Blattkritik: Robert Sandmann, Publisher "L’Officiel Hommes", über den "Kicker".

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Robert Sandmann, Publisher von "L’Officiel Hommes", liest im Auftrag von turi2 den Kicker – nach fast 40 Jahren Pause. Viel verändert hat sich seitdem nicht: Das Fußball-Fachblatt ist ein echtes Schwarzbrot-Heft, dem Witz, Provokantes und Philosophisches abgehen, urteilt Sandmann.

Der "Kicker" war meine Bibel. Jede Montags-Ausgabe habe ich gelesen und zwar ganz! Ich habe in den Tabellen meine damaligen Lieblingsvereine 96 und St. Pauli nach vorne gerechnet … um dann wieder mit leeren Kakaotüten Fußball zu spielen. Ohne Kicker, das ging gar nicht! Das ist jetzt allerdings bald 40 Jahre her. Nun also der aktuelle "Kicker", der einen ehemaligen Fan etwas ratlos zurücklässt.

Was mir gefällt:
Die Berichterstattung ist inhaltlich sehr solide. Die Titelthemen, das große Mats-Hummels-Interview, der Labbadia-Bericht, ein interessanter Artikel über den relativen Alterseffekt im Nachwuchsbereich und natürlich die Spielberichterstattung der Ligen inklusive der Einschätzung von Karlheinz Wild zu Guardiolas Zukunft bei den Bayern – komplett und kompetent.

Was mir nicht gefällt:
Mir fehlen: Witz, Finesse und Überraschendes. Ich habe bei keinem Artikel geschmunzelt, mich über einen eleganten Schreibstil gefreut oder etwas wirklich Neues erfahren. Der Bericht über die "Schicksalstage einer Liga", ich will ehrlich sein, vom führenden Fachblatt der Branche erwarte ich mehr. Das gilt auch für das Rummenigge Interview – unterm Strich zu brav.

Fußball bewegt! Fußball kann Kunst sein. Es gibt wirklich interessante Menschen in und um diesen Sport. Der "Kicker" aber, das ist mein Eindruck, versteht die Berichterstattung eher als Arbeit. Spaß am Fußball, provokante Fragen, Philosophisches zu diesem Spiel der Spiele – Fehlanzeige. Wer einmal L’Equipe, die spanischen und italienischen Sporttageszeitungen oder das ein oder andere Monatsmagazin in der Hand hatte, der weiß, wovon ich spreche.

Optisch kommt das Heft daher, als wäre es seit 20 Jahren von der Außenwelt abgeschnitten. Das fängt bei Kleinigkeiten an. Die Logos der Vereine werden nicht liebevoll bearbeitet sondern einfach reinkopiert, die Fotoauswahl ist teilweise lieblos, die Typo ist altmodisch und bei den Headlines findet man einige typografische no-gos.

Die Infografik und die Tabellendarstellungen sind besser, aber auch hier liegt der Kicker weit hinter dem grafisch Möglichen. Der Titel sieht etwas überladen und altmodisch aus (9 ! Titelthemen). Die Abbildung des Kicker-Titels von vor 45 Jahren auf Seite 4 im aktuellen Heft kommt im Vergleich aufgeräumter und moderner daher. Außerdem vermisse ich die hohe Kunst der Schlagzeile: "Mehr als ein Trainer" oder "Der Gute-Laune-Terrier" sind – mit Verlaub – etwas lahm.

Mein Fazit:
Inhaltlich ist der "Kicker" nach wie vor grundsolide. Ein wenig mehr Esprit, vielleicht die eine oder andere Edelfeder und vor allem eine komplette grafische Grunderneuerung würden dem "Kicker" in den Augen eines alten Fans sehr gut tun.

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In der Reihe Blattkritik erschienen bisher Beiträge über: 11 Freunde, art, auto motor und sport, B.Z., Bild der Wissenschaft, chrismon, Cicero, Clap, c’t, Donna, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Horizont, Kicker, Kontext Wochenzeitung, Merian, National Geographic, People, Playboy, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, t3n, Tichys Einblick, Titanic, Vice, Walden, Women’s Health, Yps, Zeit-Magazin.

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