Renner: Relotius-Dokumentar verlässt den "Spiegel".

Spiegel und der für Claas Relotius zuständige Mitarbeiter in der Dokumentation trennen sich, berichtet Kai-Hinrich Renner. Der Mitarbeiter habe ein Angebot zum Vorruhestand angenommen. Der Verlag will zu "einzelnen Vertragsverhältnissen" nichts sagen. Laut Renner waren sich der Dokumentar und Relotius' früheres Ressort Gesellschaft näher als üblich – der Dokumentar habe auf demselben Flur gesessen. Ressortleiter Matthias Geyer habe sich ungern reinreden lassen. Chefredakteur Steffen Klusmann wolle ihn aber als Ressortleiter behalten.
abendblatt.de

Aus dem Archiv von turi2.tv: "Wir müssen uns relativ nackig machen" – "Spiegel"-Chef Steffen Klusmann über den Relotius-Skandal.

Susanne Amann tritt nicht mehr für die Spitze der "Spiegel"-Mitarbeiter-KG an.

Spiegel: Susanne Amann, seit Jahresbeginn eine der beiden Managing Editors, tritt nicht wieder als Sprecherin der Geschäftsführung der Mitarbeiter-KG an, berichtet Roland Pimpl. Unter den Mitarbeitern hatte ihre Personalie für Unruhe gesorgt - eine Gesellschafter-Vertreterin könne nicht gleichzeitig auf der zweiten Managementebene arbeiten, so die Kritik. Ein Geschmäckle hinterlasse auch, dass sie erst als Sprecherin der mächtigen KG an der Brinkbäumer-Ablösung beteiligt war und nun von dessen Nachfolger befördert wurde.
horizont.net

Media-Tenor-Ranking: "Bild" ist Deutschlands meistzitiertes Medium 2018.

Mehr Maaßen macht meistzitiertes Medium aus: "Bild" ist 2018 das meistzitierte Medium in Deutschland, zählt Media Tenor in seinem Zitate-Ranking. Mit insgesamt 1.203 Exklusiv-Meldungen ist der Boulevardtitel vor dem "Spiegel", der mit 1.098 Nennungen knapp dahinter liegt. Es folgen "New York Times" mit 907 Zitaten sowie "Bild am Sonntag" mit 895 Zitaten. "Süddeutsche Zeitung" und "Handelsblatt" belegen die Plätze 5 und 6.

Besonders häufig wird "Bild" mit Aussagen von Ex-Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen zitiert als dieser die Echtheit der Chemnitz-Videos anzweifelt. Auch Themen wie die Organspende oder die diskutierte Digitalsteuer verhelfen "Bild" 2018 zu Nennungen in anderen Medien.
"Bild", S. 1 (Paid)

Meinung: Relotius bedient Rollenbilder, die Leser hören wollen, schreibt James Kirchick.

Spiegel zerbricht am Fall Relotius und befeuert "reflexhaften Antiamerikanismus", kommentiert der US-Journalist James Kirchick. Die Schuld liege nicht allein bei Relotius oder fahrlässigen Faktenprüfern, sondern in der Mentalität der Redakteure und Leser: Relotius erzähle ihnen, was sie erwarteten und hören wollten – ein Paradebeispiel für motiviertes Denken.
faz.net, turi2.de (Background)

Meinung: Medien sind bei Relotius "sich selbst korrigierende Systeme", schreibt Giovanni di Lorenzo.

Fall Relotius schreckt auf, aber manche Tonlage ist verlogen, schreibt Giovanni di Lorenzo. Die betrügerische Energie von Relotius sei so enorm, dass auch andere Medien hätten reinfallen können. Auch bei einem "Zeit"-Interview habe Relotius Passagen hinzugedichtet. Hoffnung mache, dass Medien "sich selbst korrigierende Systeme" seien.
"Zeit" 2/2019, S. 1 (Paid)

Meinung: Journalismus sollte nach Relotius-Fall hinterfragt werden, schreibt Joachim Bauer.

