Zitat: Wir brauchen bessere Medien-Hygiene, sagt Maren Urner.

"Wir sind sehr gut darin, die Zähne zu putzen, eine gewisse Körper- oder Gesundheitshygiene zu betreiben und überlegen sehr gut, was wir konsumieren. Wenn es zu unserem Medienkonsum kommt, sind wir allerdings sehr unkritisch."

Maren Urner, Gründerin von "Perspective Daily" plädiert im "FAZ"-Interview für Medienhygiene und gegen "die Vermüllung unserer Gehirne". Dazu gerhöre, Medien bewusst einzeln zu konsumieren und nicht nur Überschriften durchzuklicken.
"FAZ", S. 13 (Paid)

Aus dem turi2.tv-Archiv (02/2016): Maren Urner will mit konstruktivem Journalismus Probleme lösen.

Zeitenspiegel Reportageschule macht ohne Zeitenspiegel weiter.

Zeitenspiegel Reportageschule will Anfang 2020 ohne die Agentur Zeitenspiegel und mit neuem Konzept weiter machen: Die wirtschaftliche Verantwortung liegt – wie bisher – bei der Volkshochschule Reutlingen und Geschäftsführer Uli Bausch. Die journalistischen Leiter sind künftig Philipp Maußhardt, der zuletzt noch Co-Leiter der Schule war, und Ariel Hauptmeier, zuletzt Textchef beim Medien-Startup Republik.ch. Am Konzept der Reportageschule und als Dozenten arbeiten Heike Faller und Wolfgang Bauer von der "Zeit" sowie Michael Obert, Gründer der Reporter-Akademie in Berlin.

Die Reporter-Agentur Zeitenspiegel verantwortete in den vergangenen knapp 15 Jahren die inhaltliche Gestaltung des Studiengangs, davon 13 Jahre lang mit Maußhardt als Schulleiter. Der verabschiedet sich in einer Mail an die Absolventen "mit Dank und Respekt" von Zeitenspiegel und schreibt, die Reportage sei "auch nach Relotius nicht weniger wichtig geworden". Am Freitag gab Zeitenspiegel bekannt, dass die VHS Reutlingen den bisherigen Dienstleister-Vertrag gekündigt hat. Kurz zuvor hatte Maußhardt die Reportergemeinschaft verlassen.
turi2 – eigene Infos, turi2.de (Background)

Mitarbeit: Markus Trantow

Zeitenspiegel Reportageschule: Philipp Maußhardt geht, VHS kündigt Zusammenarbeit.

Zu dieser Meldung gibt es hier eine Weiterentwicklung/Konkretisierung.

Zeitenspiegel Reportageschule in Reutlingen kommt in schwere Fahrwasser: Die Volkshochschule Reutlingen, Kooperationspartnerin und Mitgründerin der Journalistenschule, kündigt "überraschend" den Vertrag mit der Reportergemeinschaft Zeitenspiegel, teilen die Zeitenspiegel-Geschäftsführer Uschi Entenmann und Tilman Wörtz mit. In einer Mail an das Netzwerk der Reportageschule heißt es, dass sich für den aktuellen Jahrgang der Journalistenschüler nichts ändere. Wie und ob es anschließend weitergeht, ist wohl ungewiss. Auch Philipp Maußhardt, langjähriger Leiter der Schule, verlässt Zeitenspiegel. Wörtz hatte von ihm vor zwei Jahren die Leitung der Reportageschule übernommen. Ob sein Abgang im Zusammenhang mit der VHS-Kündigung steht, ist unklar.
per Mail, reportageschule.de

Zitat: Lokaljournalismus muss weg vom Schreibtisch, findet Benjamin Piel.

"Die Probleme entstehen immer dann, wenn man von so einer arroganten Warte aus Leute beurteilt oder eigentlich nicht mit ihnen redet."

Benjamin Piel, Chefredakteur des "Mindener Tageblatts", findet, dass Lokaljournalisten "viel mehr draußen aktiv" sein müssen. Zu häufig würden Redaktionen nur noch vom Schreibtisch aus arbeiten, sagt er beim 199. der geplanten 200 Termine seiner Interview-Reise durch das Verbreitungsgebiet seiner Zeitung.
deutschlandfunk.de

Türkei: Dilek Dündar reist nach Deutschland aus.

