Blattkritik: Wolfgang Melcher, Chefredakteur "Women’s Health", über "11 Freunde".

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Wolfgang Melcher findet 11 Freunde inhaltlich Sturmspitze, den Aufbau des Hefts eher so Mittelfeld. Bei den Textformen wünscht sich der Chefredakteur von Women’s Health mehr Mut zum Auswechseln.

Der verdiente Weltmeister der Fußballmagazine, erstklassig vernetzt von international bis Kreisliga. Super aufgestellt in Sachen Markenausbau (besonders treffsicher: die Fußball-Wandbilder). Starke Fanangebote (ich sag nur: Dauerkarte, die stärkste Einwechselung seit es Abos gibt). Kultige Spielaktionen (wie etwa der geniale Videobeweis) …

STOOOOP! Nicht nur, weil der Einwurf mehr oder weniger passender Fußballbegriffe in solch einer Heftkritik deutlich unterhalb des "11 Freunde"-Niveaus ist. Sondern auch weil das Ganze hier ja Kritik und nicht Lobgesang heißt. Also bitte sehr, auch wenn man sich damit den Lesespaß definitiv verdirbt, habe ich mir die aktuelle Juli-Ausgabe noch mal vorgenommen. Dieses Mal in meiner undankbaren Funktion als Oberkritiker und Erbsenzähler: Den Heftaufbau würde ich mal als solide bis berechenbar bezeichnen: Drei doppelseitige Fotos zum Einstieg (deren Qualität und Emotionalität in der konkreten Ausgabe für mich nicht unbedingt eine Doppelseite wert gewesen wären) – bunter Magazinteil – große Features, thematisch gemischt – und zum Schluss Lesereinbindung, Nachrufe, Kolumne.

Im Vergleich zu den hochklassigen Inhalten ist das leider nicht wirklich überraschend oder gar kreativ. Das Inhaltsverzeichnis belässt es bei der Aufzählung der Themen in der korrekten Reihenfolge, bietet aber ansonsten keinerlei Orientierung. Und auch bei den großen Strecken, vor allem den Interviews macht es die Redaktion bzw. der Art Director den Lesern nicht gerade einfach: lieber doppelseitige Bleiwüste (wie etwa beim tollen Robben-Stück) statt einer zweiten oder dritten Einstiegsebene. Mag sein, dass echte Fans alles lesen – aber würde eine Infografik, ein Kasten oder mehr Speeches das Ganze so viel schlechter machen?

Beim genaueren Hinsehen gibt es auch in den journalistischen Stilformen nicht besonders viel Abwechslung: gefühlt fünf Interviews wechseln sich mit gespürten fünf Strecken über Fußballpersönlichkeiten aus der näheren oder ferneren Vergangenheit ab. Und auch die Länge der Stücke pendelt sich im mittleren Segment ein – nicht zu kurz, nicht zu langatmig, macht man halt nie was falsch mit.

Sehr sympathisch und authentisch bei all dem ist meist die Bildsprache. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann allerdings auch hier mehr Abwechslung, mehr Emotionen und mehr Mut zum Überraschen, vielleicht auch mal zum gezielten Polarisieren. Die vier Doppelseiten mit Wimmelbildern von der Tribüne etwa, fotografiert im Abstiegskampf Ende der vergangenen Saison, sind ’ne tolle Idee. Die hätte aber gerne noch konsequenter, krasser, witziger und damit emotionaler umgesetzt sein dürfen.

So, Schluss jetzt mit dem kleinlichen Gemecker! "11 Freunde" zeigt, wie man aus einer starken Printmarke heraus eine real existierende Community of Interest vorzüglich bedient und sie sogar prägt. Echt und ehrlich, mit einer auf allen Seiten spürbaren großen journalistischen Leidenschaft und einem inhaltlichen Fokus, der sich im Zweifel immer stärker an den Interessen der Leser als denen der Vermarktungsabteilung orientiert. Und spätestens das kann man heutzutage ja leider nicht mehr von jeder Zeitschrift behaupten.

Im Blattkritik-Reigen schrieb in der vergangenen Woche Philipp Köster über "c’t".

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