turi2 edition #9: Tele-Seller Sascha Heyna und die Geisterstunde im TV.

Good Vibes zur Geisterstunde: Sascha Heyna verkauft Bratpfannen im TV, singt Schlager und betreibt einen Pflegedienst. Sein Publikum ist weder jung noch stylish – für die turi2 edition #9 erzählt er Björn Czieslik von seinen drei Standbeinen und warum seine Empathie für alte Menschen und der Spaß an Unterhaltung sie alle vereint.

Primetime ist bei QVC nicht 20:15 Uhr, sondern Mitternacht. Zur Geisterstunde präsentiert der Teleshopping-Sender ein neues Tagesangebot. Oft ist dann Sascha Heyna auf Sendung, Jahrgang 1975, graues Haar, Schwiegermutter-Liebling-Lächeln. Er präsentiert: Bratpfannen und Bettwäsche, Klamotten und Kosmetik, Weine und Waschmaschinen. Oft ist er vor Begeisterung kaum zu bremsen – sagt aber auch, wenn er mit Produkten nichts anfangen kann. Stammzuschauer wissen, dass er nicht kochen kann. Eine Sendung mit Küchenprodukten moderiert er trotzdem.

Teleshopping ist für Heyna “Feel-Good-Fernsehen”, bei dem nichts Aufregendes passiert. Berieselung mit der Möglichkeit, einzukaufen. Er selbst sieht sich nicht als Marktschreier, sondern als Unterhalter: “Wenn ich die Leute nicht unterhalte, gucken sie nicht zu, sehen nicht, was ich anbiete, und kaufen nichts.”

Was woanders die Einschaltquote ist, sind im Teleshopping Bestell- und Umsatzzahlen. “Bei 20.000 Bestellungen haben mindestens 20.000 Leute die Sendung gesehen”, sagt Heyna. 2018 verschickt QVC Deutschland 16 Millionen Pakete, setzt 943 Millionen Dollar um. Satte 96 Prozent des Umsatzes kommen von Stammkunden.

Heyna kennt sein Publikum: weiblich, konservativ, über 40. “Wir sind nicht die ‘Vogue’, wir sind das ‘Goldene Blatt'”, sagt Heyna. “Wären wir jung und stylisch, wäre ich längst raus aus dem Geschäft. Ich bin genauso konservativ wie unsere Zuschauer.”

Sascha Heyna ist gelernter Journalist. Er hat zwei Volontariate absolviert, eins beim Radio, eins beim TV, hat aus Paris für deutsche Medien berichtet, in der Redaktion der Talkshow von Andreas Türck gearbeitet.

Mitte der 1990er Jahre sieht Heyna eine der ersten deutschen QVC-Sendungen und kommt aus dem Lachen nicht mehr raus. Ein Freund prophezeit: “Wenn du so weiter machst, wirst du dort auch mal landen.” 2001 soll er recht bekommen: Heyna bewirbt sich bei QVC und präsentiert beim Casting die Perlenkette seiner Oma so überzeugend, dass er genommen wird.

Ein halbes Jahr will er den Job machen, Live-Erfahrung sammeln. Dann die Medienkrise, Entlassungen überall. Aber Teleshopping funktioniert weiter, Heyna hat eine Festanstellung. “Das Einzige, was ich relativ gut kann, ist viel reden. Und ich habe Leute gefunden, die mir fürs Reden auch noch Geld geben.” Er bleibt und kommt auf bis zu 700 Stunden Live-Moderation im Jahr, mehr als Günther Jauch, Johannes B. Kerner und Barbara Schöneberger zusammen.

Heute sendet er seltener. Denn er hat ein zweites Standbein: den Schlager. Heyna wächst auf mit der Musik von Wolfgang Petry, Jürgen Drews, Bernhard Brink: “Mit meiner Oma ‘Musikantenstadl’ anzuschauen, war immer ein Highlight.” Schauspielerin Isabel Varell überzeugt ihn irgendwann in Champagnerlaune, eine CD aufzunehmen. Obwohl er eigentlich nicht singen kann.

Teleshopping- und Schlager-Fans überschneiden sich. Also verkauft Heyna seine erste CD über QVC, 10.000 Stück an einem Tag. Sieben Alben hat er inzwischen aufgenommen, seit 2016 bespielt er die Kleinstadt-Hallen der Republik. “Von mir erwartet der Zuschauer keine hohe Musikkunst, sondern Unterhaltung.” Man merkt ihm den Spaß an, den er daran hat, seinen vor allem älteren Fans eine Freude zu bereiten.

Mit Heynas Empathie für alte Menschen schließt sich der Kreis. In Köln betreibt er einen ambulanten Pflegedienst. Mit 70 Mitarbeitern, Tendenz steigend, ist die Veedelspflege einer der größten Anbieter der Region. Und Heynas Plan C, sollten Teleshopping und Schlager einmal nicht mehr funktionieren.

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