Türkei: Dilek Dündar, Ehefrau von Ex-"Cumhurriyet"-Chefredakteur Can Dündar (Foto), ist offenbar aus der Türkei ausgereist. Der türkische Journalist lebt im deutschen Exil, die Ausreisesperre gegen seine Frau sei noch immer aktiv. Dilek Dündar wurde der Reisepass abgenommen, kurz nachdem ihr Mann wegen Terrorvorwürfen angeklagt wurde.
spiegel.de, turi2.de (Background)

Wolf-Ulrich Schüler folgt Tanit Koch von Springer zu RTL.

RTL: "Bild"-Nachrichtenchef Wolf-Ulrich Schüler wechselt im September ins neue n-tv-Team um Tanit Koch, berichtet "Clap". Schüler hatte im Jahr 2015 als Ressortleiter Unterhaltung bei Springer angefangen. Julia Höpfner, bislang Ressortleiterin Nachrichten, folgt Schüler bei "Bild" als neue Nachrichtenchefin.
clap-club.de

Zitat: Michael Pohl sieht einen klaren Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht.

"Damit hat der Reporter ganz bewusst rote Linien des Journalismus überschritten."

Michael Pohl, Geschäftsführer von RTL Nord, erklärt, dass die manipulierten Beiträge des Reporters nicht insgesamt erfunden waren. Jedoch wurden sie so abgeändert, dass die Themen "aufregender und größer wirken sollten", als sie eigentlich waren.
rtl.de, turi2.de (Background)

RTL-Reporter hat offenbar jahrelang journalistische Beiträge manipuliert.


RTLotius: RTL trennt sich von einem Mitarbeiter, der über mehrere Jahre journalistische Beiträge gefälscht hat, wie der Sender bekannt gibt. In mindestens sieben Beiträgen konnte der Sender Fälschungen des 39-Jährigen nachweisen. Eine Mitarbeiterin von RTL Nord hatte in einem Beitrag Ungereimtheiten entdeckt und daraufhin die Geschäftsführung informiert. Der Beitrag über Codein-Missbrauch, der bei "Punkt 12" und im "Nachtjournal" gelaufen ist, lieferte Fakten, die nicht mit dem gedrehten Rohmaterial übereinstimmten – wie auch der Kameramann besttigen konnte.

In einem weiteren Beitrag hat der Reporter behauptet, ein persönliches Interview mit Lionel Richie geführt zu haben. Jedoch kombinierte er lediglich Interviewsequenz aus einer elektronischen Pressemappe mit nachträglich eingefügten Gegenschussaufnahmen von ihm als Interviewer.

Der Reporter habe gegenüber RTL-Chefredakteur Michael Wulf und RTL-Nord-Geschäftsführer Michael Pohl versucht, die belegbaren Vorwürfe zu relativieren. Nun sollen alle seine Beiträge der vergangenen zwölf Jahre gecheckt werden. Die Beiträge sind online und auch im internen Newsarchiv gesperrt worden.
dwdl.de, rtl.de

Freischreiber-Report liefert erste Erkenntnisse zu Journalisten-Honoraren.

Journalismus: Katharina Jakob und Michel Penke veröffentlichen erste Daten ihres Freischreiber-Reports. Das Stundenhonorar freier Journalisten liegt demnach im Mittel bei 22,50 Euro brutto, vielerorts sehe es "ziemlich düster" aus. Wer länger im Journalismus arbeite, erziele bessere Honorare. Der Report untersucht auch die Bezahlung von Pauschalisten und Festangestellten.
wasjournalistenverdienen.de

Video-Tipp: Christian Volbracht plaudert aus dem Nähkästchen zum 70. Geburtstag der dpa.

Video-Tipp: Christian Volbracht war mehr als 40 Jahre bei der dpa tätig, u.a. als CvD und Büroleiter in Paris. Anlässlich des 70. Geburtstags der Nachrichtenagentur kehrt er an seinen alten Arbeitsplatz zurück und berichtet von Innovationen und den ersten journalistischen Versuchen am Newsdesk.
youtube.com (4-Min-Video) via twitter.com

kress.de: DJV-Mitglieder werfen Chef Frank Überall Interessenkonflikte vor.

DJV: Mehrere Mitglieder werfen dem Vorsitzenden Frank Überall vor, er stelle CDU-Interessen über die der Journalisten, schreibt kress.de. In einem Brandbrief schreibt Peter Welchering, Ex-Vize-Vorsitzender des DJV Baden-Württembergs, Überall zerlege "aus parteipolitischer Rücksichtnahme" den DJV. Mehrere Journalisten kritisieren, dass Überall sich im Namen des Verbands für die EU-Urheberrechtsreform stark gemacht habe. Überall sagt zu kress.de, Welcherings Kritik gründe auf einer "Privatfehde".
kress.de

Heißer Sommer hat Greta Thunberg medial geholfen, schreibt Andreas Frey.

