turi2 edition #9: Dazn-Chef Thomas de Buhr und der Wandel der TV-Landschaft.


Tom, der Baumeister: Für Dazn-Deutschlandchef Thomas de Buhr haben Katzenfutter, die Kirche und der Wandel der TV-Landschaft einiges gemeinsam – für die turi2 edition #9 spricht er mit Jens Twiehaus darüber, warum im Markt niemand auf Dazn gewartet hat, wie er den Dienst dennoch zum Erfolg führt und warum Streaming seiner Meinung nach die Zukunft ist. (Foto: Patrick Runte)

Seine Karriere beginnt mit Katzenfutter. Es ist Mitte der 90er Jahre, Öffentlich-Rechtliche und Private wetteifern um die Gunst der Fußballfans. Thomas de Buhr hat gerade sein BWL-Studium beendet und seine erste Stelle angetreten. Beim Mars-Konzern ist er nicht zuständig für Schokoriegel, sondern für Tiernahrung. Teil des Jobs: Supermärkte in der Provinz abklappern und sicherstellen, dass Pedigree und Whiskas in den Regalen gut zur Geltung kommen. Einen Satz seines damaligen Chefs hat de Buhr bis heute im Ohr: “Wenn dein Kunde Nein sagt, fängt dein Job an.” Niemand hat auf den Katzenfutter-Vertreter gewartet, also muss er hartnäckig sein, dranbleiben, ein bisschen nerven.

Über die Tiernahrung kommt Thomas de Buhr zur TV-Werbung, arbeitet für RTL und ProSiebenSat.1, wechselt zu Google, um YouTube zu vermarkten, 2014 weiter zu Twitter. Und 2018 schließlich als Deutschlandchef zum Sport-Streaming-Dienst Dazn. Dort ist es nicht anders als mit dem Katzenfutter: Niemand in der satten Sport-Welt hat auf Dazn gewartet.

Dazn positioniert sich als Netflix des Livesports – und investiert dank tiefer Taschen in Wachstum: Dahinter steht der Milliardär Leonard Blavatnik, der sein Vermögen mit Industrie-Investments gemacht und vor einigen Jahren die Entertainment-Industrie entdeckt hat.

Für zwölf Euro im Monat können Dazn-Abonnenten internationalen Fußball und einen Teil der Bundesliga schauen, Tennis, Boxen, Basketball und Olympische Spiele. Sky-Nutzer kennen das Prinzip. Der Unterschied: Dazn ist günstiger und verschickt keine TV-Boxen, sondern streamt direkt auf Smartphone, Smart-TV oder Computer. Die Abo-Zahlen sollen in Deutschland siebenstellig sein, aber stark schwanken, je nach Ereignislage in der Sportwelt.

“Wir geben dem Fan jeden Monat einen Grund, bei uns zu bleiben”, sagt de Buhr, “denn er kann ja jeden Monat kündigen.” Als Executive Vice President ist er verantwortlich für Markenbildung, Marketing und Medienpartnerschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Spricht mit Elektronik-Herstellern, Moderatoren und Sportfunktionären. Und ist Chef von rund 200 Mitarbeitern, vom Redakteur bis zum Techniker.

De Buhrs Mission: anpacken und expandieren. Das passt zum gebürtigen Ostfriesen, der als jüngstes von sieben Kindern in einem Dorf aufwuchs. “Der Bauer” bedeutet sein Name im Hochdeutschen. “Dieser Drang, etwas aufzubauen, ist immer in mir gewesen.” Früher hat er auf Dachböden nach Modellbahn-Zubehör gestöbert und neue Strecken gebaut. Und heute eben einen Streamingdienst, der sich “größter Livesport-Broadcaster im deutschsprachigen Raum” nennt – ein Affront für Platzhirsch Sky.

De Buhr glaubt fest an die Zukunft des Streamings. Und lebt sie selbst längst konsequent: Musik hört er unterwegs über Deezer, Bücher über Audible oder Sachbuch-Zusammenfassungen bei Blinkist, abends im Hotel schaut er Netflix. Dass immer mehr Menschen diesem Prinzip folgen, ist für ihn nur eine Frage der Zeit: “Das lineare Fernsehen ist wie die katholische Kirche: Es ist stark, aber jeden Monat treten ein paar aus.”

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