Substanz, zuviel Plauderton und zu wenige neue Erkenntnis, manchmal finde ich die Tipps für den Berufsalltag zu wenig erhellend ("Erkenne deine Stärken") und letztendlich zu sehr auf einen stromlinienförmigen Werdegang ausgelegt, und manchmal ärgere ich mich einfach über den einen Rechtschreibfehler und das eine falsche Komma zu viel, weil ich dann denke: Kann da nicht noch einer mal drüberlesen? Aber das sind Kleinigkeiten im Vergleich zu dem großen Verdienst, der Edition F jetzt schon zuzuschreiben ist: Erkannt zu haben, und einfach anzuerkennen, dass die Frauen, die heute um die 30 sind, ein sehr anderes Leben führen als noch die meisten ihrer Mütter; Sie haben andere Möglichkeiten, andere Fragen an das Leben, haben keine Lust auf schulmeisterliche Ratschläge und, das beste überhaupt: Trauen sich, wie vor ein paar Jahren die jungen Gründerinnen von Edition F, oft ganz schön was zu.

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Die Blattkritik erscheint jeden Sonntag bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

Am vergangenen Sonntag hat Nora-Vanessa Wohlert, Chefredakteurin von Edition F, den Politico-Newsletter Morgen Europa kritisiert.

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Ein Gedanke zu „Blattkritik: Mareen Linnartz, Redaktionsleiterin "Allegra", über Edition F.

  1. Maria

    Schöne Kritik, die ich gänzlich teile, aber vielleicht hätte auch da "noch mal einer drüberlesen" sollen, um die zwei Rechtschreibfehler im letzten Satz (der sich auch noch über 15 Zeilen zieht) auszumerzen. So zeigt es allerdings sehr schön den Redaktionsalltag: Egal, wie oft man Korrektur liest, irgendein Fehlerchen bleibt meistens unentdeckt – bis zur Veröffentlichung.

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