Relotius-Fälschungen geben Anlass, grundsätzlich über Wirkungsweise und Macht des Journalismus nachzudenken, schreibt "Welt"-Gastautor und Psychiater Joachim Bauer. Relotius habe womöglich auf die Spitze getrieben, was der Arbeitsweise seines Umfeldes entspreche. Selbst ein "meinungsstarker Journalismus" müsse Nachricht und Meinung trennen.
welt.de

Diakonie bestätigt den Empfang der Spendengelder von Claas Relotius.

Relotius: Die Diakonie Katastrophenhilfe bestätigt den Eingang der Spende von Skandalreporter Claas Relotius. Im Oktober 2016 seien 9.000 Euro für ein Projekt für Flüchtlingskinder eingegangen. Relotius hatte die Spendengelder auf seinem Privatkonto gesammelt, der "Spiegel" hatte vermutet, Relotius habe "womöglich auch Spendengelder veruntreut".
tagesspiegel.de, turi2.de (Background)

"Bild": Ullrich Fichtner und Matthias Geyer lassen ihre neuen Verträge beim "Spiegel" vorerst ruhen.


Spiegelbild: Der Fall Relotius hat für den "Spiegel" weitere personelle Konsequenzen: Ullrich Fichtner, künftiger Co-Chefredakteur, und Matthias Geyer, designierter Blattmacher, treten ihre neuen Jobs zu Jahresbeginn vorerst nicht an. Der künftige Chefredakteur Steffen Klusmann habe dies in einem Schreiben an die Mitarbeiter mitgeteilt. Die Verträge würden ausgesetzt, bis der Fall Relotius "abschließend untersucht" ist.

Fichtner und Geyer hätten Klusmann angeboten "ihre Posten zur Verfügung zu stellen" – Klusmann müsse jedoch sicherstellen, dass der "Spiegel" arbeitsfähig bleibe. Es sei zwar jeder austauschbar, "nur mancher eben schwerer". Intern hatte es beim "Spiegel" im Fall Relotius deutliche Kritik an Ullrich Fichtner und Matthias Geyer gegeben. Fichtner, damals Leiter des Gesellschaftsressorts, hat Relotius 2014 zum "Spiegel" geholt und gefördert.
bild.de, turi2.de (Background)

Aus dem Archiv von turi2.tv: "Wir müssen uns relativ nackig machen" – "Spiegel"-Chef Steffen Klusmann über den Relotius-Skandal.

"Spiegel": Claas Relotius dementiert, Spenden veruntreut zu haben.

Claas Relotius dementiert die Vorwürfe des "Spiegels", Spenden für zwei syrische Waisenkinder in der Türkei veruntreut zu haben, teilt er über seine Anwälte mit. Er habe die auf seinem Privatkonto eingegangenen Spenden in Höhe von 7.000 Euro auf 9.000 Euro erhöht und im Oktober 2016 an die Katastrophenhilfe der Diakonie überwiesen. Er habe "zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt, Spenden selbst zu vereinnahmen".
tagesspiegel.de, turi2.de (Background)

"Horizont": "Spiegel" streitet über künftige Führungskräfte.


Spiegelverzerrt: Beim "Spiegel" gibt es intern deutliche Kritik an Teilen der künftigen Führungsmannschaft, schreibt Roland Pimpl bei horizont.net. Allen voran sehen viele Mitarbeiter die künftige Doppelfunktion von Susanne Amann kritisch. Amann soll Managing Editor und somit eine Art Vize-Chefredakteurin werden. Gleichzeitig ist sie Sprecherin der Geschäftsführung der Mitarbeiter KG. Jurist Thomas Darnstädt, bis 2007 selbst Sprecher der Mitarbeiter KG, schreibt in einem Papier, beide Positionen seien nicht miteinander vereinbar. Amann selbst habe zusammen mit den beiden Verlagsvertretern der KG nun ein Gegengutachten in Auftrag gegeben.

Auch an anderen Köpfen der künftigen Führung gebe es Kritik, zuletzt insbesondere am künftigen Co-Chefredakteur Ullrich Fichtner und an Blattmacher Matthias Geyer. Beide hatten Claas Relotius betreut und dessen Fälschungen nicht bemerkt. Fichtner hat als damaliger Leiter des Gesellschaftsressorts Relotius 2014 zum "Spiegel" geholt.
horizont.net, turi2.de (Vize-Positionen), turi2.de (Rolle Fichtner und Geyer)

Zitat: Franziska Augstein wünscht sich weniger Gefühle im "Spiegel".

