Wolfram Weimer über den neuen "FAZ"-Herausgeber Gerald Braunberger.

"Phantasie im Endspiel"

Verleger Wolfram Weimer schreibt für turi2 über seinen alten Zimmerkumpel Gerald Braunberger, heute offiziell als "FAZ-Herausgeber vorgestellt. Er lobt Braunbergers Leselust, seine Treue und seine "liberal-konservativem Weltanschauung ohne missionarischen Eifer" – und eine sehr spezielle Begabung.

Von Wolfram Weimer

Wer Gerald Braunberger verstehen will, der sollte Schach spielen. Der neue "FAZ"-Herausgeber ist einer der besten Schachspieler im deutschen Journalismus. Und sein später Aufstieg belegt, dass Endspiele in Karrieren wie im Schach gerne unterschätzt werden.

Braunberger hat just darüber vor vielen Jahren einmal ein – für normale Menschen – vollkommen groteskes Fachbuch geschrieben: 100 Endspielstudien des Schachkomponisten Paul Heuäckers. Kaum ein Mensch, weiß, was ein Schachkomponist überhaupt ist, geschweige denn kennt man unter Normalsterblichen den Namen Heuäcker. Muss man auch nicht.

Doch Braunberger – und das ist ehrenhaft symptomatisch für ihn – fragt nicht zuerst nach Ruhm oder Nutzen oder ob man so ein Buch irgendjemanden verkaufen könne. Ihn fasziniert die Sache und ihr geht er unbestechlich auf den Grund. Doch der Titel des Buches sollte im Leben des Journalisten noch eine ungeahnte Pointe bekommen. Er lautet: Phantasie im Endspiel.

Als das Buch Ende der Achtziger auf den Markt kam, lernte ich Braunberger kennen. Wir waren zeitgleiche Berufsstarter bei der "FAZ" – und also steckte man uns in ein kleines Doppelbüro der Börsenredaktion, die Schreibtische einander gegenüber, so dass man sich permanent ansehen musste.

Es dauerte keinen halben Arbeitstag, da wußte ich, der Mann ist ein Ausbund an Fleiß und Kompetenz, ein professoral daher wandelndes Finanzlexikon. Swaps wußte er schon zu berechnen, als ich noch dachte, das sei wohl eine Art Wischmop. Braunberger konnte die Bilanz der Bundesbank besser lesen als jeder Bundesbankpräsident. Was anderen Menschen der geliebten Fußballverein war, schien ihm die Geldmenge M3.

Wenn man ihn mitten in der Nacht aufgeweckt und nach dem aktuellen Stand der jeweiligen Bundesbank-Rediskontkontingente gefragt hätte, er hätte präzise Auskunft geben können. Er hätte es einem – denn er hat eine pädagogische, hilfsbereite Ader – auch noch gleich erklären können. Ich jedenfalls lernte von ihm über den Schreibtisch hinweg mehr als in finanzwissenschaftlichen Uni-Seminaren.

Wenn sich andere Kollegen – was bei der FAZ seltener passiert als anderswo – in ihren Eitelkeiten spreizten oder für ihre Karrieren anti-chambrierten, schrieb er lieber noch einen Devisenmarktbericht oder verschränkte die Arme vor seinem Pullunder und zog sich zur Lektüre eines Buches über Fiskaltheorie in sein Büro zurück. Es entspringt seiner Leidenschaft für das Lesen und Wissenwollen, dass er bei der "FAZ" für die Rezensionsrubrik Wirtschaftsbücher zuständig ist.

Nach unseren Lehrjahren in der Frankfurter Zentrale gingen wir beide als "FAZ"-Korrespondenten hinaus, ich nach Madrid, er nach Paris. Ich entdeckte die Verben im journalistischen Leben, er blieb bei den Substantiven. Ich brach auf in die Chefredaktion von "Welt", "Berliner Morgenpost" und "Focus", gründete "Cicero" und einen Verlag. Er blieb der "FAZ" treu und hatte nicht immer einfache Jahre dabei. Mal musste er sich wie ein Bauernopfer fühlen, mal wie ein Turm in der Rochade.

Doch er ließ sich nicht schachmatt setzen, blieb im Spiel, seiner Zeitung loyal, seinem Heimatort Bad Homburg auch, dem Wirtschaftsjournalismus ebenso. Seiner liberal-konservativen Weltanschauung ebenfalls, aber ohne missionarischen Eifer. Und so ist Braunberger – alles andere wäre im Wirtschaftsressort der "FAZ" auch ein Sakrileg – natürlich ein überzeugter Verfechter der sozialen Marktwirtschaft, aber eben in der Ausprägung beider Worte.

Wenn mancher "FAZ"-Kollege – ich auch zuweilen – den Marktliberalismus wie eine Monstranz vor sich her trug und die Fahne wirtschaftlicher Freiheit gegen den Bürokratismus, Sozialismus und Etatismus immer gehisst hielt, wagte Braunberger auch mal Zweifel an der reinen Lehre. Er verfügt über die seltener werdende Gabe, autonomem, ja riskantem Denken Raum zu lassen. Er hat Freude am starken Argument. Und so kann seine Position schon mal gegen die reine Lehre des Ordoliberalismus verstoßen. Bei ihm muss nicht alles Hayek sein, Keynes hat schon auch seine Legitimation. Und so hat er ein Buch "Keynes für jedermann" verfasst.

Braunberger hat sich – anders als sein der Intrige vertrauter Vorgänger – nie in der Vordergrund gedrängt. Seine Welt ist die des Seins, nicht des Scheins. Ich freue mich über seine Nominierung, für ihn und für die FAZ. Denn damit setzt die "FAZ" auf guten alte Grundtugenden der Zeitung: Verlässlichkeit, Kompetenz, Integrität. Das gilt inzwischen in wohl tuender Weise für den gesamten Herausgeberkreis.

Die "FAZ" löst damit zwar ihr Zukunftsproblem nicht, als ultra-klassisches Printobjekt in der digitalen Revolution ihrer Deutungsmacht und Refinanzierungsquellen beraubt zu werden. Aber sie wahrt den kulturellen Kern ihrer große Marke: seriösen, intelligenten, unbestechlichen Journalismus. Das ist ein so hohes Gut, das sich irgendwann, wenn die digitalen Kommunikationsgefäße sich endlich auch mit Geld füllen, auszahlen kann. Denn auch für Zeitungen gilt, dass es keine Zukunft ohne Herkunft gibt, vielleicht aber neue Phantasie im Endspiel.