Blick ins Blatt: "Die Welt" macht "Blau".

Ein Blick in "Blau": Ruhig, gediegen und elitär wirkt Springers neues Kunstmagazin.

Ein Blick in "Blau": Ruhig, gediegen und elitär wirkt Springers neues Kunstmagazin.


Der Inhalt von "Blau" ist nicht leicht zu finden. Axel Springers Anzeigen-Verkäufer waren so fleißig, dass die Erstausgabe des elitären Kunstmagazins einem Otto-Katalog für die oberen Zehntausend gleicht. Das Editorial von Chefredakteur Cornelius Tittel: erst auf Seite 11. Tittel gibt darin die Marschrichtung vor: "Wir gehen bewusst das Risiko ein, manchen nach ’89 geborenen Shootingstar zu verpassen – haben dafür aber die Zeit, einen neuen Blick auf Raffael zu werfen." Der Titel "Blau" kommt nicht von ungefähr, blaumachen ist in diesem Magazin Programm. Eine Ode aufs Establishment statt ein Lobgesang des Hypes.
 
Die Redaktion widmet sich nicht nur Klassikern, sondern auch Künstlern unserer Zeit wie Ida Ekblad.

Die Redaktion widmet sich nicht nur Klassikern, sondern auch Künstlern unserer Zeit wie Ida Ekblad.

Das gelingt auch wunderbar. "Blau" ist kein Forum für koksende Provokateure mit blanken Hintern. Wer Gediegenheit liebt und in der Kunst Entspannung sucht, wird in "Blau" eher fündig. Gewöhnungsbedürftig sind das Mischmasch an Schriftarten und die teils überfrachteten Seiten mit zu wenig Weißraum. Das ist anstrengend fürs Auge, aber wer weiß, vermutlich liegt eben darin ein künstlerisches Konzept.
 
Ein thematisches Durcheinander ist durchaus gewollt. Chefredakteur Tittel widmet sich ausführlich dem zeitgenössischen Maler Christopher Wool, Schriftsteller Martin Mosebach blickt auf das Werk des römischen Architekten Raffael. Ex-Sprayerin Ida Ekblad blickt völlig verlebt in die Kamera und Kultur-Staatsministerin Monika Grütters schwärmt von ihrer Liebe zu Skulpturen von Martin Assig.
 
"Blau" erscheint mit zwei Cover-Varianten. Dieses macht mit dem Architekten Raffael auf.

"Blau" erscheint mit zwei Cover-Varianten. Dieses macht mit dem Architekten Raffael auf.

Wirtschaftlich ist "Blau" ein Treffer. Der Bedarf nach hochwertigen Anzeigen-Umfeldern ist groß – und Europas Galerien, Auktionshäuser und Uhrenhersteller buchten wie bekloppt. 40 von 116 "Blau"-Seiten sind Anzeigen, addiert man auch die halbseitigen. Laut Anzeigenpreisliste spült das 940.000 Euro in die Kassen, mögliche Rabattstaffeln nicht mit eingerechnet. Spannend für Springer ist das Experiment Einzelverkauf: Während "Blau" der 2,40 Euro teuren Samstagausgabe der "Welt" gratis beiliegt, gibt es dasselbe Heft ab Montag für sechs Euro in Zeitschriften-Läden und Museen. Titel-Verantwortliche ist Petra Kalb.
 
Cornelius Tittel leitet die Redaktion.

Cornelius Tittel leitet die Redaktion.

Die Redaktion macht sechs weitere Ausgaben in diesem Jahr, zehn sind fürs nächste geplant. Chefredakteur Tittel residiert mit seiner Mannschaft fernab des wuseligen WeltN24-Newsroom am Berliner Kurfürstendamm, in der einstigen Wohnung Axel Springers. Seine Stellvertreterin ist die frühere "FAZ"-Kunstmarktexpertin Swantje Karich, Managing Editor ist Helen Speitler. Als Art Director legt Mike Meiré Hand an, Hans-Joachim Müller ist Textchef und Isolde Berger, ehemals Monopol, Fotochefin.
blau-magazin.de, iKiosk.de (Paid), axelspringer-mediapilot.de (Mediadaten), youtube.com (Chefredakteur Tittel)

Ein Gedanke zu „Blick ins Blatt: "Die Welt" macht "Blau".

  1. P. Lehmann

    Sie schreiben oben: "Wirtschaftlich ist “Blau” ein Treffer." Meinen Sie vielleicht: Wirtschaftlich ist “Blau” ein prima Versuch in einem schwierigen Umfeld (Print)? War doch wohl 2015 etwas früh, das Produkt als Erfolg zu bewerten, oder?

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