
Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling ist ein bekennender Analoger. Als solcher nimmt er sich in dieser Woche den vermeintlichen Innovationsbeschleuniger KI samt dazugehörigem Tanz ums digitale Kalb vor. In seinen Beobachtungen spießt er jeden Mittwochmorgen Dolles und Doofes aus Mediendorf auf – mit spitzer Feder und spitzem Bleistift.
von Bulo
Ich hatte mich hier jüngst ja schon darüber gewundert, wie sich Medienhäuser von Google und deren KI Gemini verhohnepiepeln lassen. Und obwohl Verkofe natürlich essenziell ist: Dass sie sich jetzt selbst verkaufen, und zwar für dumm, ist das denkbar dusseligste Sales-Modell. "Die Rolle von KI als Innovationsbeschleuniger" musste ich gerade erst wieder im Programm einer digitalen Selbsthilfegruppe (unter Branchen-Insidern auch "Medienkongress" genannt) lesen. Und das nicht als kritische Frage formuliert, sondern als sei es quasi gesetzt, dass nur die KI es schafft, all diejenigen Probleme zu lösen, die sie selbst erst ins Rollen und Scrollen gebracht hat.
"Innovationen"! … Dieses ohnehin brutalst halbtotgerittene und dann notgeschlachtete trojanische Wortpferd, das als Hülse genauso leer ist wie die Frontallappen der Erbsenzähler, die mit der einen Hand die Entlassungspapiere von Kreativen unterzeichnen und mit der anderen panisch um Hilfe fürs untergehende Unternehmen fuchteln. Wann begreift ihr endlich: Die KI ist nicht intelligent. Sie ist dumm wie Brot, mindestens aber so dumm wie ihr – wenn ihr nicht seht, dass sie einfach das spiegelt, was ihr von ihr lesen oder hören wollt. Nur wer weiß, was er will, bekommt, wonach er sucht.
Was ihr also braucht, sind Menschen. Macher. Findenwoller. Ideenausbrüter. Muthaber. Inspirierer. Wahnsinnige! Also Menschen, die Inhalte lieben und leben. Nur wer von seinem Schaffen besessen ist und für Geschichten brennt, kann solche inszenieren, die andere begeistern. Andere Menschen! Denn die sollen diese Geschichten ja kaufen, klicken oder abonnieren. Der Mensch erkennt am schnellsten den Menschen. Analysiert ihn. Und im besten Fall vertraut er ihm. Noch – zum Glück – merken Menschen, wenn Maschinen ihnen etwas zum geistigen Fraß vorwerfen. Und da können noch so viele Meldungen über die Dienste poltern wie "Erster Werbespot komplett mit KI erstellt": Meistens sieht es Scheiße aus, klingt Scheiße und ist Scheiße. Verzeihung, das klingt primitiv. Sagen wir lieber "SchAIße".
Und warum? Weil es geistlos und blutleer ist, liebe Innovationsbenötiger! Und was blutleer ist, das lebt meistens nicht mehr oder zumindest nicht mehr lang. Ja, eine AGI (Artificial General Intelligence) könnte schon sehr bald die Gesellschaft massiv verändern und (hoffentlich!) bereichern. Aber die spezialisierten KI-Systeme, mit denen ihr stolz wie auf den ersten alleinigen Klogang irgendwelche Texte oder Bilder generiert, werden euch nicht retten. Denn mit jedem eingesparten Ressortleiter, Redakteur oder Trainee, der nicht mehr an Bord und en Vogue ist, gibt es einen Arbeitslosen mehr, der sein weniger gewordenes Geld dann sicher nicht mehr in ein zweitrangiges Medienprodukt investiert.
Aber fragt doch mal die KI, vielleicht hat sie ja die Lösung für euch. Genau, ihr entwickelt einfach künstliche Zielgruppen, die die künstlichen Produkte von künstlichen Intelligenzen konsumieren. Bezahlt wird natürlich mit künstlicher Kohle. Und ein paar künstliche Tonnen, in denen ihr den ganzen algorithmischen Müll treten könnt, lassen sich bestimmt auch noch schnell hinbasteln. Ich geh so lang in einen analogen bayerischen Biergarten und lasse mich von Echtem inspirieren. Und wünsche auf dem Weg dorthin eine erdende Restwoche mit einem wiedererstarkendem Vertrauen in die Humanität!
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