Berufe mit Zukunft: U wie Unternehmenssprecherin – Gabriele Hässig.


Die Zuhörerin: Gabriele Hässig spricht als Unternehmenssprecherin für Procter & Gamble – aber eigentlich hört sie lieber zu, sagt sie im Porträt von Peter Turi für die turi2 edition #8. Sie erklärt, dass das Kommunikationsgeschäft härter geworden ist und sie und ihr Team mit einem Ohr “always on” sind.

Das Porträt über Unternehmenssprecherin Gabriele Hässig finden Sie auch in unserem frei zugänglichen E-Paper zur “turi2 edition #8” auf den Seiten 182 – 183.

Wer Gabriele Hässig im hessischen Schwalbach am Taunus besucht, ist erstmal angenehm überrascht: kein byzantinisches Gepränge, kein Konzern-Gehabe, dafür eine sympathische, unaufgeregte Frau, die mit ruhiger Stimme und wachen Augen von ihrem Beruf erzählt. Dabei spricht Hässig bei Procter & Gamble immerhin für das Unternehmen mit den höchsten Werbeausgaben in Deutschland. Niemand steckt mehr Geld in Deutschlands Medien als Gabriele Hässigs Kolleginnen und Kollegen.

Auf der Visitenkarte von Hässig steht übrigens nicht “Unternehmenssprecherin”, sondern “Geschäftsführerin Kommunikation & Nachhaltigkeit”. Nachhaltig ist ihre Karriere bei P&G tatsächlich: Aufgewachsen im südbadischen Dreiländereck um Waldshut, studiert sie in Pforzheim und Lille Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt International Business. Ihre Diplomarbeit schreibt sie auf Französisch, eine Marktstudie zu schwer entflammbaren Stoffen. Im Oktober 1990 kommt Hässig zu Procter & Gamble. Als Junior Product Manager ist sie mitverantwortlich für die Europa-Markteinführung der Hygiene-Marke Always. Später führt sie Marken wie Lenor und Ellen Betrix, baut den E-Commerce mit auf. 2006 wird sie “Leiterin Influencer-Marketing” – was damals bedeutet, dass sie sich um analoge Meinungsbildner wie Journalisten, Ärzte, Promis und Friseure kümmert. Erst später kommen Blogger und Instagramer dazu. 2012 wird Hässig Unternehmenssprecherin.

Klimawandel ist ihr großes Thema – im doppelten Sinne: Auf der einen Seite muss und will Procter & Gamble noch nachhaltiger produzieren. Waschmittel zu erfinden, die auch mit kaltem Wasser sauber machen, spare zum Beispiel sehr viel Energie. Auf der anderen Seite hat sich das gesellschaftliche Klima gewandelt – in eine positive Richtung, wie Gabriele Hässig findet: “Geschlechtergleichstellung und Chancengleichheit” sind ihr Herzensangelegenheiten. Hier will Hässig “Teil des Wandels sein, der nötig ist”. Sie verabscheut “Stereotype und unbedachte Verhaltensweisen im Alltag, die junge Frauen daran hindern, ihr Potenzial auszuschöpfen”. 45 Prozent der Führungskräfte bei Procter & Gamble weltweit sind heute Frauen.

Zur Presse sprechen ist übrigens der kleinste Teil von Hässigs Job. “Meine wichtigste Aufgabe ist nicht das Sprechen, sondern das Zuhören”, sagt sie. Der Job ist komplexer geworden, schneller, härter, digitaler, dialogischer. Lange vorbei die Zeiten, als am Wochenende ein Anrufbeantworter in der Pressestelle darum bat, am Montag ab neun Uhr anzurufen. Hässig und das Dutzend PR-Mitarbeiter sind zumindest mit einem Ohr “always on”. Da liegt es auch in der Verantwortung der Chefin, zu schauen, “dass wir alle mal eine Pause kriegen”.

Was muss eine gute Unternehmenssprecherin können? Hässig überlegt kurz: “Ich muss Menschen mögen. Ich muss zuhören, verstehen und ermöglichen. Neue Fragen aufwerfen und zügig beantworten. Und neue Antworten auf scheinbar alte Fragen finden.” Erfolg ist für Gabriele Hässig immer auch Geschäftserfolg. Erst der Unternehmensgewinn gebe Procter & Gamble die Möglichkeit, Gutes zu bewirken. “Ich muss mich deshalb wie jeder Mitarbeiter immer fragen: Was trage ich zum Erfolg des Unternehmens bei?” Ein Tag im Büro war für Hässig ein guter Tag, wenn sie am Ende des Tages sagen kann: “Ich habe nicht nur ein Projekt weitergebracht, sondern auch eine Tür aufgemacht, eine neue Verbindung hergestellt oder einen Mitarbeiter vorangebracht.”

Die veröffentlichte Medienresonanz ist für Hässigs Erfolg nur ein Teilaspekt. “Ich bin definitiv nicht dafür da, Journalisten glücklich zu machen”, sagt sie. Für das Verhältnis zu Journalisten sei vor allem wichtig, “dass es professionell und respektvoll ist – und zwar auf beiden Seiten”. Ihre “Ansprechgruppe”, sagt Hässig, sei immer auch “Herr und Frau Verbraucher”. Und die erreicht sie heutzutage auch über Social Media.

Das ist Chance und Risiko zugleich. Hässig erlebt es Anfang 2019, als ein Shitstorm über Procter & Gamble hereinbricht. Gillette, die weltweite Nummer 1 für Nassrasierer, kritisiert in Videospots männlichen Sexismus und ruft eine “neue Ära der Männlichkeit” aus. Vor allem in den USA fühlen Männer sich auf den Schlips getreten und protestieren, einige drohen sogar mit Boykott. Gillette bleibt standhaft, antwortet auf fast jeden kritischen Post. Die gute Sache – ein besseres Miteinander der Geschlechter – bekommt reichlich Aufmerksamkeit, auch die Marke Gillette ist neu im Gespräch.

Sinn und Erfüllung findet Gabriele Hässig nicht zuletzt darin, die Werte und Traditionen eines Unternehmens zu leben, das über 180 Jahre alt ist und sich auf die Fahnen geschrieben hat, den “Alltag der Menschen ein kleines bisschen besser zu machen”. Junge Kolleginnen zu fördern ist ihr ebenfalls wichtig. Privat engagiert sie sich bei “Chancen e.V.” als “Karrierelotse für jugendliche Geflüchtete”. Dass Pampers es zusammen mit Unicef geschafft hat, durch ein Impfprogramm Neugeborenen-Tetanus fast auszurotten, macht die Mutter zweier fast erwachsener Jungs stolz. Den Nachwuchs, auch den eigenen, will Hässig “bloß nicht in Watte packen”. Sie rät der jungen Generation: “Häng dich voll rein. Es schadet nicht, in jungen Jahren beruflich Vollgas zu geben und früh Verantwortung zu übernehmen.”

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