"Wenn diese Affäre den Effekt hat, dass jeder sich wirklich zweimal überlegt, ob er etwas hinschreibt, was er in der Wirklichkeit nicht erlebt hat, dann wäre das ja eine gute Lehre für alle."

"Spiegel"-Erbin und "Süddeutsche"-Journalistin Franziska Augstein wünscht sich im Interview mit dem Deutschlandfunk im "Spiegel" mehr Texte "mit wirklichen Daten" und weniger mit Gefühlen à la Relotius.
deutschlandfunk.de (mit 8-Min-Interview)

Lese-Tipp: Christoph Scheuermann ist auf der Suche nach dem echten Fergus Falls.

Lese-Tipp: Christoph Scheuermann , "Spiegel"-Korrespondent in den USA, begibt sich im Fall Relotius in Fergus Falls auf die Suche nach der Wahrheit. Drei Tage verbringt er in der Kleinstadt in Minnesota, wobei es seltsam sei, "mit den falschen Bildern im Kopf durch die Wirklichkeit zu laufen und Vergleiche zu ziehen". Die Zeit in Fergus Falls sei für Scheuermann eine Lektion in Demut gewesen, bei der er sich im Namen des "Spiegels" entschuldigen musste – "auch das gehört jetzt zu meinem Job".
spiegel.de

Zitat: Jakob Augstein kritisiert das Interview mit Giovanni di Lorenzo im "Spiegel".

"Aber Selbstkritik darf nicht zu Selbstbeschädigung werden."

Jakob Augstein befürwortet im "Bild"-Interview die Relotius-Aufarbeitung beim "Spiegel". Es sei jedoch unnötig gewesen, "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo die Gelegenheit zu geben, im eigenen Heft den "Spiegel" anzugreifen.
bild.de, turi2.de (Background)

Zitat: Jörg Thadeusz glaubt nicht, dass man Betrug in Print-Interviews aufspüren kann.

"Einen entschlossenen Betrüger am Betrug zu hindern, scheint mir ausgeschlossen."

RBB-Moderator Jörg Thadeusz denkt nicht, dass einem verfälschten Print-Interview beizukommen sei. Jedoch würden eine seiner besten Freundinnen sowie sein Bruder, beide beim "Spiegel", "sich eher die Finger abschneiden, als Geschichten zu verfälschen".
tagesspiegel.de

"Zeit": Spiegel-TV-Team stieß schon im Frühjahr 2017 auf Relotius-Widersprüche.

Spiegel hätte die Fälschungen von Claas Relotius bereits im ersten Halbjahr 2017 aufdecken können, schreibt Holger Stark in der "Zeit". Der frühere "Spiegel"-Investigative berichtet, ein Team von Spiegel TV sei beim Versuch, eine Geschichte des damals noch freien Mitarbeiters Relotius aus Kurdistan zu verfilmen, auf Widersprüche gestoßen. Spiegel TV habe das "bei Relotius' Vorgesetzten" thematisiert - ohne Folgen. Das Spiegel-TV-Stück habe "die Fehler in der Heftgeschichte" umgangen.
zeit.de

Causa Relotius: Nun soll er auch noch Spenden veruntreut haben.

Spiegel bezichtigt seinen Skandalreporter Claas Relotius einer weiteren Untat: Er habe "womöglich auch Spendengelder veruntreut". Er habe Spenden für zwei syrische Waisenkinder in der Türkei, ein Bruder und eine Schwester, von Lesern angenommen, auf sein Privatkonto und natürlich "war der Redaktion nichts bekannt". Der Fotograf der Story gebe an, dass er von einer Schwester nichts wisse, der Junge habe eine höchst lebendige Mutter und sei demzufolge nicht Waise. Der "Spiegel" will die "gesammelten Informationen der Staatsanwaltschaft im Rahmen einer Strafanzeige zur Verfügung stellen".
spiegel.de

Klusmann: "Wir als Haus haben auch in einem erheblichen Ausmaß versagt".


