
Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling beobachtet in seinem Umfeld einen Überdruss gegenüber Insta, Facebook & Co und wagt die Prognose, dass deren Zeit gekommen ist. Das Leben wird wieder analoger, prognostiziert er, und Social Media bald Geschichte sein.
von Bulo
Ich hau jetzt mal die These raus: Wir haben fertig! Nicht mit dem Leben, aber mit dem permanenten virtuellen Schulterklopfen in den unendlichen Weiten des Weltwebs. Die große Social-Media-Sause steuert unaufhaltsam auf jenen peinlichen Moment zu, in dem das Licht angeht, die Musik verstummt und man realisiert, dass man die letzten zehn Jahre in einem Raum voller Fremder verbracht hat, die einem Witze erzählen, die kein Mensch versteht. Okay, das fing ja alles ganz nett an. Facebook war das digitale Wiedersehenstreffen mit der Grundschulklasse, Twitter der Stammtisch der Meinunghaber (oder zumindest derer, die meinten, eine zu haben) und Instagram das virtuelle Tagebuch der Urlaubserinnerungen.
Doch die Partygäste haben sich vermehrt. Exponentiell. Und sie sind unerträglich geworden. Der Algorithmus hat uns in seine Fänge genommen. Er serviert uns nicht mehr das, was wir sehen wollen, sondern das, was uns am längsten wach und klickbereit hält. Und das ist der pure Superquatsch. Social Media ist heute der Ort, an dem sich die Welt in zwei Lager teilt: jene, die Ihnen mit missionarischem Eifer erklären, warum Sie falsch liegen. Und jene, die Ihnen ihre glutenfreien, veganen, aber unbestreitbar traurigen Haferflocken-Bowls als kulinarische Offenbarung anpreisen wollen. Jeder ist Experte, jeder hat eine Meinung, jeder was zu verkaufen. Meist sich selbst. Die Authentizität ist so authentisch wie ein Fünf-Euro-Schein aus dem Farbdrucker.
Doch der Sargnagel für das digitale Miteinander ist gekommen: die Künstliche Intelligenz. Als ob die menschliche Dummheit nicht schon gereicht hätte, perfektionieren wir heute die maschinelle Täuschung. Früher musste man noch selbst zum Fotografen gehen, um ein Porträt zu fälschen. Heute generiert uns die KI in Sekundenschnelle das perfekte Leben, die perfekten Freunde, die perfekte politische Meinung. "Alles Lüge" könnte der Soundtrack zu unserer Selbstverarsche lauten, natürlich ki-ntoniert von Retorten-Rio Reiser. Die Grenze zwischen Realität und synthetischem Schrott ist nicht mehr unscharf, sie ist nicht mehr existent. Sie sehen ein Video von Kriegrich Merz, der eine Polonaise durchs Kanzleramt anführt? Früher hätten Sie nur gelacht. Heute fragen Sie sich: War das jetzt echt oder ein cleverer Deepfake von einem gelangweilten Teenager aus Paderborn?
Wenn wir nicht mehr wissen, wem wir glauben können (dem Bild, dem Ton, dem Text?), bleibt uns nur noch der Rückzug ins Analoge. Die Sehnsucht nach haptischer, unbestechlicher Begegnung wird zur neuen Massenbewegung werden. Die Wende kommt nicht durch politische Regulierung oder ethische Einsicht. Sie kommt durch Ermüdung und Paranoia. Durch die bleierne Schwere der Belanglosigkeit und die Angst vor der perfekten Fälschung. Irgendwann werden wir alle des Inszenierens müde, des Konsumierens und des Misstrauens. Und endlich das Smartphone beiseitelegen. Das neue Statussymbol wird dann die Unerreichbarkeit sein. Die wahre Elite der Zukunft sind nicht die mit den meisten Followern, sondern mit der konsequentesten Funkloch-Strategie. Das analoge Leben wird zum neuen Luxusgut, weil es das einzige ist, dem wir noch trauen können.
Ein Dinner ohne das obligatorische Selfie mit Vorspeise … ein Spaziergang ohne GPS-Tracking für die Fitness-App … ein Gespräch, bei dem man dem Gegenüber in die Augen sieht, statt auf das leuchtende Display. Und man sicher sein kann, dass es sich um einen echten Menschen handelt und nicht um einen gut programmierten Chatbot. Es wird langweilig werden, still und wunderbar. Die digitale Entziehungskur wird zur Schickeria. Und dann haben wir wieder Zeit für die wirklich wichtigen Dinge: Sex, ein gutes Buch, ein anständiger Rotwein und das entspannte Betrachten der Unzulänglichkeiten dieser Welt, ganz ohne Kommentarfunktion und ohne künstlich generierte Filterblasen. Und müssen uns (und die KI) nicht ständig fragen, ob vielleicht sogar die gern gelesene Kolumne nur geschickt gepromptetes Palaver ist. Ich wünsche Ihnen eine Restwoche – nein: ein ganzes Restleben frei von jeder Form der Derealisation und voller erfahrbarer Freuden!
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