turi2 edition #9: Fairfickt – Pornos ohne Schmuddel.


Sex sehen: Pornos schauen geht auch ohne schlechtes Gewissen. Das beweist Feuerzeug, ein Studenten-Startup aus Freiburg. Anne-Nikolin Hagemann spricht für die turi2 edition #9 mit den Produzenten Leon Schmalstieg und Kira Kurz über transparente Porno-Produktion, wie sie sich cineastisch von Amateurproduktionen abheben wollen und wie sie die Kosten für den Film gedeckt haben.

Porno ist das Fast Food unter den Bewegtbild-Angeboten. Billig, befriedigend, beliebt. Und nach dem Konsum kommt das schlechte Gewissen. Die Freiburger Studenten Leon Schmalstieg und Kira Kurz wollen das ändern. Sie produzieren Pornos, über die man auf der Premierenfeier beim Gläschen Sekt diskutieren kann. Wohlfühlfutter statt Fast-Food-Fraß.
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Ein Auto hält am Straßenrand, eine Person steigt ein. Klassischer Start für einen Mainstream-Porno. Die Handlung ist vorhersehbar: Der Fahrer und die junge Anhalterin haben nach einem kurzen, belanglosen Dialog Sex. Die Frau dient als Objekt mit verschiedenen Körperöffnungen in HD, aber ohne Charakter.

“Retour”, der erste Film des Porno-Startups Feuerzeug, ist anders. In dem knapp halbstündigen Video sitzt eine Frau am Steuer, der Anhalter ist ein Mann. Sie erzählen einander aus ihren Leben, dazu singt eine Frauenstimme zu Gitarrenmusik. Das Wort Sex fällt nach sechseinhalb Minuten das erste Mal, die Frau sagt es. Ab Minute acht wird geknutscht, ab Minute zwölf sind beide nackt, in Minute 13 wird das Kondom ausgerollt. Nun herrscht kein Zweifel mehr, dass auch hier der Sex im Vordergrund steht – in verschiedenen Stellungen, Detailaufnahmen, schnell, intensiv. Aber am Schluss sind beide glücklich.

Die beiden Gründer haben nicht nur das altbekannte Anhalter-Motiv in ihrem Porno “bewusst umgedreht”. Sie wollen auch bei der Produktion alles anders machen, was sie in Mainstream-Sexfilmen falsch finden. “Wir können uns mit vielem, was wir da sehen, nicht identifizieren”, sagt Schmalstieg. Das sind oft: fehlende Kommunikation oder Zustimmung zu allem, was passiert, sprachlose Frauen, dominante Männer. Keine Verhütung, kaum Sexualität abseits der Norm. “Auch, was die Produktion angeht, ist zu viel intransparent”, ergänzt Kurz. Die Produktionsbedingungen, die Bezahlung der Darsteller, die Finanzierung – all das bleibt im Dunkeln. Und je größer das Porno-Angebot im Netz, desto billiger und schneller wird nachproduziert. “Dass das für alle Beteiligten schlecht ist, liegt auf der Hand”, sagt Leon Schmalstieg.


Holen Leute zum Sex vor die Kamera: Kira Kurz und Leon Schmalstieg

Je mehr sie über das Thema sprechen, desto sicherer sind die beiden Studenten: Sie wollen einen eigenen Porno drehen, unter fairen Bedingungen, öffentlich begleitet. Und ohne Erfahrung mit Film. Ein kleines Team von 14 Leuten für den Dreh findet sich über Kontakte, zwei Darsteller über Instagram. Kurz und Schmalstieg besuchen Festivals für alternative Pornografie, sprechen mit Produzenten feministischer Pornos und einer Darstellerin aus dem Mainstream-Bereich.

Einen Crashkurs im Gründen machen sie bei einem Startup-Förderprogramm. Nur die Finanzierung wird schwierig. Bei Wettbewerben um Gründerzuschüsse wird man mit Porno gar nicht erst zugelassen, für Crowdfunding fehlt die Zeit. Also finanzieren sie alles aus eigener Tasche, alle arbeiten ehrenamtlich, die Darsteller bekommen eine Beteiligung am Gewinn.

Porno zählt zu den meistkonsumierten Medieninhalten weltweit. Und gleichzeitig zu denen, über die kaum jemand spricht. “Das löst einen unglaublichen Druck aus”, erklärt Leon Schmalstieg. “Und lässt die Zuschauer mit ihren Fragen alleine.” Kira Kurz ergänzt: “Wir wollen Pornos produzieren, bei denen man am Ende kein schlechtes Gewissen hat. Denn wer sich für etwas schämt, diskutiert ungern darüber.”

Eine Woche Drehzeit planen sie ein, Konzept und Storyboard entstehen im Team, die Darsteller entscheiden mit. Am Set ist während der gesamten Zeit eine Sorgenbeauftragte als Ansprechpartnerin, falls sich jemand unwohl fühlt. Sie bekommt nichts zu tun. Die expliziten Szenen filmen sie am letzten Drehtag, nur Kamerateam, Regisseurin und Darsteller sind im Raum. Niemand unterbricht oder gibt Anweisungen, einzige Bedingung: Safer Sex und gegenseitiges Einverständnis müssen zu sehen sein. “Die Performer konnten uns zeigen, was sie wollten”, sagt Leon Schmalstieg. “So haben wir Bilder erreicht, die sehr nah an der gelebten Sexualität dran sind.” Szenen im weichen Licht, in einer Altbauwohnung mit knarzenden Dielen und Baumwollbettwäsche, nicht nur Geschlechtsteile in Großaufnahme, sondern auch verzückte Gesichter. “Wir haben den Anspruch, uns von Amateurproduktionen abzuheben”, sagt Kira Kurz. “Realistische Szenen, cineastisch aufbereitet.”

Der Trailer für “Retour” sieht aus wie das Musikvideo einer Indie-Band: Gegenlicht, Landschaftsaufnahmen, Schnitte im Rhythmus der Musik, von denen einige wie zufällig auch zwei Körper beim Sex zeigen. Der Slogan von Feuerzeug ist: fair, feminist, freiburg-based. Das Startup passt damit gut zwischen nachhaltigen Konsum, MeToo-Debatte und regionalen Gemüseanbau. “Klar, aus ökonomischer Sicht sind wir zur richtigen Zeit gekommen”, sagt Kurz.

Trotzdem: Ums Geld geht es den beiden nicht. Den Film auf der alternativen Porno-Plattform Arthouse Vienna anzusehen, kostet zwar knapp fünf Euro – aber nur, damit er nicht kosten- und damit gedankenlos konsumiert wird. “Immerhin haben da Leute für mich Sex vor der Kamera, das sollte ich als Zuschauer wertschätzen”, sagt Kira Kurz. Zusätzlich läuft der Porno auch bei öffentlichen Filmabenden mit Anschluss-Party.

Die Kosten für den ersten Film sind inzwischen mehr als gedeckt. Gerade drehen die beiden Studenten den zweiten. Und planen eine Tour mit Porno und anschließender Plauderstunde durch deutsche Städte. Nach dem Studium hauptberuflich Filme wie diese zu produzieren, können sich beide vorstellen.

Was ihre Eltern dazu sagen? Kira Kurz lacht: “Ganz am Anfang haben wir Feuerzeug-T-Shirts gedruckt. Unsere Eltern haben direkt welche gekauft.” Leon Schmalstieg ergänzt: “Die werden auch bei Familienfeiern getragen. Da finden dann gleich Gespräche über Pornos zwischen verschiedenen Generationen statt. Das ist super.”

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