Berufe mit Zukunft: S wie Storyteller – Lukas Kircher.

Beobachter und Erzähler: C3-Gründer Lukas Kircher ist einer der erfolgreichsten Storyteller Deutschlands. Im Porträt von Jens Twiehaus verrät er, was eine gute Geschichte mitbringen muss, warum es für ihn logisch ist, Marketing und Journalismus zu verknüpfen und dass Erfolg für ihn erfüllende Aufgaben sind.

Das Porträt über Storyteller Lukas Kircher finden Sie auch in unserem frei zugänglichen E-Paper zur “turi2 edition #8” auf Seite 179.

Lukas Kircher wirkt entspannt. Der Gründer der 700 Mitarbeiter starken Agentur C3 kommt selbst zum Empfangstresen und zeigt den Weg zum Aufzug. Zeit? Nimmt er sich. Zwei Stunden, dann haben Kirchers Kinder eine Schulaufführung. Vielleicht spielt er später selbst noch. Kircher hat sich ein Grafikprogramm heruntergeladen, um was mit Augmented Reality zu probieren. Am liebsten ist ihm aber die Realität hinter den Bürofenstern in Berlin-Mitte: Zur einen Seite schaut er auf eine Shopping-Passage, zur anderen auf einen Plattenbau. Er mag die Platte lieber, weil dort echtes Leben stattfindet. Männer mit Bierbauch rauchen im Unterhemd am Fenster.

Kircher ist verspielt, ein Beobachter und Erzähler. Das macht den gebürtigen Österreicher zu einem der erfolgreichsten Storyteller Deutschlands.
Zeit für eine Erklärung: Was definiert eine Story? Eine gute Geschichte, setzt Kircher an, sei das ideale Format für unser Gehirn. Eine Erzählung, die über Emotionen etwas im Kopf bewegt. “Und plötzlich gehen wir mit.” Wie in früher Kindheit, wo zwei Drittel der Zeit aus Träumerei bestehen. Der vierfache Vater hat aus dieser Begeisterung ein Storytelling-Unternehmen aufgebaut – mit zehn oder zwölf Standorten, weiß er selbst nicht genau. In seinen Büros arbeiten Leute im Auftrag von Konzernen und erzählen Geschichten so, wie sie den Kunden passen.

Bei C3 ist Kircher zwar nicht mehr operativer Geschäftsführer, sondern als Miteigentümer eine Art Berater im eigenen Unternehmen. Doch sein Name bleibt verbunden mit einer maßgeblichen Entwicklung: Lukas Kircher brachte mit seinem Partner Rainer Burkhardt das Content Marketing aus den USA nach Deutschland. Manche feiern ihn als Marketing-Innovator, andere verdammen ihn als Totengräber des Journalismus. Seine Version, wie er die “zwei Gewerke aufeinander gehetzt” hat, geht so: Kircher war als Zeitungsdesigner fasziniert von journalistischer Arbeit – der Herausforderung, blitzschnell und möglichst präzise auf Ereignisse zu reagieren. Gleichzeitig interessiert er sich für Marketing, das im besten Fall Kunden auf ein spannendes Produkt aufmerksam macht. Für Kircher ist es logisch, beide Welten zu verknüpfen. Er spürt Interesse von beiden Seiten und hofft auf eine bessere Zukunft als im rückläufigen Geschäft mit Verlagen. Die Wette geht auf, Kircher setzt einen Trend.

Landläufig würde man ihn nicht als unerfolgreich bezeichnen, sagt Kircher in aller Bescheidenheit. Aber: “Für mich ist Erfolg ein zu hysterisch benutzter Begriff. Ich bin ein von Karl Popper geprägter Mensch: Alles Leben ist Problemlösen. Ich suche mir eine Aufgabe, sehe ein Problem und löse es – das ist meine Definition von Erfolg.” Klingt pragmatisch, ist am Ende aber Definitionssache. “Erfolg kann sein, einen Nagel einzuschlagen, ohne sich die Finger blau zu machen. Das kann der Bau eines 100-Millionen-Unternehmens sein. Oder vier gesunde Kinder zu haben”, sagt Kircher – über sein Leben.

Kircher hat auch noch praktische Tipps parat. Zum einen: “Alle guten Lösungen entstehen aus Diversität.” Darum bedeutet Storytelling bei C3, dass Grafiker mit Programmierern und Redakteuren arbeiten. Der zweite Tipp ist für den Nachwuchs: “Entscheide dich nach dem Studium nicht für den richtigen Job, sondern für den richtigen Chef.” Ein Erfolg für Lukas Kircher ist auch, dass einer wie er frei von Allüren ist. Als die Kamera auf ihn gerichtet wird, streicht er nicht das Haar zurecht, sondern greift Grimassen schneidend zum Telefonhörer. “Ha! Das sieht dann aus wie ein richtig schlechtes Stockfoto.”

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