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Berufe mit Zukunft: I wie Influencer – Riccardo Simonetti.

13. Juni 2019

Alltag wird Content: Riccardo Simonetti zählt mehr als 200.000 Follower bei Instagram und ist damit einer der ganz großen in Deutschland. Anne-Nikolin Hagemann beschreibt Simonetti in unserer Berufe-Reihe als Influencer mit Sendungsbewusstsein über Product-Placement und Werbe-Deals hinaus: “gegen Homophobie und Rassismus, für Selbstliebe und Selbstfindung” – verpackt in eine abwechslungsreiche Show. (Foto: Nico Stank)

Das Porträt über Influencer Riccardo Simonetti finden Sie auch in unserem kostenlosen E-Paper zur “turi2 edition #8” ab Seite 164.

Es gibt wenige Menschen, die einem immer wieder erzählen können, wie sehr sie sich selbst lieben – und die man nicht dafür hasst, sondern bewundert. Riccardo Simonetti ist so einer. Sein Profilbild bei Instagram erinnert an Jesus: schimmernde Wellen im langen Haar, göttlicher Glow ums Haupt und auf den Wangenknochen, segnende Geste. Hier kann man ihm dabei zusehen, wie er sich selbst Blumen schickt und sich durch seine Krönchen-Sammlung probiert. Und irgendwie gönnt man ihm das aus vollstem Herzen.

Simonetti, der mit mehr als 200.000 Instagram-Followern als einer der deutschen Top-Influencer gilt, ist nicht so recht glücklich mit seiner Berufsbezeichnung. “Ich habe das Gefühl, man packt damit alle in eine Schublade, die irgendetwas im Internet machen”, sagt er. “Und übersieht dabei, welche Botschaft jeweils dahintersteckt.” Er selbst wollte immer ein Star sein, “jemand, der anderen mit seinem Funkeln den Weg weist in dunklen Zeiten.”

Davon träumt er schon, bevor es das Wort Influencer überhaupt gibt. Als Junge mit Begeisterung für Pailletten und Popkultur hat er es nicht leicht beim Aufwachsen in der bayerischen Kleinstadt Bad Reichenhall. Simonettis Ausweg: das Theater. “Auf der Bühne fanden es die Leute toll, wie ich bin. Nur im echten Leben hatten sie damit ein Problem.” Da wurde er beschimpft, bespuckt und einmal sogar angezündet. “Ich wollte einen Platz finden in der Gesellschaft, wo ich für die Eigenschaften geschätzt werde, für die mich Leute verurteilen.” Die Medienbühne ist dieser Platz für ihn.

Also moderiert Simonetti im Radio, macht Praktika beim Fernsehen und der Lokalzeitung, schauspielert, modelt. Und beginnt zu bloggen. “Social Media habe ich als zusätzliches Werkzeug benutzt”, sagt er heute, “das war für mich die einzige Möglichkeit, mich öffentlich zu Themen zu äußern, die mich beschäftigen, ohne dafür auf das Einverständnis anderer angewiesen zu sein. Ich hätte nie gedacht, dass es einmal das sein wird, weswegen die Menschen mich kennen.”

Ohne Social Media, glaubt Simonetti, kann man heute kaum noch ein Star sein – aber nur damit eben auch nicht. “Viele Follower zu haben, bedeutet erstmal nur, dass die Leute dich als gefiltertes Profil gut finden. Nicht unbedingt als Person. Um die Menschen wirklich zu erreichen, brauchst du auch die anderen Medien.” Heute moderiert er im Fernsehen, synchronisiert Kinofilme und hat eine Biografie geschrieben, die sich gut verkauft. Sie heißt: “Mein Recht zu funkeln.”

Influencer sind für Simonetti “das, was der Heine-Katalog früher war.” Man schaut sich von ihnen ab, wie man leben, was man haben, wie man reisen kann. “Natürlich haben die meisten Menschen weder die Zeit noch das Geld, das alles direkt nachzumachen. Also lassen sie sich inspirieren”, sagt er, “meine Eltern haben früher auch im Heine-Katalog geblättert und nur ganz selten etwas bestellt.” Dass Unternehmen Influencer dafür bezahlen, ihre Produkte zu präsentieren, ist für ihn ebenfalls nur ein altes Prinzip in einer neuen Zeit: “Schon immer waren Prominente auch Marken-Testimonials. Früher haben das Paparazzi dokumentiert und öffentlich gemacht, heute läuft es über Social Media.”

