Blattkritik: Stefan Plöchinger, Digitalchef der “Süddeutschen Zeitung”, über taz.de.

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Stefan Plöchinger klickt sich im Auftrag von turi2 am Neujahrsmorgen durch taz.de und findet vor allem solides Nachrichten-Handwerk. Der abseitige, “taz”-typische Blick auf die Welt, für den der Digitalchef der “Süddeutschen Zeitung” die taz schätzt, fehlt ihm online an diesem Morgen.

Die “taz” ist einer der wenigen Titel, die ich digital nicht nur aus Muss-ich-halt-Gründen abonniert habe, sondern weil ich mich ihr seit Jahrzehnten verbunden fühle. Das heißt natürlich, dass ich sie in bester linksliberaler Tradition erst recht und recht grundlegend kritisieren muss.

Es ist vielleicht unfair, sich am Neujahrsmorgen die Startseite einer Redaktion anzusehen, die für nicht-üppige Ausstattung legendär ist. Vielleicht gehen wir deshalb nicht auf das nachrichtliche Einerlei ein, von dem die “taz” zwar denkt, dass sie es covern muss, das sie aber nie besser covert als andere, zum Beispiel: “Terrorwarnung in München – Hauptbahnhof zeitweilig geräumt. In München begann das neue Jahr mit einem Terroralarm. Der bayerischen Regierung zufolge gab es Hinweise auf Islamisten-Anschläge zu Mitternacht.” / “Silvester rund um die Welt: Party, Party, Party – und Feuer. Meist stehen friedliche Feiern im Vordergrund – Silvester wie es sein soll. Doch ein Großbrand in Dubai bringt zum Jahreswechsel auch sorgenvolle Augenblicke.” Man fragt sich ja, warum die “taz” überhaupt auf dieses dpa-artige News-Feld geht. Sie kann da nicht gewinnen, also sollte sie sich mehr die Frage stellen, wie man im Netz “taz”-like News macht.

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Gegenstand der Kritik: Die vollständige Startseite von taz.de am 1.1.2016.

Aber genug damit. Wenn ich auf taz.de gehe, dann wegen der Geschichten, die ich nirgendwo anders finde: Schwule in Honduras, Schneekanonen im Allgäu, Böller-Produktion in China, Filesharing-Helden und Strompreisreformen, die Großverbrauchern helfen – die Themen überraschen nicht wirklich, wenn man die “taz” kennt, aber sie überraschen, wenn man sich sonst im Netz bewegt. “Abseits des Mainstreams” heißt das dann, und es hat offensichtliche Vor- wie Nachteile. Die “taz” steckt im Netz wie auf Papier oft in der Nische, was sie in der Summe wichtig, manchmal unverzichtbar und häufig zur Folklore macht. (Lesen Sie das Jazz-2016-“A bis Z” – ich hab nix verstanden, aber liegt womöglich an mir, ich versteh nix von Jazz.) Sie ist ein im besten Sinne Zweitmedium, eine sehr willkommene Abwechslung im Nachrichtenstrom, aus dem wir größeren Newsseiten ja auch gern rausschwimmen wollen und es nicht so oft schaffen, wie wir möchten.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Kollegen ihre Denkstücke, Reportagen und anderen eigenen Stoffe noch höher hängen und blattmacherisch wie optisch darauf fokussieren sollten, damit mehr Leser merken, wie ungewöhnlich bis schlau diese Redaktion sein kann. Das heißt nicht: noch mehr Nische! Sondern vor allem: gerade das Aktuelle mit “taz”-Blick tiefgehend analysieren.

Das ist ja das Interessante am Internet 2016: dass dank Social Media inzwischen auch der kluge Text belohnt wird, nicht nur der hingefingerte, SEO-ideale Klickfänger. Wobei man sich fragt, warum Letztere auch bei der “taz” zu finden sind. Ich weiß, warum Newsseiten Artikel machen wie: Unsere Online-Videos des Jahres 2015 – Taylor Swift und Mandarinen? Egal! Genau: Egal! Kann die “taz” machen, muss sie aber nicht, wenn sie in der digitalen Welt zum Beispiel Abonnenten überzeugen will. Dafür ist das nicht “taz”-gewitzt genug.

Vielleicht ist es deshalb doch gut, sich taz.de am Neujahrsmorgen 2016 anzusehen: Die Herausforderung für jeden Titel, und sei er noch so alternativ, ist es, zu jedem Zeitpunkt jenen eigenen Blick auf die Welt zu liefern, den Fans von ihm erwarten. An diesem Vormittag halbwegs schnell einen “taz”-Blick auf die Münchner Silvesternacht zu haben, wäre zum Beispiel gut gewesen. Mein Gefühl und/oder meine Hoffnung ist, dass die “taz” das eigentlich kapiert, aber noch mehr Leute und Liebe investieren müsste, damit derlei klappt. (Statt nun die-/denjenigen zu schimpfen, der in der Nacht Dienst hatte. Die-/derjenige hätte sich sicher mehr Leute und Liebe gewünscht.) 24/7 “taz”-gewitzt zu sein im Netz, wäre wichtig – denn Leute wie ich lesen die “taz” auf Papier nicht mehr. Dafür fehlt leider die Zeit.

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In der Reihe Blattkritik erschienen bisher Beiträge über: 11 Freunde, art, auto motor und sport, B.Z., Bild der Wissenschaft, Capital, chrismon, Cicero, Clap, c’t, Donna, Emotion, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Horizont, Kicker, Kontext Wochenzeitung, L’Officiel Hommes, Merian, National Geographic, People, Playboy, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, t3n, taz.de, Tichys Einblick, Titanic, Vice, Walden, Women’s Health, Yps, Zeit-Magazin.

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