Fridays for Future: Berichterstattung über Umwelt-Aktivismus ist nicht neu, findet durch Greta Thunberg aber verstärkt statt, analysiert Andreas Frey in der "FAS" mit Medienforschern. Der Dürresommer habe mögliche Folgen eines Klimawandels gezeigt. Dies sei wirksamer als Diagramme. Thunbergs Beharrlichkeit und das Schuleschwänzen sorgten für Aufmerksamkeit.
"FAS", S. 23 (Paid)

Verlage und Digitalunternehmen gründen Austauschforum OP next.

Online-Publisher im deutschsprachigen Raum haben den Verein OP next gegründet, in dem sie sich über digitale Produktentwicklungen austauschen wollen. Die Plattform richtet sich an Publisher, die überregional journalistische Digitalprodukte herausgeben. Zu den Gründungsmitgliedern zählen u.a. "Spiegel", "Standard", Golem.de, Gruner + Jahr, die "Neue Zürcher Zeitung", Tamedia und Zeit Online.
opnext.info

Journalismus soll Förderzweck werden, fordert Nathanael Liminski.

Nicht kommerzieller Journalismus braucht in Deutschland bessere Rahmenbedingungen, schreibt NRW-Staatssekretär Nathanael Liminski. Seine Landesregierung bringe deshalb eine Initiative auf den Weg, die Abgabenordnung so zu ändern, dass Journalismus als eigener Förderzweck gilt, um Medienvielfalt zu sichern. Bisher sei der Status der Gemeinnützigkeit nur über "akrobatische Vereinskonstruktionen" möglich.
"FAZ", S. 13 (Paid)

Meinung: BuzzFeed und Vice gelten nicht mehr als Journalismus-Heilsbringer.

BuzzFeed und Vice, früher als Heilsbringer des Online-Journalismus gefeiert, geraten selbst unter Druck, beobachtet Martina Kix. Sie spricht mit den Chefredakteuren der deutschen Ableger, die sich gegen Abgesänge wehren, aber u.a. einräumen, Reichweite via Facebook einzubüßen. Rasmus Kleis Nielsen vom Reuters Institute sagt, junge Medienmarken stünden durch Investoren noch stärker unter Druck.
"Zeit" 24/2019, S. 25 (Paid)

DFB: Textroboter verfassen Amateur-Berichte für Fussball.de.

DFB lässt Textroboter ab der Saison 2019/2020 automatisch Vor- und Nachberichte zu Spielen der Amateurligen generieren. Die Berichte sollen im Männer-, Frauen- und älteren Jugendbereich auf Fussball.de laufen. Verlage können die Roboter-Spielberichte für ihre Medien kaufen. Für die Online-Auftritte der Vereine sollen sie in einem nächsten Schritt kostenlos verfügbar werden.
dfb.de

Zitat: Bernhard Pörksen sieht Österreich aktuell in einem journalistischen Live-Experiment.

"Österreich durchlebt momentan ein Live-Experiment, das von der Frage handelt: Behält der seriös sortierende Journalismus in Zeiten der fiebrigen Sofort-Spekulation die Deutungshoheit?"

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen stellt im "Profil"-Interview die Frage, ob der Kern des Ibiza-Skandals das "Brausen aus Empörung und Gegenempörung" zwischen den Medien und sozialen Netzwerken bestehen kann oder die "Akteure des Spektakels" am Ende gewinnen.
profil.at

Ulrike Zeitlinger-Haake wird Chefredakteurin "Entwicklung und Innovation" bei der "Bild"-Gruppe.

Bild gründet ein Innovation Lab für neue journalistische Formate, die bisherige Vize-Chefredakteurin von "Bild" Ulrike Zeitlinger-Haake (Foto) soll das Lab als Chefredaktion "Entwicklung und Innovation" aufbauen. Als "Bild"-Vize übernimmt für sie Alexandra Würzbach, die seit 2013 bereits Mitglied der Chefredaktion ist.
axelspringer.com

Zitat: Für Martin Noé ist Jürgen Klopp ein Manager-Vorbild.

"Ich glaube nicht, dass man ein perfekter Finanzchef wird, wenn man unsere Jürgen-Klopp-Story gelesen hat."