Claasklar eingeseift: Steffen Klusmann, designierter Chefredakteur des "Spiegel", profiliert sich in einem offenen Brief an die Leser als Aufräumer. Nach ein paar Tagen Bestandaufnahme im Fälschungs-Fall Relotius räumt er ein, "wir als Macher des 'Spiegel'" haben "in einem erheblichen Ausmaß versagt". Er kündigt auch Konsequenzen an: "Wer Verantwortung zu tragen hat, wird sie tragen".

"Signale und Hinweise" auf den Betrug seien "nie an einer Stelle gebündelt" gewesen - "unser Haus ist groß". Klusmann räumt ein, der Marke dürfe "darf ein solches Versagen nicht passieren" - "egal wie genialisch Relotius das alles eingefädelt haben mag". Er kündigt an, den Fall nun zunächst nichtöffentlich und intern "im Ganzen aufarbeiten und das dann dokumentieren" zu wollen, ohne "mit jedem Fitzelchen neuen Erkenntnisgewinns jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen".
spiegel.de

Meinung: Relotius' Auftraggeber kommen bisher zu unhinterfragt weg.

Spiegel: Die bisherige Aufarbeitung des Relotius-Skandals beim "Spiegel" blendet die Rolle von Ullrich Fichtner, dem Print-Chef und künftigem Vize-Chefredakteur, sowie die von Gesellschafts-Ressortleiter Matthias Geyer weitgehend aus, tadelt Ralf Heimann im MDR-Medienblog Altpapier. Relotius mag gelogen und betrogen haben - dafür, dass ein Text erscheint, obwohl ein eigener Reporter erhebliche Zweifel anmeldet, sei er aber nicht verantwortlich.
mdr.de

US-Botschafter verlangt Aufklärung von der "Spiegel"-Chefredaktion.

Relotius: US-Botschafter Richard Grenell fordert von der "Spiegel"-Chefredaktion eine "unabhängige und transparent Untersuchung" im Fall Relotius. Die USA sei besorgt, da es in Teilen der gefälschten Berichterstattung "um US-Politik und bestimmte Teile der amerikanischen Bevölkerung ging". Dirk Kurbjuweit, Vize-Chef des "Spiegel", reagiert mit einem Brief an den Botschafter und einer Entschuldigung "bei allen amerikanischen Bürgern, die durch diese Reportagen beleidigt und verunglimpft wurden".
sueddeutsche.de, spiegel.de

Zitat: Giovanni di Lorenzo erklärt, warum Relotius nie den Nannen-Preis gewonnen hat.

"Diese Geschichten waren von einer Glätte, Perfektion und Detailbesessenheit, dass es einige von uns nicht glauben konnten."

"Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo erklärt im Gespräch mit dem "Spiegel", dass es in der Jury des Nannen-Preises Zweifel an den Geschichten von Claas Relotius gegeben hat, weil sie zu perfekt gewesen seien.
"Spiegel" 52/2018, S. 49-51 (Paid)

Weitere Zitate aus dem Interview …

... über die Auswirkungen des Skandals:

"Er ist ein bizarres Weihnachtsgeschenk für all jene, die den Medien ohnehin das Schlimmste unterstellen."

"Dass jetzt an der Wahrhaftigkeit von Berichten gezweifelt wird, für die Leute ihr Leben einsetzen, das ist der eigentliche Schaden."

... über den Text zur Veröffentlichung der Entdeckung von Ullrich Fichtner:

"Was bleibt, ist der Eindruck: In dem Text wird ein Mensch gehängt, noch dazu ein relativ junger. Die Systemfrage, wie das passieren konnte, wird angesprochen, aber nicht in einer besonders aufschlussreichen Form."

... über das System der Dokumentation beim "Spiegel":

"Die "Bild"-Zeitung, schreibt heute, dass Ihre Dokumentation vermerkt, wo etwas nicht belegt werden kann. Das muss doch bei Relotius-Geschichten nur so von Vermerken gewimmelt haben. Das frage ich jetzt als beruflich interessierter Laie: Warum gehen dann nicht irgendwann mal die Alarmglocken an?"

