Wer wird Kanzlonär: “Rhetorische Höchstleistungen” und “launige Moderation” – Reaktionen zum TV-“Quadrell”.


Geht auf keinen Bierdeckel: Zwei Stunden lang haben sich Olaf Scholz, Robert Habeck, Friedrich Merz und Alice Weidel am Abend einen TV-Schlagabtausch bei RTL und ntv geliefert – meist souverän gebändigt von Pinar Atalay und Günther Jauch. Die Moderatoren schaffen es, das früher oft starre Modell des TV-Duells aufzubrechen, indem sie unerwartete Fragen, etwa nach Opposition oder "Dschungelcamp", einstreuen. Merz verliert in dem Moment fast seine Haltung und beschwert sich über die Frage, antwortet dann aber doch. Später streut Jauch noch in "Wer wird Millionär"-Optik eine Multiple-Choice-Frage ein und holt den Bierdeckel hervor, auf dem Merz vor mehr als 20 Jahren seine Idee für eine grund­legende Steuer­reform skizziert hat. Eine Szene, in der Jauch das Museums­stück fallen lässt, geht noch während der Sendung viral.

Der "Spiegel" beurteilt die Debatte als "chaotischer als das Duell am vergangenen Sonntag" und gibt daran auch den Moderatoren die Schuld. Sie hätten zu selten eingegriffen. "Die Debatte mag das beleben. Anders als im Duell von Scholz und Merz am vergangenen Sonntag wird es auch nach einer Stunde nicht langweilig. Aber so richtig folgen kann man der Diskussion teilweise nicht mehr", schreiben Maria Fiedler und Christian Teevs. "DWDL"-Redakteur Alexander Krei ärgert sich über "so manchen journalistischen Elf­meter, den insbesondere Günther Jauch an diesem Abend nicht verwandelte", weil Vorlagen der Kandidaten ohne Nachfrage blieben. Auch das Zusammen­spiel zwischen Jauch und Atalay habe "nicht immer reibungslos" funktioniert, weil sich beide gleich mehrfach ins Wort fielen, kritisiert Krei.

"Handelsblatt"-Politik-Vize­chefin Leila Al-Serori beurteilt das "Experiment Quadrell als gelungen". Die bloße Anwesenheit von Weidel im Studio "dürfte die anderen Kandidaten zu rhetorischen Höchst­leistungen angespornt haben. Selbst der sonst so technische Scholz zeigte über­raschend viele Emotionen." Allerdings sei die Debatte "bei den meisten Themen ober­flächlich und unter­komplex" geblieben. Katharina Riehl zieht in der "Süddeutschen" eine ähnliche Bilanz: Sie sieht "weniger Tiefe", was womöglich an der größeren Runde, aber auch an der "etwas launigeren Moderation" gelegen haben könnte.

"Bild"-Politik­chef Jan Schäfer sieht – wie schon vor einer Woche – Merz als Sieger der Runde: "Scholz und Habeck haben das Rennen aufgegeben", kommentiert er. Auch beim Publikum punktet Merz: 32 % der Befragten einer Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und ntv finden, dass Merz sich am besten geschlagen hat. Scholz liegt mit 25 % deutlich dahinter, jeweils 18 % sehen Habeck und Weidel vorne. Als "größten Verlierer des Abends" sieht stern.de "das Klima". Lediglich Habeck habe das Thema "an zwei Stellen fast schon heimlich in die Debatte einge­schlenzt – aber sonst herrschte Schweigen im sterbenden Walde". Das Thema interessiere gerade nicht: "Kurz­fristig ist das vor allem ein Problem für Habeck und die Grünen. Lang­fristig für uns alle", so das Fazit.
n-tv.de (Bierdeckel, 90-Sek), spiegel.de (€), dwdl.de (Krei)
handelsblatt.com (€, Al-Serori), sueddeutsche.de (Riehl),
bild.de (Schäfer), presseportal.de (Forsa-Umfrage), stern.de (Klima)

(Foto: RTL / Joerg Carstensen)