Martin Noé, Co-Chefredakteur beim "manager magazin", sieht Jürgen Klopp als Vorbild für Manager. Man könne sich von ihm abschauen, wie man motiviert oder ein Team führt. Deshalb habe es Kloppo auch auf den "mm"-Titel geschafft, erklärt Noé im "Wirtschaftsjournalist"-Doppelinterview mit Sven Oliver Clausen.
"Wirtschaftsjournalist" 3/2019 (ET 04.06.2019) via kress.de

Zitat: Bernhard Pörksen erarbeitet fünf Diagnosen aus der Rezo-Aufregung.

"Man sieht, was passiert, wenn Politiker eine Medienrevolution nicht verstehen, Inszenierung mit Inhalt verwechseln und ihre Protagonisten pauschal diffamieren."

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen blickt abseits vom "Stakkato der Schlagzeilen" auf die "konfusen" Rezo-Reaktionen. In einem "Süddeutsche"-Gastbeitrag resümiert er in fünf Diagnosen Vorschläge, welche Lehren Politik und Gesellschaft aus der Rezo-Aufregung ziehen können.
sueddeutsche.de

Schutz für Journalisten wird durch Seehofers Pläne löchriger.

Online-Durchsuchung: Die Pläne von Innenminister Horst Seehofer würden den Schutz von Journalisten löchriger machen, als er ohnehin schon ist, erläutert Ronen Steinke. Künftig könnte der Geheimdienst selbst Reporter aushorchen dürfen, ohne richterliche Kontrolle – der vage Verdacht auf politisch extremistische Bestrebungen würde genügen.
"Süddeutsche", S. 40 (Paid)

Reform des Verfassungsschutzrechts bekämpft keine Journalisten, sagt Seehofer.

Journalismus: Horst Seehofer wehrt sich gegen den Vorwurf, seine geplante Reform des Verfassungsschutzrechts ermögliche das Ausspähen von Redaktionen. Die Reporter ohne Grenzen sehen in dem Entwurf die Möglichkeit, "Server großer Verlage und Rundfunksender zu durchsuchen". Bundesjustizministerin Katarina Barley hatte den Entwurf gestoppt, weil die Befugnisse von Verfassungsschutz und BND damit zu weit gingen. Es wird erwartet, dass Seehofer einen erneuten Versuch unternimmt, wenn Barleys Nachfolge steht.
heise.de

n-tv baut Berichterstattung in Österreich mit eigenem Ticker-Laufband aus.

Österreich: Der Nachrichtensender n-tv bestückt seinen News-Ticker des Programmfensters in Österreich künftig auch mit österreichischen Inhalten. Das Laufband wurde bisher aus Deutschland übernommen. n-tv vermarktet im Nachbarland bereits österreichische Werbefenster und strahlt seit April eine Polit-Talkshow des Boulevard-Portals krone.at aus.
dwdl.de, turi2.de (Background)

Klick-Tipp: "Zapp" beschäftigt sich monothematisch mit Relotius-Nachwehen.

Klick-Tipp: Den Fall Relotius und die Folgen für den Journalismus beleuchten Inga Mathwig und Daniel Bouhs am Mittwochabend bei "Zapp". Im Interview lobt etwa Julia Jäkel die Aufarbeitung und fordert allgemein "über unsere Standards nachzudenken".
ndr.de, NDR Fernsehen, 23.20 Uhr

Aus dem turi2.tv-Archiv:
"Mehr Rechte für die Dokumentation" – Relotius-Aufklärerin Brigitte Fehrle im Interview (Archiv 05/2019).


Meinung: Causa Relotius steht für "Pomp" und "Lückenfüllen" beim "Spiegel".

Causa Spiegel/Relotius: Die tieferen Ursachen für den Fälschungsskandal beim "Spiegel" liegen in den Lücken, die durch Einsparungen entstanden sind und mit "Pomp und Schönschreiberei" gefüllt wurden, schreiben Horand Knaup und Hartmut Palmer, die jeweils rund 20 Jahre für den "Spiegel" gearbeitet haben. So seien in der Innenpolitik nur noch 10 statt 20 Redakteure "als Wächter politischer Prozesse" tätig. Sein Umfeld habe Claas Relotius "geradezu ermuntert, Geschichten zu erfinden und Fakten zu fälschen".
taz.de

Reporterfabrik veröffentlicht Podcasts zum Fall Relotius und seinen Folgen.

Hör-Tipp: Die Reporterfabrik stellt sechs Audio-Mitschnitte von Workshops zu den Folgen des Relotius-Betruges für den Journalismus online. Es geht u.a. darum, wie Medien mit betrügenden Redakteuren umgehen sollten, was sich an der Reportage als Erzählform ändern muss und was zu tun ist, wenn sich Protagonisten falsch dargestellt fühlen.
reporterfabrik.org

Zitat: "Spiegel"-Chef Thomas Hass will den Relotius-Effekt umkehren.