... über das Genre Reportage:

"Mittelmäßige und langweilige Geschichten sind und bleiben eine Zumutung! Andererseits gibt es die eine oder andere Reportage, bei der es mittlerweile so ist wie bei der Überzüchtung von Hunden oder Pferden – zu schön, um noch authentisch zu wirken."

"Hinter vielem steht nun ein Fragezeichen" – "Spiegel" arbeitet den Fall Relotius auf 23 Seiten auf.


Im Spiegel des Sturms: Der "Spiegel" stellt 23 Seiten des neuen Hefts frei ins Netz – und widmet sich ausführlich der Selbstkritik im Fall Relotius. In der Rubrik Hausmitteilung schreiben Susanne Beyer und Dirk Kurbjuweit: Der "Spiegel" müsse sich überlegen, wie er Recherchen noch genauer kontrollieren könne, "auch wenn wir keine totale Überwachung haben wollen". Clemens Hoeges schildert weitere Details: Demnach fälschte Relotius Facebook-Profile, um sich zu entlasten und gestand schließlich nachts in einem Carsharing-Auto im Gespräch mit Kollegin Özlem Gezer.

Hoeges entlastet in seinem Text die hausinterne Dokumentation unter Leitung von André Geicke. Sie könne sehr vieles überprüfen über Datenbanken und Archive. "Vorsätzlicher Betrug ist im System nicht vorgesehen", schreibt Hoeges jedoch. Relotius betrüge genauso gut, wie er schreibe.

Auf vier Seiten dokumentiert das Heft zahlreiche Reaktionen – Zuspruch und auch Kritik an der Art und Weise, wie der "Spiegel" den Skandal öffentlich machte. "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo äußert sich als "Spiegel"- und Journalismus-Kritiker auf drei weiteren Seiten. Reporter Juan Moreno beschreibt erneut, wie ihm der Schwindel aufgefallen ist. Er sei inzwischen überzeugt, dass seine Leistung Zufall war und ein Vorteil, dass er Relotius persönlich nicht kannte.
spiegel.de (23-Seiten-PDF aus "Spiegel" 52/2018)

"Wir müssen uns relativ nackig machen" – "Spiegel"-Chef Steffen Klusmann über den Relotius-Skandal.

Ullrich Fichtner spricht im Meedia-Podcast über seine Relotius-Rekonstruktion.

Ullrich Fichtner reagiert im Podcast von Meedia und "Welt" auf die Kritik an seiner Relotius-Rekonstruktion: Wer so sehr über seinen eigenen Schatten springe wie der "Spiegel" in dieser Woche, dürfe auch ein bisschen Anlauf nehmen. Er habe beim Schreiben nicht an preiswürdige Formulierungen gedacht, erklärt der Print-Chef des Nachrichten-Magazins. Die historische Situation rechtfertige den hohen Ton.
soundcloud.com, spiegel.de

Cordt Schnibben denkt über Änderungen beim Reporterpreis nach.

Fall Relotius: Der Reporterpreis könnte im Kampf gegen "betrügerisch veranlagte Journalisten" nur noch einmal an jeden Journalisten verliehen werden, überlegt der Gründer des Reporter-Forums Cordt Schnibben im "FAZ"-Interview. Es sei zwar die Aufgabe der Redaktionen, Reportagen zu prüfen – gerade Auslandsreportagen sollen nun aber für den Reporterpreis noch einmal unter die Lupe genommen werden. Den Dokumentaren beim "Spiegel" könnte man kaum etwas vorwerfen, wenn sie für einen Fakt keinen Beleg finden, "dann sagt der Reporter: Das habe ich selbst erlebt, und ich übernehme die Verantwortung".
"FAZ", S. 15 (Paid)

Hör-Tipp: Journalistik-Professor Michael Haller sieht den Fall Relotius als Betrug am Leser.

Hör-Tipp: Journalistik-Professor Michael Haller, Autor des Standardwerkes "Die Reportage", ordnet im Interview mit Detektor.fm den Fall Relotius ein. Die Reportage schildere die Erlebnisse des Reporters für die Verständlichkeit zwar in einem erzählenden Ton, die erfundenen Orte und Personen in den Texten von Claas Relotius hätten jedoch nichts mehr mit der Gestaltungsfreiheit des Reporters zu tun: "Das wäre in einem Bericht so gelogen wie in einer Reportage." An dem Format der Reportage müsse sich nichts ändern, das Problem liege in den Redaktionen, die das Format "immer weiter hoch poliert" haben. Es würden perfekte Texte verlangt – "so perfekt, wie es in der Wirklichkeit einfach nicht zugeht".
detektor.fm (9-Min-Audio)

Zitat: Juan Moreno ist beim "Spiegel" gegen solide Wände gerannt.

