Gegenrede: "Reporter-Job ist, zu dokumentieren".

Petra Sorge wirft "Bild" vor, ein Ebola-Opfer "entwürdigt" zu haben, weil "Bild" on- wie offline das Foto des Toten in großer Aufmachung zeigte hat. Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt hebt auf turi2 an zur Gegenrede.

Julian Reichelt, Bild.deVor drei Wochen entschieden wir bei "Bild", ein Reporter-Team nach Monrovia zu schicken, in die Hauptstadt des von Ebola gepeinigten Landes Liberia. Alexandra Würzbach und Daniel van Moll taten genau das, was die Aufgabe von Journalismus ist: Sie sahen vor Ort mit ihren eigenen Augen, sie sprachen mit den Menschen, die von der Epidemie betroffen sind, sie dokumentierten eine der größten Gesundheitskatastrophen der vergangenen Jahrzehnte – und sie schickten unter großem persönlichen Risiko bewegende Berichte nach Deutschland, die wir in "Bild" und auf Bild.de veröffentlichten.

Im Magazin "Cicero" schreibt nun die Kollegin Petra Sorge in ihrer Medienkolumne, wir hätten bei "Bild" den "Respekt vor den Opfern verloren", weil wir das Foto eines Ebola-Opfers gezeigt haben. Ein Mann, der einsam in seinem Haus gestorben ist, nachdem schon seine Frau und seine Tochter vom Virus dahin gerafft wurden. Frau Sorge wirft uns vor, dass wir die "Identität des Opfers" nicht ausreichend geschützt haben, weil wir weder den Toten, noch seine toten Angehörigen um eine Fotoerlaubnis gebeten haben. Der Tote sei "deutlich identifizierbar", unsere Berichterstattung würde damit möglicherweise gegen den Pressekodex verstoßen.

Das ist in einem Wort: Unfug. Wir verstoßen nicht gegen den Pressekodex. Wir kommen unserer wichtigsten Aufgabe nach. Wir berichten, was ist. Wir zeigen, was geschieht. Im Falle der Ebola-Epidemie ist das besonders wichtig, denn die gesamte westliche Welt, nahezu alle Politiker haben dieses Thema ignoriert, solange sie irgendwie konnten. Fotos, drastische Fotos wie jenes von unserem Fotografen Daniel van Moll, haben das Thema der Politik erst aufgezwungen. Ohne Berichterstattung gäbe es keine öffentliche Debatte darüber, wie wir Westafrika helfen können. Ohne Berichterstattung wäre Westafrika einfach nur "weit weg".

Nachrichtenfotos, wenn sie gut sind, sind der Kern unseres Berufs. Wenn sie drastisch sind, können sie schmerzhaft sein. Aber sie zwingen uns dazu, uns zu beschäftigen. Sie versperren uns den Weg des Wegsehens. Napalm, Tote an Checkpoints, sterbende Aids-Kranke, die Opfer eines Hurrikans, bei dem die Regierung versagt hat, die leblos angeschwemmten Körper von Flüchtlingen an den Stränden Europas – all das sind Beispiele für schockierende Fotos, die man zwingend zeigen musste und muss. Und eine Epidemie, die einen ganzen Kontinent destabilisieren und sich mit einigen wenigen Flügen über die Welt ausbreiten kann, muss ebenso dokumentiert werden. Ich finde, Daniel van Moll hat herausragende Fotos aus Liberia geliefert. Sie sind schockierend, aber sie sind ganz sicher nicht respektlos. Es ist absurd, einem Fotografen, der sich in mehrere Lagen Schutzanzüge gehüllt in das Haus eines Ebola-Toten wagt, Respektlosigkeit vorzuwerfen. Ein solches Risiko geht man als Reporter nur ein, wenn man von der Wichtigkeit und Bedeutung einer Geschichte zutiefst überzeugt ist.

Bild.de, Ebola-Toter, Foto: Daniel van Moll/laifWir haben bei Bild.de auch drastische Fotos von Opfern der Terrorgruppe Isis gezeigt. Warum? Weil Isis nicht erst seit einigen Wochen, sondern seit über einem Jahr in Syrien und im Irak wütet – bis vor kurzem komplett ignoriert, klein geredet, missachtet von der westlichen Politik. Wenn Krieg geführt wird, wenn Krieg uns angeht, dann muss Krieg auch gezeigt werden. Es ist nicht unsere Aufgabe, schonend und geschmeidig daher zu kommen. Dafür braucht kein Mensch Medien. Es ist unser Job und der Job unserer Reporter, vor Ort zu dokumentieren, was geschieht.

Der Nachrichtenjournalismus, den Petra Sorge sich im "Cicero" wünscht, wäre zwar unanstößig und nervenschonend, bloß mit der Realität hätte er nichts zu tun. Was Petra Sorge da über die Ebola-Krise und unsere Berichterstattung verfasst hat, ist ein erschütternd ahnungsloses, besserwisserisches Beispiel für risikolosen Bürojournalismus. (Foto: Daniel van Moll/laif)

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