Blattkritik: Jan Oberländer, verantwortlicher Redakteur “Tagesspiegel Berliner”, über die “Emder Zeitung”.

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Jan Oberländer verantwortet beim “Tagesspiegel” das Magazin Berliner, das am Samstag in einer Woche erstmals erscheint. Für turi2 blättert er durch die Emder Zeitung, ein Lokalblatt, das – trotz aller Klischees – “sorgsam auf die Zielgruppe” abgestimmt ist. So richtig hängen bleibt der Hauptstadt-Journalist aber an einer Kolumne auf Seite 1, in der die Postfrau zweimal unerwartet klingelt.

Die “Emder Zeitung” vom Freitag, dem 18. November 2016, berichtet über die ostfriesische Kaninchenzucht-Meisterschaft. Sie druckt das Foto einer Spendenübergabe, auf dem sechs Sakkoträger einen quadratmetergroßen Scheck präsentieren. Lokalsporttermine füllen eine komplette Seite: Boßeln, Frauen II, 1. Kreisklasse B, Nesse gegen Siegelsum. Wunderschöne Klischees. Stehen alle drin in der EZ.

Steht aber auch noch was anderes drin.
“Moin!” ruft die “Tageszeitung für Ostfriesland, Emden, Hinte, Ihlow und Krummhörn” ihren Lesern im Logo entgegen. Aufmacher ist der “Zukunftspakt” für das VW-Werk in Emden, ein viertes Modell wird gebaut, Top-News, da hängen Existenzen dran. Darunter die Seitenoptik: düsteres Gegenlicht-Foto, Gruseltyp setzt Hammer und Schraubenzieher an. “Polizei jagt die Fensterstecher” – super Zeile für ein Einbrecherthema. Temporeich, emotional, nah dran am Leser. Winzig darunter: Obama-Abschied, Bus-Streit, Geflügelschau.

Verkaufte Auflage der “EZ”: 9.243 Exemplare, langsam sinkend. 72 % Marktanteil. Keine Mantelredaktion, hier wird alles vor Ort gemacht. Ein Chefredakteur, zwei Chefs vom Dienst, ein Onliner, sechs Lokalredakteure, zwei für Nachrichten, vier Volontäre. Und eine fünfköpfige Truppe in Aurich. Zusammen füllen sie 28 Seiten am Tag.

Thea ist geboren, eine Galeristin aus Leer wurde ermordet, die African Highway läuft in den Emder Hafen ein: Wie schnell sich beim Lesen ein Eindruck vom Leben in dieser Gegend herausbildet! Viele kleine Puzzleteile – auch gestalterisch. Die Seiten sind vollgestopft mit Meldungen und Kästlein, hier noch ein Sudoku, da noch sechs Zeilchen Verkehrsunfall. Anstrengend zu lesen, sicher auch anstrengend zu machen.

Für journalistische Großtaten bleibt wenig Raum. Die Texte sind handwerklich okay, vermutlich bleibt aber im hektischen Arbeitsalltag wenig Zeit, Zeilen zu machen – Überschriften und Einblocker bleiben mitunter kryptisch, manche schrecken sogar ab. Das ist schade, denn die Informationen in den Texten sind offensichtlich sorgsam auf die Zielgruppe hin ausgesucht.

Sage keiner, dass das Blatt nicht auch Bundesliga kann: Lokalredakteur Jens Voitel wurde 2006 mit einer Langzeitreportage aus dem Emder Amtsgericht mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Ex-“EZ”-Volontär Paul Ronzheimer ist heute Reporter bei der “Bild”.

Alles in allem erweckt diese Zeitung aber gar nicht den Eindruck, als gehe es ihr in erster Linie um Scoops und Lesegold. Ihre ehrenwerte Aufgabe ist vielmehr die Grundversorgung der Menschen vor Ort. Die erfüllt sie wacker, auch über die Website, einen Twitter-Feed und eine ordentliche Facebook-Präsenz, die auf die aufbereiteten Printtexte verlinkt. Die Redakteure schreiben ihre Bürodurchwahl unter die Autorenzeile.

Wer wollte da mäkeln? Man stutzt zunächst, wenn man als Journalist in Berlin sitzt und in der “Emder Zeitung” liest, dass der Lidl in Borssum nach wochenlangem Umbau am 24. November wieder öffnet. Aber es sind genau diese Meldungen, die eine gute Regionalzeitung ausmachen. Die überregionalen Themen hält man kurz, weil man weiß, dass die Leute ihr Abo nicht wegen Obama oder des Volksbühnen-Streits haben. Aber das VW-Werk vor Ort, die klammen Schulen und der neue Lidl – das wollen, das müssen Leser wissen, das macht einen Unterschied in ihrem Alltag. Da kann man eigentlich nur “Weiter so!” rufen.

Vorher doch noch kurz mäkeln. Mit “Aus aller Welt” (Sex&Crime, diesmal Schwerpunkt Sex-Crime) und “Letzte Seite” (Lottoquoten, “Wurzel”-Comic) hat die “EZ” zwei sehr ähnliche Abwurfstellen für Buntes, Verteilsystem unklar. Sollte man pointieren. Schaden würde es auch nichts, Agenturstücke als solche zu kennzeichnen, anstatt einfach nichts drunter zu schreiben. Ein bisschen gaga sind Bildcredits wie: “EZ-Foto: dpa”.

Und dann das Schlimmste. Die Kolumne “Im Eck” links unten auf der Seite 1. Leicht gekürzte Wiedergabe: “Die Familie ist aus dem Haus. Gute Gelegenheit, im Gesicht mal gründlich aufzuräumen. Rasierseife, Rasierer. Schrapp, schrapp, schrapp. Da scheppert die Haustürklingel. Blau und Gelb trägt nur eine – die Frau von der Post. Notfallbademantel, Schaum aus den Ohren, Tür auf.” So weit, so munter. Leser grinst. Postbotin auch. “Sie überreicht einen dicken Brief aus der Ukraine. Ein Gimmick für den Ältesten. Von wegen wichtig…” Ende.
Ein dicker Brief? Mit Gimmick? Aus der Ukraine? Stimmt, total unwichtig.

Ist es nicht! Es ist nervenzerfetzend! Lieber namenloser Autor der Eck-Kolumne, packen Sie aus: Was war in dem Umschlag?

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Die Blattkritik erscheint sonntags bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

Beim letzten Mal hat Stefan Bergmann, Chefredakteur der Emder Zeitung, über die Elbe-Jeetzel-Zeitung geschrieben.

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Ein Gedanke zu „Blattkritik: Jan Oberländer, verantwortlicher Redakteur “Tagesspiegel Berliner”, über die “Emder Zeitung”.

  1. Gerda Schabinski

    Auch wir wollen nach Jahr und Tag wissen, was in dem Umschlag steckte – raus damit!

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