"'Spiegel'-Qualitätswände. Solide Wände."

"Spiegel"-Reporter Juan Moreno, der intern gegen Claas Relotius recherchiert hat, hat zwischenzeitlich auch an sich gezweifelt, weil ihm niemand glauben wollte, sagt er im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".
sueddeutsche.de

Weitere Zitate aus dem Interview:

"Die Geschichte von Relotius endete mit einem Schuss, den die Grenzer abfeuerten. Diesen Schluss bekam ich aber erst im zweiten Textentwurf. Wenn ich dabei bin, wie da jemand potenziell auf Mexikaner ballert, dann erwähne ich das definitiv nicht in meinem zweiten Textentwurf. Das ist wahrscheinlich eher mein Einstieg."

"Ich habe der Redaktion Fragen formuliert, die maximal starke Indizien enthielten. Darauf hat Relotius eine Erwiderung geschrieben, mehrere Seiten. Diese Erwiderung habe ich erst Wochen später zu sehen bekommen, am Ende. Sie war brillant."

"Aber so wütend ich war, dass ich da gegen Wände gerannt bin: Wäre mir das als Chef auch passiert? Vielleicht."

Zahl des Tages: Klusmann-Video zum Relotius-Skandal sammelt 11.327 Aufrufe in 24 Stunden.

Zahl des Tages: Stattliche 11.327 Aufrufe in 24 Stunden erzielt das turi2.tv-Interview mit "Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann zum Relotius-Skandal bei YouTube. In dem 5-Minuten-Gespräch erklärt Klusmann u.a., wie das Nachrichten-Magazin den Betrug aufarbeiten will. Aktuell steht der Zähler bei 12.074 Views.
turi2.tv (5-Min-Video auf YouTube)

"SZ Magazin" ist auch vom Fall Relotius betroffen.

SZ Magazin ist ebenfalls von den Fälschungen im Fall Claas Relotius betroffen: Im Jahr 2015 hat das Magazin "zwei manipulierte Interviews" von Relotius veröffentlicht, wie die Chefredaktion mitteilt. Es handele sich dabei um Interviews mit dem New Yorker Herrenschneider Martin Greenfield sowie den Woodstock-Veteranen Barbara und Nicholas Ercoline. Die Interviews "weisen Fehler auf und verstoßen gegen journalistische Standards", sie wurden inzwischen von der Website genommen. Relotius hat die Manipulation in beiden Fällen zugegeben.
sz-magazin.sueddeutsche.de

Ziesemer: Chefredaktionen wollen schöne Texte statt harter Recherche.

Causa Relotius zeigt, dass Chefredakteure heute mehr Wert auf schöne Texte als auf harte Recherche legen, kritisiert Bernd Ziesemer. Eine kleine Gruppe von Qualitätsmedien schanze sich gegenseitig die Journalistenpreise zu, um sich ihr eigenes Tun zu bestätigen. Ziesemer regt einen Namenswechsel für den Egon-Erwin-Kisch-Preis an – der Namensgeber habe es bei seinen Reportagen aus der Sowjetunion mit der Wahrheit auch nicht so genau genommen und die Gräuel des Kommunismus ausgeblendet.
meedia.de

Claas Relotius gibt seine Reporterpreise zurück.

Claas Relotius hat sich per SMS beim Reporter-Forum gemeldet, sich entschuldigt und seine vier Reporterpreise zurückgegeben, schreibt die Jury. Den vierten hatte er erst im Dezember erhalten, für seine Reportage "Ein Kinderspiel" über einen syrischen Jungen, der glaubt, durch einen Streich Mitauslöser des Bürgerkriegs zu sein. Bereits gestern hatten die Verantwortlichen des Peter-Scholl-Latour-Preises Relotius seine Auszeichnung aberkannt.
sueddeutsche.de, turi2.de (Background)

"Wir müssen uns relativ nackig machen" – "Spiegel"-Chef Steffen Klusmann über den Relotius-Skandal.