Die Selbstinszenierung, die Krönchen, die Blumen: All das ist für Simonetti nach wie vor ein Weg, sich zu den Themen zu äußern, die ihn beschäftigen. “Gegen Homophobie und Rassismus, für Selbstliebe und Selbstfindung: Wenn ich es mir aussuchen kann, ist es das, womit ich Einfluss haben will.” Um den zu erzielen, braucht es ein abwechslungsreiches Programm, wie in einer guten Show: “Wenn ich nur über ernste Themen spreche, unterhält das niemanden. Wenn ich nur lustige Videos und Konsumanregungen poste, fehlt der Inhalt.“ Die gesponserten Posts sind dabei das, was im Fernsehen die Werbepause ist.

Simonetti sieht sich selbst als Entertainer, der jeden Tag 24 Stunden gratis Unterhaltung aus seinem Leben liefert. “Ich mache so etwas wie Reality-TV. Nur im Internet.” Er filmt und fotografiert sich selbst beim Friseur, beim Einkaufen, beim Tanzen vor dem Spiegel. Geschminkt und gestylt auf dem roten Teppich und zu Hause auf dem Sofa. Wenn die Handykamera angeht, steht er auf der Bühne. Ob er krank ist, müde, hungrig, schlecht gelaunt, soll das Publikum nicht merken. “Ich will die Menschen von ihren Problemen ablenken und sie nicht mit meinen belasten.” Auf RTL, sagt er, stehe ja auch nicht Frauke Ludowig mit Schnupfennase und erzähle, wie schlecht es ihr geht.

Seine Tage müssen unterhaltsamer Content werden, egal wie sie aussehen. Manchmal entscheiden andere für ihn, wann die Show beginnt: Der Postbote, der um ein Foto für seine Tochter bittet, wenn ihm Simonetti morgens im Schlafanzug die Tür öffnet. Der Restaurant-Besitzer, der für ein Selfie mit Verlinkung das Essen mit Freunden spendieren will. Fremde auf der Straße, die ihm Produkte in die Hand drücken und sagen: Mach da mal Werbung für. “Wenn du online ständig abrufbar bist, haben viele das Gefühl, du gehörst ihnen”, sagt Simonetti.

Als Simonetti anfing zu bloggen, war das Internet ein freundlicherer Ort, sagt er. Heute sind dort längst auch die unterwegs, die ihn und sein Funkeln früher bespuckt hätten. “Hass hat sich früher eher hinter einem anonymen Katzenprofil versteckt. Heute kommt er mit Klarnamen, ohne Unrechtsbewusstsein.“ Im vergangenen Sommer hat er Morddrohungen erhalten, brauchte Personenschutz und durfte nur zeitversetzt posten, wo er sich aufhält.

Stärker trifft es ihn aber, wenn er aus Richtungen angefeindet wird, aus denen er nicht damit rechnet: Als er über Silvester mit seiner Mutter Urlaub in Abu Dhabi machte, privat und unbezahlt, brach eine Welle der Entrüstung aus der LGBTQ-Szene über ihn herein. “Egal, was du im Internet sagst oder tust: Es wird immer jemanden geben, der dich dafür verurteilt.”

Wer schnell berühmt sein und viel Geld verdienen will, hält sich deshalb zurück mit allem, was unter die Oberfläche geht. Das bringt viele Follower und wenig Gegenwind. Und ein Meer von austauschbaren, perfekt inszenierten Profilen, die eher einschüchtern als inspirieren. Simonetti kennt ganz normale Menschen, die andere Leute dafür bezahlen, ein Fake-Leben für sie zu führen und es online zu stellen. Sie an Orten zu verlinken, an denen sie nie waren, Bilder von Ausstellungen zu posten, die sie nie besucht haben. “Weil sie das Gefühl haben, dass ihr Leben nur etwas wert ist, wenn es online Applaus bekommt.” Das nennt er “die toxischen Nebenwirkungen von Social Media”.

Langfristig, glaubt Riccardo Simonetti, wird es nicht die Zahl der Follower sein, an der sich Erfolg von Influencern bemisst – und wonach Firmen entscheiden, in wen sie investieren. Sondern die Tiefe unter der Oberfläche. “Wenn du etwas anders machst als der Rest, kommt der Erfolg langsamer”, sagt er, “das war in der Gesellschaft schon immer Gesetz. Aber wenn er da ist, ist er wertvoller.”

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