"Durch die Aufklärung in eigener Sache konnten wir das Vertrauen in die Marke 'Spiegel' erhalten oder zurückgewinnen. Die Marke wird sogar als etwas nahbarer wahrgenommen."

Geschäftsführer Thomas Hass sieht den "Spiegel" aus dem Fall Relotius "mit einem blauen Auge davon gekommen" – auch wenn die verschobene Copypreis-Erhöhung bares Geld gekostet hat.
horizont.net

Aktuell dazu bei turi2.tv: Chefredakteur Steffen Klusmann über die Aufarbeitung des Relotius-Skandals.

Video-Tipp: NDR dokumentiert "Spiegel"-Pressegespräch zum Fall Relotius.

Video-Tipp: Das NDR-Medienmagazin "Zapp" dokumentiert in Auszügen das "Spiegel"-Pressegespräch zum Abschlussbericht der Relotius-Affäre. Reportagen seien generell kein auf Betrug angelegtes journalistisches Format, betont Chefredakteur Steffen Klusmann, der am Gesellschaftsressort festhalten wolle. "Es muss halt stimmen", mahnt Klusmann.
youtube.de (16-Min-Video), turi2.de (Klusmann-Interview)

"Spiegel" veröffentlicht Abschlussbericht der Relotius-Aufklärungskommission.


Allgemeine Relotiutätstheorie: Der "Spiegel" hat sich von Claas Relotius einwickeln lassen, schreiben Geschäftsführer Thomas Hass und Chefredakteur Steffen Klusmann im Artikel zum Relotius-Abschlussbericht, und "in einem Ausmaß Fehler gemacht, das gemessen an den Maßstäben dieses Hauses unwürdig ist."

Die Aufklärungskommission hat nicht mit Relotius selbst gesprochen. Laut Bericht habe Relotius zur Vertuschung gezielt "Kollegen umgarnt, Dokumentare abgelenkt, den Abdruck von Leserbriefen verhindert, Übersetzungen und Making-Ofs abgelehnt". Als Zweifel an Relotius' Arbeit aufkamen, sei man denen zu langsam nachgegangen. Die Kommission beschreibt außerdem das Verhältnis zu den Vorgesetzten und zu den Kollegen des Ressorts, viele hätten Relotius "geradezu verehrt". Seine Beliebtheit habe "offenbar in Dokumentation und Redaktion zu mangelnder kritischer Distanz gegenüber seinen Texten" geführt.

Laut Bericht habe es mehrere kleine und drei "deutliche" Warnungen gegeben, von denen theoretisch jede hätte Relotius auffliegen lassen können. Auf die erste Warnung eines Lesers habe Matthias Geyer, damals Leiter des Gesellschaftsressorts, nicht reagiert. Ob und bei wem und wann die zweite ankam, sei nicht zu klären. Die dritte kam von Juan Moreno. Zwei Wochen später veröffentlichte der "Spiegel" dennoch eine Klima-Titelgeschichte, die gefälschte Passagen von Relotius enthielt. Geyer und Ullrich Fichtner hätten die damals amtierenden Chefredakteure Dirk Kurbjuweit und Susanne Beyer auch nicht über den Verdacht gegen Relotius informiert. Besonders schwer wiegt laut Kommission, dass Geyer keine eigenen Nachforschungen angestellt habe.

Der Bericht enthält eine detaillierte "Chronik der Aufdeckung", die zeigt, dass Fichtner und Geyer Moreno lange nicht glaubten. Fichtner sagte der Kommission, Moreno habe "diffuse Drohungen" ausgesprochen, Moreno widerspricht dem. Das Kommissionsteam kommt zu dem Schluss, dass die Stilform sowie die Fehlerkultur die Fälschungen ermöglicht haben. Problematisch sei auch die "besondere Konstruktion des Gesellschaftsressorts innerhalb des 'Spiegel'" – es schotte sich ab, kooperiere nicht mit anderen Ressorts und ignoriere deren Kritik.

Der zuständige Dokumentar hat den "Spiegel" inzwischen "auf eigenen Wunsch" verlassen, Relotius' Vorgesetzte Ullrich Fichtner und Matthias Geyer wurden wegen des Falls nicht Co-Chefredakteur und Blattmacher. Der Verlag kündigt eine unabhängige Ombudsstelle ein, drei Teams arbeiteten "an einem neuen journalistischen Regelwerk".
spiegel.de, spiegel.de (Abschlussbericht, 17 Seiten)