Hör-Tipp: Steingart lässt Relotius sprechen – in Archiv-Aufnahmen.

Hör-Tipp: Im Morning-Briefing-Podcast von Gabor Steingart kommt der "Spiegel"-Fälscher Claas Relotius selbst zu Wort – in einer Archiv-Aufnahme von 2015. Schon damals habe er eine "Abneigung gegenüber allzu konkreten Quellenangaben" gezeigt, urteilt Steingart. Er fordert, dass der "Spiegel" bei seiner Aufklärung auch "nach dem System" hinter dem Betrug fragt, der Text von Ullrich Fichtner sei nur ein Anfang.
gaborsteingart.com (30-Min-Audio ab ca. 7.30 Uhr), gaborsteingart.com (Text)

Zitat: Der größte Feind der Pressefreiheit hat sich in der Redaktion eingenistet.

"Die neue Spiegel-Affäre 2018 sagt vor allem aus, dass der größte Feind der Pressefreiheit heute nicht mehr – wie 1962 bei der alten Spiegel-Äffare – außen sitzt, sondern sich vielmehr ganz tief mittendrin eingenistet hat."

"Handelsblatt"-Autor Hans-Jürgen Jakobs nennt den "Spiegel"-Fälscher Claas Relotius in seinem "Morning Briefing" den "Karl May dieser Tage".
handelsblatt.com

Lese-Tipp: Einwohner stellen klar, was Claas Relotius über ihre Stadt zusammenfantasiert hat.

Lese-Tipp: Michele Anderson und Jake Krohn aus Fergus Falls in Minnesota nehmen Stück für Stück die Geschichte In einer kleinen Stadt von "Spiegel"-Reporter Claas Relotius auseinander, der die Bewohner der Kleinstadt porträtiert. Schon der Wald, durch den sich Relotius in seinem Text der Stadt nähert, existiere nicht. Die Personen im Text erschienen wie Film-Figuren. In 7.300 Wörtern seien lediglich die Durchschnittstemperatur und die Einwohnerzahl korrekt.
medium.com via twitter.com/jhaentzschel

"taz" nimmt Archiv-Texte von Claas Relotius unter die Lupe.

taz prüft die Texte von Claas Relotius (Foto). Der Journalist, der beim "Spiegel" in großem Umfang vorsätzlich Texte manipuliert und erfunden hat, war 2008 Praktikant bei der "taz" in Hamburg. Aus dieser Zeit finden sich zehn Texte von ihm mit einer Länge zwischen 46 und 130 Zeilen im Archiv. 2011 schrieb er für die "taz" noch einen Text zu einem Fotoband über Jazzmusiker.
blogs.taz.de, turi2.de (Background)

"Wir müssen uns relativ nackig machen" – "Spiegel"-Chef Steffen Klusmann über den Relotius-Skandal.


Klusmann im Krisen-Modus: Steffen Klusmann ist als "Spiegel"-Chefredakteur noch nicht im Amt, schon muss er die erste Krise managen. Im Video-Interview mit turi2.tv reagiert er auf die Fälschungen von Autor und Redakteur Claas Relotius: "Das hat uns alle erschüttert – und zwar in den Grundfesten." Jetzt müsse sich der "Spiegel" seine Glaubwürdigkeit zurückerkämpfen. Eine dreiköpfige Kommission soll in den kommenden Monaten herausfinden, was schiefgelaufen ist, und ob die Regeln der Dokumentation womöglich geändert werden müssen.

Muss der stets mit Stolz geschwellter Brust auftretende "Spiegel" künftig womöglich bescheidener werden? "Eine gewisse Demut im Auftreten kann nicht schaden", sagt der designierte Chefredakteur, das gelte aber für alle. Den Stolz wolle er sich aber nicht abkaufen lassen. "Krisen und Skandale sind schon schlimm genug, aber wenn man nichts daraus lernt, ist es richtig schlimm."
turi2.tv (5-Min-Video auf YouTube), turi2.de (Background)