Bulo’s Beobachtungen: Was Verleger von Kolumnisten lernen können.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling hält für turi2 jeden Mittwoch Dolles und Doofes aus Mediendorf fest. In unserer Themenwoche KI & Innovation schreibt er über Schreiber und warum kolumnistisches Denken innovativ bis KI-sicher ist.

von Bulo

Nie war es einfacher, eine Kolumne zu verfassen, als in diesen Zeiten: „Hallo, lieber Chatbot, bitte (das „bitte“ ist wichtig, falls die Maschinen mal die Weltherrschaft übernehmen und sich positiv an Sie erinnern sollen!) schreib mir 3000 provokante Zeichen darüber, was Verlage tun können, um bei ausbleibenden Digitalumsätzen ihren Arsch zu retten!“ … kurz zurücklehnen, eine schmöken … patsch, da is das künstlich generierte Ding. Verlockend, oder? Nee, völlig dämlich und die totale Kapitulation! Ich kenne keinen senfdazugebenden Kollegen, der sich derart selbstverstümmelnd die eigene Marke kaputt diktieren ließe.

Denn die KI hat zwei schauderhafte Eigenschaften: Sie klaut. Und sie will gefallen – und sagt Ihnen darum nur, was Sie gern hören würden. Und genau das wollen Kolumnisten nicht. Wir Meinungsbeitragende sind so gesehen die personifizierte Anti-KI, die mit Ecken und Kanten anregen und aufregen, provozieren und prophezeien, loben und lästern, fragen und frotzeln. Und wenn Sie ehrlich sind: Genau das lieben Sie an unseren Geschichten. Oder Sie hassen es. Ja, auch das dürfen Sie. Hass ist nicht verboten und zeigt, dass Sie emotional gepackt und mit Leidenschaft bei der Sache sind. Alles ist wertvoller, als wenn Sie sich kopfkratzend fragten „Wer war das noch gleich …?“

Just jenes ist das scheinbar unlösbare Problem der Publisher: Seit chattende Zerberusse wie GPT, Gemini, Claude oder Le Chat den Zugang zu Verlagsseiten erschweren bis verwehren, werden die Absender der Inhalte quasi bedeutungslos. Und damit weder gesucht noch vorgeschlagen. Intelligente Suchmaschinen wie Perplexity liefern zwar zumindest noch eine faire Quellenangabe, aber wie lang noch? Gebraucht werden ist also keinesfalls eine in Stein gemeißelte Konstante. Was das Ganze mit Kolumnismus zu tun hat? Ganz einfach: die Erkenntnis, dass Gewollt werden ein immer wichtigerer Teil des Benchmarkings sein sollte. Oder besser gesagt des Menschmarkings – ein Neologismus pro Text muss sein.

Es sind (und bleiben hoffentlich noch lang) die Menschen, die mit ihren geistvollen Eigenheiten dafür sorgen, dass sich Leser, Nutzer und Konsumenten bewusst für einen „Produzenten“ entscheiden. Wenn Medienhäuser es schaffen, durch das Erschließen neuer Content-Formate, neuer Erzählweisen oder Darstellungsformen zu begeistern, werden sie vielleicht wieder das, was sie in analogen Zeiten weitaus unverwechselbarer waren: Marken. Und damit: gewollt. Ja, Sie müssen gewollt werden wollen, liebe Medienmacher! Nur so können Sie an den gate-keependen Höllenhunden des Internets vorbeikommunizieren.

Nun wissen Sie so gut wie ich, dass für viele Verlage der Zug dahingehend abgefahren ist. Leider werden vor allem kleine nicht überleben. Besonders ärgerlich dabei ist der Umstand, dass sich gerade dort junge Kreative nicht selten dem überheblichen Wir-wissen-schon-was-zu-tun-ist-Gehabe der Altgedienten aussetzen mussten. Meine Prognose: Die großen werden immer mehr mit den GAFAs ins Bett steigen und sich so im Ranking nach oben schlafen, das es schon wegen der Content-Anzeigen weiter geben wird, auf die Google & Co. vorerst sicher nicht verzichten wollen. Das wird den Markt immer stärker polarisieren und letztlich amerikanische Verhältnisse einleiten, wo schon jetzt ein Kampf der Gesinnungsgiganten tobt.

Ich wünsche Ihnen darum eine Rest(themen)woche mit der Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die Sie nicht ändern können, dem Mut, die Dinge zu ändern, die Sie ändern können und der Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden - um mit dem Theologen Reinhold Niebuhr auch etwas Optimistisches aus den Staaten einzubringen.

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